# taz.de -- Tagebücher von Arno Schmidt: Der eigenen Radikalität nicht gewachsen
       
       > Das einzig erhaltene Tagebuch von Arno Schmidt behandelt die Jahre von
       > 1957 bis 1962. Es zeigt das Bild eines rastlosen, genialischen
       > Einzelgängers.
       
 (IMG) Bild: Eine Art Selfie: literarischer Schatten auf Heidelandschaft
       
       Wie Arno Schmidt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zu seiner
       unverwechselbaren artistischen Schreibweise fand, gehört zweifellos zu den
       aufsehenerregendsten Ereignissen der jüngeren Literaturgeschichte. Ohne
       James Joyce bereits zu kennen, schuf er sich seine eigene Avantgarde,
       nachdem er sich vor 1945 noch in altdeutsch-romantischen Fluchtbewegungen
       versucht hatte. Vor dem Hintergrund seiner Kriegserfahrungen entstanden
       Texte, die im Umfeld der frühen Bundesrepublik wie Einschläge von einem
       anderen Stern anmuteten.
       
       Dass er sich dabei durchaus in einer spezifisch deutschen Genie-Tradition
       sah, zeigt sich schon darin, wie er 1948 seine Frau Alice dazu brachte, ein
       Tagebuch zu führen – sie solle den Alltag seiner literarischen Tätigkeit
       zeigen, seine Produktionsweise. Der Seitenblick auf die Nachwelt ist
       unverkennbar. Von 1957 bis 1962 hat Arno Schmidt dann selbst Tagebuch
       geführt.
       
       Wie alle Editionen der Arno Schmidt Stiftung wird es nun im Stil eines
       deutschen Klassikers präsentiert: ein großformatiger, edel gestalteter
       Band, bei dem die Seite gegenüber dem eigentlichen Text den ausgiebigen,
       detailverliebten und im Arno-Schmidt-Umfeld gewohnten lustvoll-nerdhaften
       Kommentar enthält. Zusätzlich wurde jede Kommentarseite mit einem
       Privatfoto aus dem Schmidt’schen Haushalt versehen, sodass eine ganz eigene
       Art von Kunstwerk um die stakkatoartigen, meist nachrichtlichen und fast
       stenografisch verknappten kurzen Tageseinträge entsteht.
       
       ## Konflikte mit seiner Frau Alice
       
       Im Juli 1956 hatte Alice Schmidt mit ihrem Tagebuch aufgehört – die Gründe
       dafür sind nicht eindeutig zu rekonstruieren. Es fällt allerdings auf, dass
       Alice anfangs noch sehr darauf bedacht war, die Äußerungen und Überlegungen
       ihres Mannes so getreu wie möglich festzuhalten, sie schrieb bewundernd und
       als Fan. Mit der Zeit traten bei ihr jedoch immer mehr eigenständige
       Interessen und Beobachtungen in den Vordergrund, und dass es dabei zu
       Konflikten kam, ist im Tagebuch des Schriftstellers selbst klar zu
       erkennen.
       
       Es hat eine merkwürdig widersprüchliche Form. Für die Nachwelt festgehalten
       wird vor allem das enorme Arbeitspensum, jeden Tag Schreiben, Lesen,
       Exzerpieren, Übersetzen, Kommentieren, meist mit genauen Stundenangaben,
       und dazu die Tätigkeit von Alice: Gegenlesen, Korrektur,
       Ins-Reine-Schreiben, Korrespondenzen. Charakteristische Formeln wie
       „Murksen“ oder „Wurmisieren“ weisen auf vorbereitende Überlegungen hin.
       
       Dazwischen gibt es jedoch immer mal wieder auch cholerische Ausfälle, gegen
       Freunde und Besucher, aber oft auch gegen Alice. Das ist gelegentlich so
       übersteigert und unmittelbar, dass man sich fragt: Welches Bild von sich
       will Arno Schmidt dabei vermitteln? Eine unberechenbare Kunstfigur? Ein
       wahnwitzig einzig und allein auf sein Werk sich kaprizierendes
       Originalgenie? Ein Spiegelbild des gequälten, unverstandenen deutschen
       Geistes? Oder ist es vielleicht doch viel banaler: Vergisst er sich
       manchmal einfach und überführt seine Gefühlsausbrüche ungefiltert wie ein
       Pennäler ins Tagebuch?
       
       Ein entscheidender Einschnitt im Zeitraum dieses Tagebuchs ist im Dezember
       1958 der Umzug aus der Großstadt Darmstadt ins entlegene niedersächsische
       Dorf Bargfeld bei Celle, wo ein altes Häuschen gekauft wird. Hier stößt
       Arno Schmidt auf die [1][weite, einsame Landschaft,] die er sucht. Für
       Alice „Lilli“ Schmidt, die großen Wert auf soziale Kontakte legt, hat
       dieser Entschluss weitreichende Folgen („Lilli heult beim Erwachen: ob des
       Kaufes!!!! Was ist los?“) Und es mehren sich Einträge wie der, dass Lilli
       sich „sehr gemein“ benehme: „Sie hat keine Ahnung, wer ich bin und was ich
       leiste.“
       
       ## Furiose erste Bücher
       
       Natürlich leben die beiden von Arno Schmidts Arbeiten, die er in rastloser
       Eile für Zeitungen und Rundfunkanstalten produziert, weniger von seinen
       zentralen literarischen Texten. Ernüchternd sind die Abrechnungen vom
       Rowohlt Verlag, in dem Schmidts furiose erste Bücher entstanden sind. Im
       zweiten Quartal 1959 wurden von „Leviathan“ 32 Exemplare verkauft, von
       „Brand’s Haide“ 41 und von „Aus dem Leben eines Fauns“ 39.
       
