# taz.de -- Streit in AfD Sachsen-Anhalt eskaliert: Abgeordneter des Bundestags erhebt Vorwürfe gegen „Pokerrunde“
> Dem AfD-Abgeordneten Jan Wenzel Schmidt droht der Parteiausschluss. Jetzt
> wirft er Gegnern Vetternwirtschaft, Privatreisen auf Steuerkosten und
> Straftaten vor.
(IMG) Bild: Jan Wenzel Schmidt, Mitglied der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag, rechnet mit seinen Parteifreunden ab
Es kracht in der AfD Sachsen-Anhalt – und zwar so richtig: Der taz liegt
eine Mail vor, in welcher der zuletzt stark in der Kritik stehende
Bundestagsabgeordnete Jan Wenzel Schmidt zur Generalabrechnung mit seinen
„Parteifreunden“ ausholt. Er wirft großen Teilen des Landesvorstands „ein
regelrecht krankhaftes Verhalten und einen völlig psychopathischen
Fanatismus in der innerparteilich völlig überflüssigen Auseinandersetzung“
vor. Einige der Akteure gehörten auf die „Anklagebank und nicht auf die
Regierungsbank!“, so Schmidt. Zuerst hatte der Newsletterdienst [1][Table
Media über die Mail] berichtet.
Unter Druck stand Schmidt zuletzt unter anderem wegen mutmaßlich fingierter
Minijobs in seinem Bundestagsbüro, seinen Unternehmertätigkeiten und
Kontakten zum verurteilten chinesischen Spion Jian G. Vor wenigen Tagen
wurde ihm in einer [2][geleakten Mitgliederrundmail] ein
Parteiausschlussverfahren angedroht.
Allerdings haben es auch Schmidts Vorwürfe in sich. Schon im Betreff wirft
er dem Landesvorstand „parteischädigendes Verhalten“ vor. „Durch die
gezielte Weitergabe interner Sachverhalte an die Presse sowie durch die
Schmäh-E-Mail aus dem Umfeld des Landesvorstandes ist eine rote Linie
überschritten worden“, schreibt er. Sein Ruf werde öffentlich beschädigt
und falsche Tatsachenbehauptungen verbreitet. Welche Punkte er dabei
konkret meint, bleibt vorerst unklar.
Seit neun Monaten würde systematisch gegen Schmidt und seine Familie
vorgegangen – koordiniert aus einem festen Personenkreis, der
innerparteilich als „Pokerrunde“ bekannt sei. Dazu zählten insgesamt 8
Personen, darunter sein Fraktionskollege, der Landesvorsitzende aus
Sachsen-Anhalt Martin Reichhardt, ebenso der Fraktionsvorsitzende im
Landtag und Vize-Landeschef, Oliver Kirchner, und weitere Personen,
darunter mehrere hochrangige AfD-Funktionäre (Jan Moldenhauer, Hans-Thomas
Tillschneider, Philipp Anders Rau, Tobias Rausch, Matthias Büttner, Gordon
Köhler).
## Spitzenkandidat Siegmund soll das Verhalten decken
Besonders brisant: „Politisch mitgetragen und gedeckt wird dieses Vorgehen
durch Ulrich Siegmund als Spitzenkandidat und Mitglied des
Landesvorstandes.“ Der lasse sich „leider“ von dieser Gruppierung
involvieren, bedauert Schmidt in seiner Mail. „Es wäre klüger, sich von
solch schädlichen Akteuren und Verhalten zu lösen“, rät er dem
Spitzenkandidaten.
Dann hält er dem Landesvorstand diverse Missstände vor. Darunter:
„Privatreisen unter dem Deckmantel parlamentarischer Tätigkeit“,
„Auslandsreisen mit fehlender oder nachträglich konstruierter Terminlage
(Griechenland, Disney Land, New York)“, „Reisen mit rein gesellschaftlichem
Charakter, bei denen lediglich einzelne Abendveranstaltungen wahrgenommen
wurden“, „Sightseeing-Reisen ohne sachlichen Mandatsbezug“ – und man
bekommt auch eine Ahnung, woher der Spitzname „Pokerrunde“ kommt: Es gäbe
„Dienstreisen nach Berlin, deren Ziel die dortige Spielbank war“.
Ebenso spricht Schmidt von Vetternwirtschaft und „schwerwiegenden
Verquickungen“, die „besonders perfide“ seien, weil ihm selbst „Minijobs“
vorgeworfen würden. Er schreibt: Mindestens fünf Landesvorstandsmitglieder
haben oder hatten ihre Ehefrauen über Abgeordnete beschäftigt, mehrere
hätten auch Geschwister oder Kinder über Abgeordnete anstellen lassen, ein
Landesvorstandsmitglied habe gleich drei Geschwister über
Abgeordnetenstellen vergütet. In einem Fall werde ein
Landesvorstandsmitglied mit fast 8.000 Euro brutto monatlich aus
öffentlichen Mitteln vergütet.
Schmidt schreibt, er könne das alles belegen – „wer vor diesem Hintergrund
selektiv moralisiert und gleichzeitig selbst profitiert, handelt nicht
glaubwürdig, sondern parteischädigend.“ Und geht dann zu einer Drohung über
– „unabhängig davon, ob formell eine Ordnungsmaßnahme eingeleitet wird oder
nicht“: „Ab der zweiten Januarwoche werde ich wöchentlich strukturierte
Mails an Bundesvorstand und Landesvorstand senden.“ Jede Mail solle
konkrete Beweise, Zahlen, Namen und Dokumente enthalten, das Ziel sei
„vollständige Transparenz – intern zuerst“.
