# taz.de -- Studie zu Rechtsradikalen an Hochschulen: Die Sprachlosigkeit der Universitäten
       
       > Institutionelle Sprachlosigkeit und Vereinzelung prägen den Umgang mit
       > rechtsextremen Vorfällen. An Unis sind Betroffene häufig auf sich allein
       > gestellt.
       
 (IMG) Bild: Der mittlerweile verurteilte Franco A
       
       Rassistische Parolen in Vorlesungen, [1][Hakenkreuze auf dem Unicampus]
       oder gar ein Nazi als Professor. Rechtsextremismus an Hochschulen kennt
       viele Erscheinungsformen. Die meisten Universitäten positionieren sich in
       Leitlinien gegen Diskriminierung. Doch im Umgang mit extrem rechten
       Vorfällen sind Betroffene häufig auf sich allein gestellt, wie die neue
       Studie „Rechtspopulismus und Rechtsextremismus an Hochschulen“ der
       Otto-Brenner-Stiftung zeigt.
       
       Auf Grundlage von Interviews mit Studierenden und wissenschaftlichem
       Personal stellen die Autoren Lukas Otterspeer (Erziehungswissenschaftler)
       und Christoph Haker (Soziologe) unter anderem eine „organisierte
       Vereinzelung“ fest. Das heißt: Ob und wie auf rechtsextreme Vorfälle
       reagiert wird, hängt oft vom Engagement und den Fähigkeiten Einzelner ab.
       Einen Grund dafür sehen die beiden Autoren darin, dass Hochschulen kaum
       Strukturen für einen kollektiven Umgang mit Rechtsextremismus
       bereitstellen. Neutralitätsansprüche in Hochschulen würden diese Tendenz
       zudem befördern.
       
       Doch was bedeutet das genau? Schließlich bleiben Hochschulen meist nicht
       untätig. An vielen Universitäten gibt es inzwischen verschiedene
       Anlaufstellen für Betroffene, beispielsweise
       Antidiskriminierungsbeauftragte und Beratungsangebote. Zudem positionieren
       sich die meisten Universitäten in Stellungnahmen und Leitlinien für
       Vielfalt und gegen Diskriminierung.
       
       Zwischen der Selbstbeschreibung von Hochschulen und der Realität klaffe
       aber ein Bruch, sagt Studienautor Haker im Gespräch mit der taz. Wenn es zu
       Vorfällen an Hochschulen komme, gebe es oftmals „keine klaren Strategien“,
       so der Soziologe. „Betroffene fühlen sich mit extrem rechten Vorfällen
       häufig alleingelassen und müssen selbst überlegen, wie sie mit diesen
       Vorfällen umgehen“, sagt Haker.
       
       Doch wie häufig kommt es an Unis zu solchen Situationen? [2][Und wie
       verbreitet sind rechte Einstellungen an deutschen Hochschulen]? Zahlen zu
       extrem rechten Einstellungen unter dem Personal an Hochschulen gibt es
       nicht. Mit Blick auf die Studierendenschaft konstatieren Otterspeer und
       Haker, man könne anhand von Ergebnissen aus der Einstellungsforschung
       „vorsichtig schlussfolgern“, dass der Anteil der Studierenden mit
       rechtsextremer Orientierung „relativ gering“ sei.
       
       Zugleich zeichne sich jedoch ab, dass der Anteil derjenigen Studierenden
       steige, der sich gegenüber extrem rechten Einstellungen neutral verhält.
       Untersuchungen wie etwa die Studierendenbefragung des Deutschen Zentrums
       für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zeigen zudem, dass rund ein
       Viertel der Studierenden im Studium Diskriminierung erfährt.
       
       Schon ein einzelner rechter Fall an Universitäten kann drastische
       Auswirkungen auf die Sicherheit und das Wohlbefinden vieler haben.
       [3][Besonders deutlich wird das etwa am Beispiel des inzwischen
       verurteilten Rechtsterroristen Franco A]. Dieser gab sich als syrischer
       Geflüchteter aus, hortete Waffen und plante Anschläge.
       
       Und er war noch während des laufenden Prozesses gegen ihn an der
       Universität in Frankfurt am Main im Fach Jura eingeschrieben. [4][Teile des
       Lehrpersonals, der AStA und Studierende forderten deshalb 2021 von der
       Universität ein Schutzkonzept]. Die Unileitung reagierte in einer
       Stellungnahme jedoch lediglich mit einem Pflichtbekenntnis gegen
       „extremistische und terroristische Einstellungen oder Handlungen“. Eine
       Universität habe in solchen Fällen „keine universitären Sonderbefugnisse“,
       hieß es darin weiter.
       
       „Institutionalisierte Sprachlosigkeit“ 
       
       Eine solche Reaktion folge einem Muster, „das für den Umgang mit
       Rechtsextremismus […] im deutschen Wissenschaftsbetrieb typisch zu sein
       scheint“, resümieren Haker und Otterspeer in ihrer Studie.
       „Institutionalisierte Sprachlosigkeit“ nennen Haker und Otterspeer das.
       Diese drücke sich darin aus, dass die „(impliziten) Normen in Hochschulen“
       nicht ohne Weiteres dazu geeignet seien, einen Umgang mit Rechtsextremismus
       zu finden.
       
       Rechtsextremismus werde in Leitlinien und Stellungnahmen von Hochschulen
       häufig als ein externes Problem beschrieben, sagt Haker. Doch Hochschulen
       müssten Rechtsextremismus auch „als ein eigenes Problem begreifen“.
       
       „Das würde beispielsweise bedeuten, dass Hochschulen sich darüber
       informieren, welche lokalen Gegebenheiten im Bereich Rechtsextremismus
       vorhanden sind“, so der Soziologe. Dazu gehöre etwa, die Situation in der
       jeweiligen Stadtgesellschaft ebenso in den Blick zu nehmen wie lokale
       Burschenschaften und ihre Vernetzung oder Aktivitäten der AfD im
       Hochschulumfeld.
       
       Was der Fall Franco A. an der Uni Frankfurt jedoch auch deutlich macht: Die
       Betroffenen bleiben oft nicht handlungsunfähig, sondern verbünden sich,
       sprechen Missstände an und stellen Forderungen. Otterspeer und Haker sehen
       jedoch vor allem die Universitäten in der Verantwortung, etwas zu ändern.
       In ihrer Studie plädieren die beiden Autoren deshalb für eine
       „Diversifizierung“ der Hochschulen.
       
       So müssten etwa Perspektiven der Betroffenen stärker anerkannt werden und
       es müsste ihnen in Hochschulen solidarisch begegnet werden. Zudem müsse es
       „klare Ansprechpartner für Betroffene von Rechtsextremismus geben“, sagt
       Haker. Diese müssten parteiisch sein, „und in der Lage, die Perspektive von
       Betroffenen einzunehmen“. Mit Blick auf die konstatierte Sprachlosigkeit
       bedeute dies, dass Universitäten etwa Fortbildungsangebote für das
       wissenschaftliche und administrative Personal anbieten. „Hochschulen müssen
       Rechtsextremismus proaktiv zum Thema machen“, so Haker.
       
       7 Jan 2026
       
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