# taz.de -- Mit Plakaten gegen Frauenhass: Wände voller Wut
> Mit Plakatieraktionen trägt die Gruppe „Feministische Plakate Berlin“
> politische Botschaften in den Stadtraum – und erhält dafür nicht nur
> Zuspruch.
(IMG) Bild: Die Gruppe begreift sich als intersektional: „Feminismus hört nicht bei weißen Cis-Frauen auf“
Bei Einbruch der Dunkelheit ziehen die Kollektivmitglieder durch die
Straßen. In ihren Taschen haben sie Pinsel und Plakate, dazu Eimer voller
Klebstoff. Sie halten vor einer Mauer an der U-Bahn-Station Eberswalder
Straße und bekleben sie mit weißen Blättern: „Ni una menos“ (Nicht einige
weniger) steht darauf in schwarzen und violetten Buchstaben. Um den Slogan
aus der argentinischen Feminismusbewegung herum kleben sie die Namen der
Frauen, [1][die in Deutschland zuletzt Opfer von Femiziden geworden sind].
Am Fuß der Wand stehen rote Kerzen aufgereiht.
Das Denkmal haben die Aktivist:innen nach den Demonstrationen zum
Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen errichtet. Kurz zuvor, am Trans
Day of Remembrance, hatten die Aktivist:innen queerfreundliche Plakate
an Wänden auf der Sonnenallee aufgehängt. In zahlreichen Ecken Berlins
hängen die über Nacht aufgeklebten Blätter der „Feministischen Plakate
Berlin“.
Seit 2019 bringen die Kollektivmitglieder nach Sonnenuntergang ihre
Botschaften und ihre Wut an die Wände der Stadt. Ihr Engagement definieren
sie als „intersektional; das heißt pro-palästinensisch, antirassistisch,
antiqueerphob, antiklassistisch, antiimperialistisch und
antikolonialistisch“, listet Charlie, ein Kollektivmitglied, auf. [2][Sie
kleben für Studierendendemonstrationen in Serbien, für Frauen in der
Türkei, zum Gedenken an das Massaker von Hanau, gegen die israelischen
Bombardierungen im Gazastreifen, gegen die Kommerzialisierung der Pride
sowie gegen sexualisierte Gewalt.]
Mittlerweile sind etwa 50 Mitglieder in der Gruppe aktiv. Sie treffen sich
regelmäßig in kleineren Gruppen, um gemeinsam Plakate aufzuhängen. Was
treibt sie an? „Ich wollte meine Wut und meine Energie nutzen, um die
Straßen und den öffentlichen Raum zurückzuerobern. Ich wollte diesen Hass
nutzen, um etwas zu bewegen“, sagt Charlie. „Doch alle Männer“, „Trans
lives over cis comfort“ oder „Merz, dein Stadtbild braucht mehr Farbe“
lauten einige ihrer Slogans. Manchmal plakatieren sie in ihren Collagen
auch Statistiken zu sexualisierter Gewalt, um darauf aufmerksam zu machen.
## Plakate als Zeichen der Solidarität
„Die Punkte, die wir ansprechen, sind unglaublich basic“, sagt Freddy. Die
Person ist seit zwei Jahren mit dem Kollektiv auf den Straßen unterwegs.
„Auf die Straße zu gehen, ist auf jeden Fall euphorisierend“, sagt Freddy.
„Das Plakatieren ist für uns wie ein Katalysator für die uns alle
verletzenden politischen Entscheidungen, die wir damit auf die Straßen
tragen.“ Die Plakate sollen Menschen, die Gewalt erleben, zeigen, dass sie
nicht allein sind. „Es geht darum, füreinander einzustehen, selbst wenn wir
uns nicht persönlich kennen“, sagt Freddy.
Damit wollen sie tabuisierte Gesellschaftsthemen aufgreifen,
marginalisierte Menschen schützen und ein Spiegel dessen sein, was
hinausgetragen werden soll – auf eine Art und Weise, die viele Menschen
wahrnehmen können. „Wir wissen nicht, wer es liest. Es ist nicht
algorithmusgebunden, sondern einfach Teil der Öffentlichkeit“, sagt Freddy.