Schmidt spricht andeutungsweise auch von „unzulässigen unternehmerischen
Verquickungen“, „Vorgängen mit Bezug zu falschen Privatinsolvenzen“,
„mögliche strafrechtlich relevante Handlungen“ und „nachweisliche
Falschangaben zur Kommunalwahl und Aufnahmen im Kreisverband Jerichower
Land“ sowie „massive innerparteiliche Einflussnahmen auf wirtschaftliche
Beteiligungen“.
## Landtagsverwaltung prüft AfD-Fahrtkosten
Schmidt kündigt an, dass er seine Vorwürfe mit Fakten und Beweisen
unterlegen will, behauptet sie aber in seiner Mail zunächst pauschal. Was
es allerdings schon gibt, sind [3][Prüfungen der Landtagsverwaltung zu
Fahrtkosten von AfD-Abgeordneten].
Auf taz-Anfrage heißt es von der Landtagsverwaltung, dass darüber
hinausgehende Vorwürfe erst jetzt bekannt geworden seien. Die
Landtagsverwaltung habe sich zur Klärung „unverzüglich“ schriftlich an
Schmidt gewendet. Aus den vorliegenden Unterlagen ließe sich bislang nicht
erkennen, „dass falsche, wahrheitswidrige Angaben mit dem Ziel der
Erstattung von Fahrkosten, auf die kein Anspruch besteht, gemacht wurden“.
Schmidt sei zur Konkretisierung der von ihm erhobenen Vorwürfe aufgefordert
worden.
Der Landesvorstand Sachsen-Anhalt und Spitzenkandidat Ulrich Siegmund
hielten sich auch auf taz-Anfrage komplett bedeckt zu den Vorwürfen. Sie
antworteten, „dass sich die Landespartei zu laufenden internen Vorgängen
öffentlich nicht äußern wird“.
Den Streit intern zu halten, stellt Schmidt dann allerdings auch in
Aussicht: Er droht, seine Mail sei die letztmalige Möglichkeit, die
Vorgänge intern aufzuarbeiten, bevor sie zwangsläufig parteiöffentlich
werden.
Den Landesverband durchzieht ein schon länger schwelender Konflikt. Bereits
im Februar war Schmidt als Generalsekretär von Sachsen-Anhalt
zurückgetreten und wollte sich auf Berlin konzentrieren. Allerdings ist der
Streit offenkundig nicht beigelegt.
## China-Connection und Vape-Firma
Allerdings sind auch die Vorwürfe gegen Jan Wenzel Schmidt noch nicht
ausgeräumt. Seine „Parteifreunde“ hatten offenbar kompromittierendes
Material durchgestochen. Und das sah für ihn nicht gut aus: Das [4][Portal
t-online berichtete] über eine Reise nach China mit Maximilian Krahs
mittlerweile als Spion verurteilten Mitarbeiter Jian G. sowie ein damit
zusammenhängendes Unternehmen zum Handel künstlicher Diamanten, in dem auch
Schmidts Familienmitlieder beschäftigt sein sollen.
Zudem [5][berichtete der Spiegel] noch über Schmidts E-Zigarettenfirma, von
der mehrere Mitarbeiter auf Steuerzahlerkosten in Schmidts Bundestagsbüro
angestellt worden sein sollen – darunter der Geschäftsführer, mit dem
Schmidt sich offenbar überworfen hatte. Der Geschäftsführer versicherte im
Spiegel-Bericht, dass er ohne jegliche Leistung angestellt worden sei.
Auf taz-Anfrage kommentierte Schmidt dazu, es handele sich um „eine
gezielte Kampagne von einer Klüngelgruppe in der Partei, die bereit sind,
jegliche Grenzen zu überschreiten“. Dabei werde keine Rücksicht auf
Verluste genommen. Es werde gezielt der Konflikt gesucht und die Partei
damit öffentlich beschädigt. „Die mir unterstellten Vorwürfe sind absurd
und werden von mir zurückgewiesen“, sagte Schmidt.
Der Landesvorstand Sachsen-Anhalt zeigte sich von Schmidts Dementis bislang
unbeeindruckt: Am Montag soll das Parteiausschlussverfahren gegen Schmidt
eingeleitet werden. Ob es nun wirklich dazu kommt, scheint nach Schmidts
Mail offen. Falls ja, beendete Schmidt seine Mail vorsorglich mit einem PS:
„Mir ist völlig bewusst, dass das nur die Spitze des Eisberges ist. Es gibt
noch etliche weitere Beispiele. Niemand muss besorgt sein, dass ich
jemanden vergesse.“
18 Dec 2025
## LINKS
(DIR) [1] https://table.media/berlin/news/afd-streit-in-sachsen-anhalt-ex-generalsekretaer-belastet-landesvorstand
(DIR) [2] https://www.welt.de/politik/deutschland/article6938446f91e8695eab4430a0/jan-wenzel-schmidt-afd-sachsen-anhalt-will-bundestagsabgeordneten-ausschliessen-der-wittert-eine-kampagne.html
(DIR) [3] https://www.volksstimme.de/sachsen-anhalt/afd-bundestagsabgeordneter-nimmt-afd-landtagsabgeordnete-ins-visier-landtagsverwaltung-pruft-nun-fahrtkosten-vorwurfe-4166543
(DIR) [4] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_100848262/afd-und-der-spion-aus-china-familie-schmidts-diskrete-diamantendeals.html
(DIR) [5] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/vorwuerfe-gegen-afd-bundestagsabgeordneten-die-seltsamen-geschaeftspraktiken-des-herrn-schmidt-a-40a25167-6caf-4237-b934-40c21671b5a5
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