# taz.de -- Politischer Mord in Libyen: Warum Saif al-Islam jetzt erschossen wurde
> Unter Gaddafi war Diktatorensohn Saif al-Islam Scharfmacher, im Chaos der
> Gegenwart hofften manche wieder auf ihn. Sein Ermordung nützt Libyens
> Mächtigen.
(IMG) Bild: Saif al-Islam al-Gaddafi nach seiner Gefangennahme 2013. Nun ist er tot
[1][Saif al-Islam], der Sohn von Libyens einstigem Herrscher Muammar
al-Gaddafi, ist tot. Am Dienstagabend wurde er in der Stadt Sintan von vier
Attentätern erschossen. Die Täter hatten die Kabel der Überwachungskameras
seines normalerweise von zahlreichen Sicherheitskräften bewachten Hauses
gekappt und flohen unerkannt.
Videoaufnahmen zeigen die Leiche des 53-Jährigen auf einem Pick-up der
Polizei in der südwestlich von Libyens Hauptstadt Tripolis gelegenen Stadt.
Am Mittwoch bestätigten die Justizbehörden von Tripolis seinen Tod und
[2][übergaben den Leichnam seiner Familie].
In Sintan und den umgebenden Nafusa-Bergen lebte Saif al-Islam mit seiner
Frau und dem gemeinsamen Kind seit zehn Jahren zurückgezogen. Nur vor
Gericht und während seines Präsidentschaftswahlkampfs Ende 2021 – die
Wahlen wurden dann in letzter Minute abgesagt – trat er öffentlich auf.
Den noch immer noch zahlreichen Anhängern seines Vaters, der „Grünen
Bewegung“, galt das „Phantom von Sintan“ weiterhin als charismatischer
Hoffnungsträger. Muammar al-Gaddafi, der Libyen ab 1969 diktatorisch
regiert hatte, war 2011 in einem Bürgerkrieg von Rebellen gestürzt und
getötet worden, seitdem hat das Land nicht mehr zur Stabilität
zurückgefunden.
## Die einen feiern, die anderen trauern
Schon das Gerücht über die Ermordung führte jetzt landesweit zu heftigen
Reaktionen. In der Hafenstadt Misrata, der Hochburg des Aufstands gegen
Gaddafi 2011, fuhren Milizen [3][feiernd durch die Straßen]. In Sebha und
anderen Orten in der südlichen Saharaprovinz Fezzan versammelten sich viele
Menschen in Trauer.
Libyen ist seit Jahren faktisch geteilt, seit dem Ende des [4][jüngsten
Krieges 2020] herrscht zwischen den rivalisierenden Machtblöcken in Ost-
und Westlibyen Waffenstillstand und eine Art politisches Vakuum. Das Mandat
des in Ostlibyen tagenden Parlaments und einer Schattenregierung ist ebenso
abgelaufen wie die Amtsperiode des international anerkannten
Übergangspremiers [5][Abdelhamid Dbaiba] in Tripolis im Westen des Landes.
Als die wahren Machthaber gelten andere. Feldmarschall C[6][halifa Haftar]
und dessen Söhne kontrollieren den Osten und Süden mit ihrer hochgerüsteten
LNA (Libysch-Arabische Nationalarmee). Im Westen haben die Milizenkartelle
von Tripolis und Misrata den größten politischen Einfluss.
Absurderweise lassen sich alle Kriegsparteien von der libyschen Zentralbank
bezahlen. Die reichlich sprudelnden Öleinnahmen halten Libyens Teilung
aufrecht. Derweil können einfache Bürger nur noch begrenzt Geld von ihren
Bankkonten abheben, die Lebenshaltungskosten sind stark gestiegen, die
Löhne nicht. „Erstmals gibt es Armut in Libyen“, sagt der Journalist
Mohamed Masri aus Tripolis. „Viele Leute wollen die gesamte politische
Elite loswerden und einen Neuanfang.“
Saif al-Islam stand in den Augen vieler für einen möglichen Neuanfang. Auch
Gegner Gaddafis sahen in seinem Sohn eine der wenigen Persönlichkeiten, die
das Land wieder hätte vereinen können. Denn Haftar, der vor 2020 jahrelang
Tripolis belagert und angegriffen hatte, gilt im Westen als unwählbar, in
Ostlibyen wiederum gilt Dbaiba als Handlanger von Islamisten.
