# taz.de -- Rhein-Main-Rapdämmerung: Krankfurt steht unter Strom
       
       > Seit der Netflix-Doku über Haftbefehl besteht eine irrationale Sehnsucht
       > nach Gangstarap aus Frankfurt und Offenbach. Geschichte eines
       > Missverständnisses.
       
 (IMG) Bild: Flohmarkt: Gucci QZI in Frankfurt-Bonames
       
       Frankfurt am Main: Ob Bahnhofsgegend oder Bankenviertel, anscheinend
       regiert organisierte Kriminalität. „069, Koks und Prostitution“ – so will
       es der Reim aus „Welcome to Frankfurt“ der Lokalhelden Celo, Abdi und Ramo.
       Offenbach: Ausländeranteil rund 40 Prozent, schnelle Autos,
       Trabantenviertel und Messerstechereien. „Mandalagemälde ins Gesicht / 100
       Prozent Straße“, dichtet der Rapper Mufasa069 über seine Heimatstadt.
       
       Allen in Rhein-Main geht es ums Geld, um „Schnapp“ – egal wie. „Jeder Assi
       hier ist gegen den Strom“, sagt Vega, Rapgröße und Teil der Ultraszene von
       Eintracht Frankfurt. „Assi“, so werden hier vom 12-jährigen „Läufer“
       (Straßenverkäufer) auf der Offenbacher Geleitstraße bis zum 62-jährigen
       Investmentbanker im Commerzbanktower alle bezeichnet.
       
       Hauptsache Warenhandel. Ob Aktien, Sex oder Drogen. Alle hustlen rund um
       die Uhr und unter irrem Konkurrenzdruck. „Entweder du gehst mit der Zeit /
       Oder du gehst mit der Zeit“, warnt sil3a, Rapper aus dem Frankfurter
       Dschungel, der sein Gesicht konsequent mit Louis-Vuitton-Tuch verdeckt –
       aus Geschäftsgründen. Kein Wunder, dass sich „jeder Mann alleinestehend
       fühlt“ (Celo, Abdi, Ramo abermals im Frankfurter Willkommenslied).
       
       ## An den Wolken kratzen
       
       Konkurrenzdruck eben, deshalb versinken die Träume im Main. Wo die Häuser
       der Skyline an den Wolken kratzen, winken der schnelle Erfolg und das große
       Geld. „Alles dreht sich um Fleisch“, weiß Rapper Hanybal aus der
       Frankfurter Nordweststadt.
       
       Hustlerrealitäten mit unterschiedlichen Ankerpunkten werden mit derselben
       Business-Mentalität bewältigt: Sky is the Limit in Mainhattan, Zeit ist
       Geld, schnelles Leben. „Flexculture“, so könnte man diesen US-inspirierten
       Lebensstil bezeichnen. Ob Chef des Chefs des Chefs des kleinen Offenbacher
       Pushers, Chefvolkswirt oder Topmanager, alle treffen sich beim
       Luxusshopping in der Goethestraße. Bei Burberry, in Praxen für plastische
       Chirurgie und Autohäusern für Edelkarossen, mit Luxus wird der Struggle
       belohnt, besser: befriedet.
       
       Der eigene Lebensweg, die alltäglichen Entbehrungen versprechen plötzlich
       Sinn zu stiften. Aber: „Alles fällt, was mal oben ist“ (Ramo) und „Alle
       Träume platzen hier, auch wenn du dachtest, ist nicht so bei dir / Alle
       Träume platzen hier“ (Hanybal). [1][Nicht erst die Haftbefehl-Doku auf
       Netflix hat das an einer Künstlerperson veranschaulicht.] Der soziale
       Abgrund wartet gleich um die Ecke.
       
       Für viele bleibt nur der Existenzkampf. Da schauen die elitären
       bürgerlichen Milieus anderer deutscher Großstädte doch gern zu. Zu sehen
       sind drei für Rhein-Main typische Kulturen, in welcher die steinigen Wege
       nach oben verarbeitet werden – inklusive der Abstiegsängste:
       körperkulturell durch Kampfsport, psychokulturell mit Drogenkonsum und
       sprachmusikalisch als Gangstarap.
       
