# taz.de -- Bestseller-Autor scheitert an Bowie-Ode: Verunglückte Verehrung
> Frank Schätzing war in seiner Jugend Fan des britischen Popchamäleons
> David Bowie. Aber warum musste er davon mit dem Buch „Space Boy“ Zeugnis
> ablegen?
(IMG) Bild: Mit David Bowie sieht sich der Bestsellerautor Frank Schätzing praktisch auf Augenhöhe. Bowie kann sich ja auch nicht mehr wehren
Keine Ausrede diesmal! Endlich gilt es, das Werk eines Bestsellerautors zu
lesen, um herauszufinden, ob der Verdacht, dass Kommerz zwangsläufig um den
Preis geringer literarischer Qualität erkauft wird, wirklich ein Vorurteil
ist.
[1][Frank Schätzing, Deutschlands Antwort auf Flughafenliteraten] wie Dan
Brown und Ken Follett, hat ein Buch über David Bowie veröffentlicht. „Space
Boy“ misst knapp 400 Seiten. Man muss sich also nicht mit einem
ziegelsteinschweren Schmöker durch einen Ökoplot inklusive
Ressourcenkämpfen auf dem Mond quälen.
Ein Lesevergnügen ist Schätzings Bowiebuch leider dennoch nicht. Schon
allein wegen der Vielzahl von abgegriffenen Metaphern, verqueren
Vergleichen und insbesondere dem, was Schätzing das „goldene Volksgut der
Redewendungen“ nennt. So formuliert er etwa, Bowies künstlerische Persona
vereine „mehr Ingredienzien in sich als ein südindisches Curry“.
## Selbstverliebt über alle Maßen
Der Untertitel „Über David Bowie. Über mich.“ tut zwar bescheiden, obgleich
Schätzing versichert, er spreche nur über sich. Um die immense Wirkung von
Bowie auf einen Allerweltsjugendlichen zu demonstrieren, ist „Space Boy“
über alle Maßen selbstverliebt geraten. Ein Elaborat, in dem der Autor
Episode um Episode aus seiner Adoleszenz aneinanderreiht, um den Lesern und
Leserinnen die These einer tiefgreifenden Seelenverwandtschaft zwischen
Bowie und Schätzing anzudrehen.
Hier der talentierte Kölner Vorstadtsproß „kleinjungenhaft,
Rotbäckchen-fickerig“, dort der Londoner Suburban Boy Bowie. Peinlich
genug. Zum anderen soll seinen Fans versichert werden, dass er, der Frank,
auch mit rund fünf Millionen verkauften Büchern unverändert eine fiese Möpp
vom kölsche Klüngel sei. Jemand, der sich nie vom Träumen abhalten ließ.
Weshalb seine Träume alle wahr wurden! Tröstet dergleichen jene Leserinnen
und Leser, deren Träume scheiterten?
Dass er keinesfalls eine weitere Bowie-Biografie schreiben wollte, beteuert
Schätzing. Was ihn freilich nicht davon abhält, den Karriereweg von Major
Tom von A bis Z nachzuerzählen. Dabei hat er keinerlei neue Erkenntnisse zu
bieten, allenfalls sind in „Space Boy“ gelegentlich originelle Einsichten
zu finden.
## Manch Räuberpistole mehr
Inbrünstig repliziert Schätzing dagegen altbekannte Klischees und versteift
sich auf fadenscheinige Legenden (wie die angebliche Sexorgie im Publikum
nach dem Abschiedskonzert von „Ziggy Stardust“), die er seiner Leserschaft
unkritisch als bezeugte Tatsachen präsentiert. Ebenso ist die Behauptung
unzutreffend, Bowie habe „Nazi-Utensilien“ bei sich gehabt, als er an der
polnisch-russischen Grenze verhaftet wurde, da steht noch manch
Räuberpistole mehr.
Wenn der Bestsellerautor versucht, intellektuell zu glänzen, liefert er
Plattitüden und verbreitet Unfug. So versteigt er sich zu der
religionshistorischen Fehlthese, dass Messiasfiguren „unausweichlich
sterben müssen“, weil „erst durch ein gewaltsames Ableben ihre Verkündung
Gewicht erlangt“. Das von ihm mehrfach verwendete Wort „pagan“ benutzt er
falsch.
Was er zudem über den Formenkreis der schizophrenen Persönlichkeitsstörung
zu sagen hat – nämlich anlässlich von Bowies Halbbruder Terry, der in einer
psychiatrischen Klinik lebte –, ist derartig klischeehaft, dass man es gar
nicht erst wiederholen möchte.
Wer mehr erfahren möchte über die biografischen Irrungen und Wirrungen des
Frank Schätzing, wird in „Space Boy“ fündig werden. All jene, die sich für
den [2][Ausnahmekünstler David Bowie] interessieren, sollten lieber zum
wundervollen Sachbuch „David Bowie, Enid Blyton and the Sun Machine“ des
britischen Literaturwissenschaftlers Nicholas Royle greifen.
Dem Rezensenten jedenfalls erging es bei der Lektüre von „Space Boy“ wie
dem jungen Schätzing, dessen Musiklehrer „in uns Knaben so viel
Begeisterung für Klassik entfachte wie drei Tage alter Haferschleim“. Eine
vergebene Chance. „Aus die Maus“, um letztmals im Tonfall Schätzings zu
schreiben.
31 Dec 2025
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(DIR) Uwe Schütte
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