## Finstere Rolle im Arabischen Frühling
Dabei hatte Saif al-Islam im Februar 2011 den bewaffneten Aufstand gegen
seinen Vater Muammar erst richtig entfacht. Regimewillkür, Korruption und
wirtschaftliche Sorgen hatten damals viele Menschen in Bengasi und Tripolis
auf die Straßen getrieben, ermutigt vom Sturz der Autokraten in den
Nachbarländern Tunesien und Ägypten durch die Volksaufstände des Arabischen
Frühlings.
Drei Tage nach Beginn der zunächst friedlichen Straßenproteste in Libyen
und wütenden Drohungen seines Vaters trat Saif al-Islam vor die Kameras.
Die Libyer hofften, er werde den harten Kurs seines Vaters abmildern oder
sogar dessen Amt übernehmen. Doch mit seiner sogenannten [7][„Ströme von
Blut“-Rede] ging auch er auf Konfrontationskurs mit den Demonstranten.
„Wir werden euch Strom, Wasser und Gas abstellen“, warnte der Gaddafi-Sohn,
während bereits eine kilometerlange Panzerkolonne nach Misrata und Bengasi
unterwegs war. Die Rede und der Marschbefehl der Panzer führten wenige
Monate später zu einem [8][Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof
(ICC)] in Den Haag [9][für Saif al-Islam].
Gaddafis Panzer wurden von französischen Mirage-Kampfflugzeugen gestoppt,
[10][die Nato half Libyens Aufständischen]. Ein halbes Jahr später bezahlte
Muammar al-Gaddafi mit seinem Leben. Revolutionäre aus Misrata [11][quälten
ihn zu Tode] und stellten seine Leiche öffentlich aus. Saif al-Islam
versuchte mit ein paar Vertrauten, sich als Tuareg verkleidet in den Süden
Libyens durchzuschlagen.
Doch in Sintan wurde die kleine Gruppe entdeckt. Aufständische schnitten
ihm die drei Finger ab, die er in seiner berüchtigten TV-Rede in die
Kameras gehalten hatte. Er wurde nicht nach Den Haag überstellt; das ICC
gestand Libyen zu, Saif al-Islam in Tripolis vor Gericht zu stellen.
2015 wurde er per Video aus Sintan in den Gerichtssaal zugeschaltet. Er
wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt, aber
seine Bewacher weigerten sich, ihn zu übergeben. Er blieb in Sintan. 2021,
als in Libyen Wahlen angesetzt wurden, bewarb er sich als
Präsidentschaftskandidat und galt als Favorit. Die Wahlen wurden wegen
Drohungen von Milizen kurzfristig abgesagt.
## „Er bleibt ein Symbol, so absurd es scheint“
Saif al-Islam hatte in London studiert, noch 2008 dort einen Doktortitel
erworben und mit seinem Programm „Neues Libyen“ seit Mitte der 90er Jahre
gut ausgebildete Exillibyer ins Land gelockt. Investoren aus aller Welt
folgten. Er hätte das Symbol eines neuen, modernen Libyen werden können,
zumindest sah er sich einst selbst so.
Doch gut informierte Kreise aus Sintan, mit denen die taz sprach, winken
ab. Saif al-Islam sei durch die lange Haft in Sintan und die Folter zuletzt
nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen. „Aber er bleibt, so absurd es
erscheint, das Symbol für viele Libyer, die ein Ende der Milizenherrschaft
wollen“, sagt ein Journalist aus Sintan.
Die Machthaber in Tripolis und Bengasi sind mit dem Tod des Gaddafi-Sohnes
einen Konkurrenten los. Vom Tod Saif al-Islam al- Gaddafis dürfte vor allem
Haftar profitieren, der einst unter Gaddafi als Armeechef gedient hatte. Er
hat viele Angehörige der Grünen Bewegung in seine Armee integriert.
4 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] http://de.wikipedia.org/wiki/Saif_al-Islam_al-Gaddafi
(DIR) [2] https://x.com/ElhasseKhalil/status/2018995974677356775
(DIR) [3] https://x.com/ThomasVLinge/status/2019032375150407928
(DIR) [4] /Krieg-in-Libyen/!5693952
(DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/Abdul_Hamid_Dbeibeh
(DIR) [6] https://en.wikipedia.org/wiki/Khalifa_Haftar
(DIR) [7] https://www.youtube.com/watch?v=Z9SJc1PcOfE
(DIR) [8] https://www.icc-cpi.int/defendant/saif-al-islam-gaddafi
(DIR) [9] https://www.icc-cpi.int/defendant/saif-al-islam-gaddafi
(DIR) [10] https://en.wikipedia.org/wiki/2011_military_intervention_in_Libya
(DIR) [11] /Muammar-al-Gaddafi-ist-tot/!5109449
## AUTOREN
(DIR) Mirco Keilberth
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