       ## Hochhaus-Härteniveau
       
       Dient das Rhein-Main-Gebiet also als Folie für besonders krasse
       Mixed-Martial-Kämpfe, eine große Drogenszene und düsteren Gangstarap? An
       das Härteniveau von Rap aus den Offenbacher Hochhausvierteln kommt
       bundesweit wenig ran. Echt real, befindet auch das urbane
       bildungsbürgerliche Milieu. All Eyes on Frankfurt und Offenbach.
       
       [2][Moritz von Uslar schmiss sich schon 2015 unreflektiert an seinen Babo
       ran.] Seit dem Netflix-Streaming-Erfolg gibt es kein Medium mehr, was nicht
       über jeden Atemzug von Haftbefehl geschrieben hätte. Ein Star aus der
       deutschen Bronx ward geboren: Aykut Anhan aka Haft, Hafti oder – für Leute
       von außerhalb – Haftbefehl. Ein tragischer, ambivalenter Held. Repräsentant
       einer ganzen Generation und scheinbar weit entfernter Milieus. Anhan, so
       der Tenor, hat die Straße in seinen Reimen nicht nur kreativ verarbeitet
       (hat er nicht), sondern verewigt (ja leider).
       
       Glorifiziert wird Hafti zu einer für die Zuschauer:innen nützlichen
       Figur. Straße gut – proletarischen Subjekten ist man immer zugewandt.
       Bankenviertel schlecht – Manager und Finanzchefs eignen sich aus
       moralischen Gründen nicht als Starfiguren. Die Subjekte beider Sphären
       betreiben aber dieselbe Sportart: Geld scheffeln. Und alle stehen unter
       Strom.
       
       Das Shitbürgertum – seit der Cannabisteillegalisierung auch mit zwei bis
       drei Pflanzen im Eigenheim ins Milieu eingestiegen –, zieht vor der
       Netflixdoku auf der Couch zufrieden an einer lustigen Zigarette Marke
       Eigenanbau. Hüstel. Lächerliche Hecke, würde der Offenbacher dazu sagen.
       Kritisch konsumierend – sowohl die Droge als auch die Doku – erkennt man,
       was für Schindluder die Musikindustrie da am Menschen betrieben hat. Die
       böse Kommerzialisierung und die Drogen haben den Straßenkünstler vergiftet.
       
       ## Die Hybris der Upperclass
       
       Vor allem hat das aber ein Produkt der Aufmerksamkeitsökonomie getan. Und
       zwar die eigene. „Das Produkt meiner Umwelt, ihr habt mich erschaffen, und
       jetzt guckt, wie euer Weltbild umfällt“, ist zwar vom Neumünchner
       Schickeriamacker Bushido und wurde bereits 2007 veröffentlicht, trifft es
       aber trotzdem immer noch. Das Produkt Hafti ist jedenfalls umgefallen. Ein
       Süchtiger ist übrig geblieben. Alles sehr tragisch, nur halt voyeuristisch
       spannend anzusehen. Während die Upperclass noch die männliche Kokahybris
       ihres gefallenen Sterns angewidert feiert, ist man im Rhein-Main-Gebiet
       inzwischen angeödet von dem Thema. Niemand kann es mehr hören.
       
       Viele kennen Aykut Anhan ohnehin persönlich, Frankfurt und Offenbach sind
       überschaubar. Hier ist man enttäuscht darüber, wie Anhan seine Fans
       behandelt. Auch das Bahnhofsviertel findet man nicht mehr witzig, sondern
       schlimm. Man hat nicht vergessen, dass Anhan 2024 mit seinem SUV in einen
       Backwarenladen in Darmstadt gefahren ist und Fahrerflucht begangen hat.
       Kein Wort dazu in der Doku.
       
       Dass Rap und seine Interpret:innen nicht nur Spiegel der Straße sind
       und die bittere Realität aufgreifen, sondern einen Überschuss an
       Straßenlogik produzieren, will man vor dem Fernseher lieber nicht
       wahrhaben. Wie abgefuckt vor Ort alles ist und wie Rap-Lifestyle
       Jugendliche auch verstört, wird ausgeblendet. Würden das zarte Seelen
       überhaupt aushalten? Projizieren ist jedenfalls angenehmer als verstehen.
       Von erleben kann sowieso keine Rede sein. Dabei müsste man sich nur mal in
       der eigenen Stadt umsehen.
       