       Von diesen heute als wegweisend gehandelten Werken gingen in den ersten
       zehn Jahren ihres Erscheinens insgesamt nur ein paar Hundert Exemplare über
       den Ladentisch. Umso häufiger nahm Arno Schmidt diverse Brotarbeiten an und
       beklagte sich bei Alice, dass sie mit seinem Pensum nicht mitkam: „Sie
       drückt sich, wo sie kann, vor der Arbeit“, und bei einem Spaziergang
       vermerkt er: „Lilli stört sehr durch endlos-gieriges Blaubeerenessen.“
       
       Nein, ein Sympathieträger ist dieser Jahrhundertautor nicht. Und man hat
       den Eindruck, dass er in genau dieser Vorstellung lebt: Ein großes Werk
       frisst das Leben von innen her auf, wenn man es richtig ernst meint. Sein
       Furor und sein Aggressionspotenzial sind enorm. Ihr Fett wegkriegen immer
       die „Bauernschweine“ aus dem Dorf: sie „hacken an den Gräben und Rinnsalen
       die Bäumchen um“, und sie haben „doch tatsächlich die beauty von Erle am
       Schmalwasser-Brückchen weggesägt!“
       
       ## Hoffentlich kommt Rühmkorf nicht
       
       Dass sein Gönner und Geldgeber Wilhelm Michels bloß ein „Kaulquappen-Typ“
       ist, überrascht da nicht weiter, auch der junge Freund Hans Wollschläger
       wirkt erst einmal „sehr hinfällig und überzüchtet“. Am schlimmsten ist
       Besuch. Einmal sind die „Schlotters“, wichtige Freunde, in zwei
       Generationen da: „15.30h – 21h!!! schrecklich!“ Oder: „[2][Rühmkorf will
       10. kommen] – hoffentlich nicht!“
       
       Hier ist die obsessive Besetzung von Literatur, die radikale Umsetzung von
       Leben in hochkomplexe, diverse Wort- und Semantik-Effekte bündelnde Texte
       buchstäblich über Grenzen gegangen. Es ist verblüffend, wie buchhalterisch
       Arno Schmidt die Umstände festhält: morgens, bei Beginn des Tagwerks,
       zeigen gezeichnete Gläschen den Alkoholkonsum an, der die Arbeit erst so
       richtig befeuert, meist ist es Rum oder Korn in hoher Dosierung. Das
       wechselt ab mit Kaffee und geht abends über in starke Schlafmittel mit
       hohem Suchtpotenzial. Auch die Erektionsstörungen, die damit einhergehen,
       werden penibel festgehalten – Geschlechtsverkehr und Onanie sind
       statistisch genauso erfasst.
       
       In dieser Zeit entwickelt Arno Schmidt neue Ansätze für sein Spätwerk, in
       dem sexuelle Dispositionen und psychoanalytische Begriffsspiele eine große
       Rolle spielen – das Tagebuch wirkt da wie eine Einübung in die Textgenese.
       Manchmal entsteht der Eindruck, dass der Umzug nach Bargfeld, trotz des
       später mythisch verklärten dichterischen Einsiedlerdaseins dort, für Arno
       Schmidts Werk eine eher zwiespältige Weichenstellung war.
       
       Das Überwältigende seines Frühwerks geht über in Text-Architekturen, die
       [3][etwas Manieristisches] entwickeln. Ein Übergangswerk ist sicher „Kaff
       auch Mare Crisium“ aus der ersten Bargfelder Phase. Schmidt notiert dazu:
       „Es hat doch noch ungefähr dasselbe Niveau wie die früheren.“ So richtig
       war er seiner eigenen Radikalität vielleicht doch nicht gewachsen.
       
       3 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Vermessung-der-Lueneburger-Heide/!5347768
 (DIR) [2] /Briefwechsel-Reich-Ranicki-und-Ruehmkorf/!5015536
 (DIR) [3] /Die-Wahrheit/!5647612
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Helmut Böttiger
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Literatur
 (DIR) Tagebücher
 (DIR) Arno Schmidt
 (DIR) Frauenrolle
 (DIR) Schriftsteller
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Michael Rutschky
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Anja Kampmann Roman: Als die Nazis kamen
       
       Wie über eine Gesellschaft schreiben, in der sich die Schlinge zuzieht? So
       wie Anja Kampmann in „Die Wut ist ein heller Stern“, der in den 30er Jahren
       spielt.
       
 (DIR) Tagebücher eines Publizisten: „Ich nehme den Wildtopf Diana“
       
       Die Tagebücher des Essayisten Michael Rutschky bieten ein großartiges
       Sittenbild der westdeutschen Intelligenz in den frühen achtziger Jahren.
       
 (DIR) Arno Schmidts "Zettel's Traum": Die Neuentdeckung eines Dinosauriers
       
       Arno Schmidt war ein Ausnahmeliterat und sein Werk "Zettel's Traum" ist ein
       Buch im Ausnahmeformat. Erst jetzt konnte es so erscheinen, wie es der
       Autor wollte.