Bei dem Slogan „Gender is a Social Construct“ (Geschlecht ist
gesellschaftlich konstruiert) an der Ecke Blumenthalstraße/Kurfürstenstraße
haben die feministischen Wildplakatierer*innen sogar Erklärblätter in
verschiedenen Sprachen angebracht. „Es ist uns nicht nur wichtig, das auf
die Straße zu bringen, sondern auch, bei erklärungsbedürftigeren Slogans
dieses Verständnis bei den Leuten herzustellen“, erklärt Freddy.
Die Aktionsorte wählt die Gruppe auch je nach bevorstehenden konservativen
Demonstrationen oder Veranstaltungen und nach ihrer Reichweite in den
Stadtteilen aus. „Wir würden beispielsweise keine Anti-AfD-Plakate in
Neukölln oder an Orten kleben, die bereits links engagiert sind“, erklärt
Charlie. „Wir wählen Orte aus, die mit den Botschaften in Verbindung
stehen, soweit es unsere Sicherheit und unsere Kenntnis des Stadtteils
ermöglichen.“
## Bewegung kommt aus Paris
Mit der Idee sind sie nicht die ersten: 2016 plakatierte die Gruppe
Insomnia Riot in Paris im Rahmen der lateinamerikanischen Bewegung Ni una
menos gegen Femizide die Namen und Opferzahlen von Femiziden an
Bushaltestellen. Die ersten Plakate mit schwarzen Buchstaben auf
A4-Blättern hat im Frühjahr 2019 die [3][transfeindliche Aktivistin
Marguerite Stern] in Marseille und Paris geklebt.
Um diese Plakate herum gründete sich die Gruppe Collages Féminicides Paris,
die Vornamen von Femizid-Opfern an die Wände der französischen Hauptstadt
klebte sowie Dankeschöns an starke Persönlichkeiten der #MeToo-Bewegung.
Innerhalb eines Jahres entstanden Wildplakatier-Kollektive im ganzen Land –
und weltweit in Hauptstädten. Schnell distanzierten sie sich von Stern, um
sich den Kämpfen der queeren und antirassistischen Bewegungen
anzuschließen. In Deutschland bildeten sich Gruppen unter anderem in
Stuttgart, Köln, München und Berlin.
Für das Wildplakatieren drohen ihnen in Berlin bis zu 7.500 Euro Geldstrafe
plus Reinigungskosten. Wird das Bekleben – etwa von Bushaltestellen oder
Stromkästen – als Sachbeschädigung gewertet, kann es auch eine
Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren geben. Mit der Polizei hatte die
Gruppe noch nie Probleme, auch wenn während ihrer Aktionen bereits Nachbarn
die Polizei riefen, wie die Aktivist:innen berichten.
## Aktionen stoßen auf Widerstand
Sie seien während ihrer Aktionen auch schon gefilmt und beleidigt worden.
Einmal habe ein Anwohner sogar ein Ei nach ihnen geworfen, erzählt Charlie.
„Vor lauter Adrenalin haben wir das gar nicht sofort bemerkt. Die Person
muss gedacht haben, dass wir das Gebäude beschädigen. Aber das war trotzdem
kein Grund, uns anzugreifen.“
Nicht selten würden die Plakate auch zerrissen, manchmal sogar in der
Nacht, in der sie angehängt werden. „Wenn wir noch in der Gegend sind,
kleben wir sie neu auf“, erzählt Freddy. Andere, etwa der Slogan „Gender is
a Social Construct“, halten sich seit über einem Jahr in Schöneberg. Immer
wieder hätten andere Menschen die Schilder bemalt, die Blätter wurden
wieder angebracht. „Dass dieser Schriftzug so erhalten bleibt und dass da
aktiv Arbeit reingesteckt wird von Leuten, von denen wir nicht wissen, wer
sie überhaupt sind, das ist für uns das Schönste gewesen“, sagt Freddy.
Manchmal würden sie beklatscht oder von Passant:innen ermutigt. „Es sind
so kleine Momente, die uns viel geben“, sagt Freddy.
Nach zwei Tagen sind die Buchstaben „Ni una menos“ und die vielen
Frauenvornamen an den Wänden unter der U-Bahn-Station Eberswalder Straße
nicht mehr zu sehen. Die weiße Wand steht intakt da. An der Stelle des
Slogans hängt nun ein kleines Schild der Sasse Traffic Logistic GmbH.
„Achtung, frisch gestrichen!“
14 Dec 2025
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## AUTOREN
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