       Die Musikindustrie braucht jedenfalls nur eine Marke, ein Produkt, das
       „Krankfurt“ darstellt. Das für die Geschichten aus Frankfurt steht, für
       Berg, den Nordi, die Hauptwache, für die Biografien aus Offenbach und für
       die richtig krassen Dinger. In diesem Fall der hyperinszenierte 069-Babo.
       Das hält kein Mensch alleine aus. Offensichtlich auch nicht der Mensch
       Aykut Anhan.
       
       Rhein-Main-Rap erschöpft sich nicht mit Haftbefehl und kulminiert auch
       nicht in seinem episch-genialischen Werk. Rhein-Main-Rap ist ein doppeltes
       Brennglas. Weil Rap eines ist und weil die Klassenverhältnisse hier so
       sind, wie sie sind. Also doppelter Fokus auf Schnapp durch die Brille der
       neoliberalen Ideologie. Die rund 20 bekannten und erfolgreichen
       Rapper:innen – von denen Haftbefehl nur eine Größe ist – reimen allesamt
       von ein und derselben Sache: Hustle.
       
       ## Aggressiver Grundton
       
       Selbst wenn der Offenbacher Rapper Soufian, unter Vertrag bei dem Label
       Azzlack, ein Liebeslied aufnehmen würde, würde dieses davon handeln, wie
       die „chaya“ (Frau) ihn vom Geldverdienen ablenkt. Krankfurt eben, wo der
       Grundton konsequent aggressiv, gewalttätig und ungeschönt bleibt. Die
       sozialarbeiterische Formulierung „Sprechgesang“ trifft es jedenfalls nicht.
       
       Der Sound der ambitionierten Aufsteiger:innen ist laut, potent und
       überzeichnet. Bombastische Beats wie die von [3][Bazzazian], düstere
       Synth-Klänge nach Azad Tradition, episch-depressive Stimmung bei Vega und
       der 1999-Reihe von Haftbefehl. Sind sie nicht depressiv, schreien sie.
       Mufasa069 beispielsweise in seinem Song „HILFE“. In Großbuchstaben.
       
       Weiter oben auf der gesellschaftlichen Leiter muss man nicht rumschreien.
       Da sitzt ein subkulturelles Bürgertum, das mitsummt. Manchmal schaut es
       auch Theater vor dem Fernseher – die Babo-Doku – und findet die „sozialen
       Gegensätze“, die eigentlich Gegenstücke sind, sehr spannend. Es sind eben
       die Gegenstücke eines Stücks, in dem man selbst mitspielt. Und zwar nicht
       in Nebenrollen. Aber egal, lieber Spotlight auf das soziale und ökonomische
       Unten.
       
       Sich an der Doku sehr reflektiert abarbeitend, hat man Frankfurt am Main
       und Offenbach und das migrantische Leben inzwischen auch anderswo
       verstanden. So war die Doku nicht nur für die Produzenten, sondern vor
       allem auch für die Zuschauer ein Schnapp. Puh, war das heftig! Einmal im
       Leben richtige Drogensucht im TV gesehen. Schnell den Heckejoint
       ausgedrückt.
       
       9 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Rapper-Doku-auf-Netflix/!6129875
 (DIR) [2] /Haftbefehl-auf-Tour/!5020440
 (DIR) [3] https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=Bazzazian&mstk=AUtExfCcbfIsq6SLqlK4N0vn-3A_3BQYVo3nV909pMJufiJ7o_IuYBNJsEJlWtKY4Sz2beM3hWW85Jf3gzO3KN1IIzv05PmsVNqrw_GTzrpL6JSrV8OthRsz03kNYhvsOm6TGmdcaPJEW6rP7Dau_pH_LsJ6pEctrdg1k2x-l9SnFjXXBUMW32Z7lpNbRjH2nkwwvHw_me-KZuGSpgGRXKq8-nBlosnnFN-k6EyJp5nswakTHOY0cLlRAT1RIX1z_J9Cr0iWny6gT-HqYZv89UQozWWs&csui=3&ved=2ahUKEwi6r8TP17qRAxXvzQIHHYV8NL4QgK4QegQIARAC
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Clara-Sophia Müller
       
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