# taz.de -- Fortführung der Irini-Mission der EU: Das dysfunktionale Embargo
> Die Mission soll das Waffenembargo gegen Libyen überwachen und
> Marinesoldaten zur Unterbindung der Migration ausbilden. Die Erfolge sind
> bescheiden.
(IMG) Bild: Die Fregatte „Hamburg“ läuft zu einem Mittelmeer-Einsatz im Rahmen der EU-Mission „Med Irini“ aus, am 4. 8. 2020
Schon der Name der Mission, deren [1][Fortführung der Bundestag am
vergangenen Freitag beschlossen] hat, ist beeindruckend: Irini, das
griechische Wort für Frieden. So nennt die Europäische Union ihre
Überwachungsmission auf dem Mittelmeer, die seit März 2020 die Einhaltung
des seit 2011 geltenden Waffenembargos gegen Libyen sicherstellen soll.
Libyen ist seit etwa 2014 politisch gespalten, nachdem mit dem Sturz
Muammar al-Gaddafis 2011 ein Machtvakuum entstanden war und mehrere
rivalisierende Milizen und Regierungen um die Kontrolle rangen. Die beiden
Hauptfraktionen sind einerseits die von der UN anerkannte Regierung im
Westen mit Unterstützung vor allem von der [2][Türkei] und Qatar. Auf der
anderen Seite steht die östliche Libyan National Army unter General Khalifa
Haftar, gestützt von Russland, den Vereinigten Arabischen Emiraten und
Ägypten.
Die EU-Irini-Mission, an der auch deutsche Soldaten beteiligt sind, ist ein
Resultat eines der größten deutschen außenpolitischen Projekte der
vergangenen Jahre. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte am 19.
Januar 2020 zur Berliner Libyen-Konferenz geladen. Ziel war die Beendigung
des Bürgerkriegs und die Stabilisierung des Landes, aus dem bis heute
Waffen in die Konfliktländer Sudan, Mali und Niger fließen, wo
dschihadistische Gruppen immer größere Gebiete erobern.
Russlands Präsident Putin, der türkische Präsident Erdoğan,
Regierungsvertreter zehn weiterer Länder und beide Kriegsparteien Libyens
waren geladen. Man versprach einhellig, den Friedensprozess in dem öl-und
gasreichen Libyen zu unterstützen – ergo keine Waffen und Gelder mehr an
lokale Milizen zu liefern, die ihnen dafür Zugang zu Gold, Öl und anderen
Bodenschätzen sicherten.
## Irini-Neuauflage beginnt am 1. Dezember
Im Rahmen der nun am 1. Dezember beginnenden Neuauflage der Mission sollen
nicht nur Waffenlieferungen an die verfeindeten Machthaber in Ost-und
Westlibyen verhindert, sondern auch wieder libysche Marinesoldaten
ausgebildet werden. Deren Patrouillenboote waren in den vergangenen Jahren
aus Italien geliefert worden.
Die täglichen Einsätze der libyschen Küstenwachen zeigen, wofür Irini
ebenfalls geschaffen wurde: um die Migration über das Mittelmeer zu
begrenzen. Entlang der 2.000 Kilometer langen libyschen Küste stoppen
Marinesoldaten mittlerweile fast alle Migrantenboote, die aus den Städten
Zuwara, Tripolis oder bei Bengasi in Richtung Italien ablegen.
Die Irini-Mission schien wie die logische Ergänzung des in Berlin neu
gestarteten Demokratisierungsprozesses, der 2014 mit Haftars Angriff die
libysche Hauptstadt brutal gestoppt worden war. Doch kaum waren die
Staatsoberhäupter 2020 aus Berlin abgereist und die ersten
Irini-Patrouillenboote auf dem Mittelmeer im Einsatz, stieg die Zahl der
Waffenlieferungen nach Libyen zur Verwunderung vieler Beobachter dramatisch
an.
Zwar zählen deutsche Marinesoldaten im Mittelmeer seit Beginn der Mission
die über ihre Köpfe hinwegfliegenden Transportflugzeuge, die zwischen den
Vereinigten Arabischen Emiraten und den ostlibyschen Luftwaffenbasen Al
Kadim und al Kufra pendeln. Trotzdem berichten Journalisten aus al Kufra
von regelmäßigen Nachschubkonvois, die vom Flughafen der Stadt in das
Herrschaftsgebiet der mit Haftar verbündeten RSF-Miliz im Sudan aufbrechen.
## Waffen gegen Gold
Über 600 Militärmaschinen mit Waffen und Ausrüstung haben die Machthaber in
Abu Dhabi laut Menschenrechtsorganisationen in diesem und dem vorigen Jahr
nach Südlibyen geschickt. Der Anführer der sudanesischen RSF-Miliz Hemedti
und General Haftar profitieren beide von der Allianz mit dem Golfemirat.
Durch sein Engagement in Libyen und dem Sudan ist Abu Dhabi zu einem der
weltweit wichtigsten Umschlagplätze für Gold geworden ist, das aus Sudan
stammt.
Per Schiff gelieferte russische Waffen haben außerdem aus der von
ausländischen Söldnern abhängigen Milizenallianz Haftars innerhalb von
weniger Jahre eine schlagkräftige Truppe gemacht. Die nun wierderum für die
EU die Migration über das Mittelmeer begrenzt. Haftars aufgerüstete Armee
kontrolliert die östliche Cyrenaika-Provinz und den gesamten Süden Libyens.
Regelmäßig empfängt der 82-Jährige Diplomaten aus der EU, die ihn als
Partner im Kampf gegen die Schmuggler gewinnen wollen.
Auch auf westlybischer Seite kommen nach wie vor Waffen und Ausrüstung an.
Viele der Toyota-Pick-ups und gepanzerten Mannschaftstransporter der
Milizen in Misrata, Tripolis und anderen westlibyschen Städten sind
brandneu.
„Libyen ist eine Drehscheibe für Waffen, Drogen und Bodenschätze der
Region“, sagt Jamal Alaweeb der taz. Er ist Kommandeur einer
regierungsnahen westlibyschen Armeeeinheit aus der Hafenstadt Misrata.
„Irini-Schiffe haben keine Waffenlieferungen an uns verhindert, weil wir
strategische Partner europäischer Länder im Kampf gegen den Islamischen
Staat waren.“
Waffenlieferungen nach Libyen tatsächlich zu entdecken und stoppen ist für
die Irini-Patroullien schon durch die Zahl der Schiffe, die auf dem
Abschnitt der Handelsroute zwischen dem Suez-Kanal und Gibraltar verkehren,
schwierig.
Im August wurde ein Frachtschiff aus den Vereinigten Arabischen Emiraten
mit für Haftars Armee bestimmten Mannschaftstransportern von einem
griechischen Marineschiff nach Misrata umgeleitet. Zuvor hatte Haftar
offenbar Dutzende Boote mit Migranten nach Kreta durchfahren lassen – als
Druckmittel, um libysch-türkische Offshore-Bohrungen in einem umstrittenen
Seegebiet bei Kreta durchzusetzen.
„Daraufhin haben die Griechen das Schiff mit Waffen zu uns, den Gegnern
Haftars umgeleitet“, lacht Jamal Alaweeb. Diese Aktion war einer der
wenigen Momente, in denen Irini-Soldaten nicht weggeschaut haben.
19 Nov 2025
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## AUTOREN
(DIR) Mirco Keilberth
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