# taz.de -- Nager IT gibt Maus ab: Neues Zuhause für die faire Computermaus
       
       > Die Zukunft des fair produzierten Elektrogeräts stand auf der Kippe – nun
       > zeichnet sich eine Lösung ab. Trotzdem steht die Produktion in der
       > Kritik.
       
 (IMG) Bild: Hier noch im klassischen Design, aber immerhin in schickem Rot: die faire Maus
       
       Die faire Maus, eines der wenigen fair produzierten Elektronikprodukte,
       steht vor einer Übernahme. Die Gründerin des Projekts, Susanne Jordan,
       übergibt den Betrieb an einen neuen Verein. Der Grund: „Das Projekt war
       ursprünglich nur für zwei, drei Jahre geplant. Zwischendurch waren wir ein
       Team, inzwischen bin wieder alleine“, erzählt Jordan. „Die faire IT braucht
       eine größere Lobby.“ Der Verein [1][„Fair IT yourself“] übernimmt die faire
       Maus aus den Händen des Vereins „Nager IT“.
       
       Susanne Jordan hatte die faire Maus selbst entwickelt und den Verein Nager
       IT gegründet, der die Maus 2012 auf den Markt brachte. Die
       Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette hat sie selbstständig verfolgt
       und auf der Vereinswebsite veröffentlicht, soweit es ihr gelang, Kontakt zu
       Vorlieferanten aufzunehmen. Für einen kleinen Verein sei das schwierig,
       sagt Jordan. Mehr als 100 Unternehmen sind laut der Website von Nager IT am
       Produktionsprozess beteiligt.
       
       Bezöge man die komplette Lieferkette mit ein, „kann man unsere Maus mit
       gutem Gewissen als 2/3 fair bezeichnen“, heißt es auf der Website. Der
       Verein definiert als fair, was ohne Verletzung der Menschenrechte und ohne
       Ausbeutung auskommt, und orientiert sich dabei am [2][Forderungskatalog der
       internationalen Arbeitsorganisation].
       
       Nager IT hatte im Juni einen Aufruf gestartet, um Personen oder
       Organisationen für die Übernahme der fairen Maus zu finden. Es folgten
       mehrere Treffen, bis sich ein ehrenamtliches Kernteam von zehn Menschen
       fand, die dem Verein Fair IT yourself beitraten. Vorher bestand der Verein
       aus zwei Leuten, die darin seit 2020 Bildungsarbeit für faire IT betrieben.
       
       ## Mehr faire, ergonomische und vertikale Mäuse
       
       Unterschrieben sei noch nichts, erklärt Jordan. Momentan würden die
       rechtlichen Fragen der Übernahme geklärt, ergänzt Christoph Klassen, der
       für Fair IT yourself im Marketing tätig ist. Es gehe jedenfalls
       gemeinnützig weiter. Das neue Team will das Projekt größer aufziehen, zum
       Beispiel mit vertikalen und ergonomischen Mäusen oder weiteren fairen
       Elektronikprodukten. Marketing und Vertrieb sollen stärker im Fokus stehen,
       so Klassen. „Wir wollen auf Unternehmen zugehen und die Leute dort
       überzeugen, dass sie auf faire Produkte umsteigen.“
       
       Kosten verursacht für Fair IT yourself die Lagerübernahme: Da das Land
       Baden-Württemberg einen Großauftrag an Nager IT vergab, von dem es nur
       einen Teil abnahm, gebe es momentan einen Lagerbestand von rund 10.000
       Mäusen, sagt Jordan. Dazu kommen gelagerte Bauteile wie zum Beispiel
       Gehäuseformen. Die beiden Vereine haben daher [3][eine Kampagne] gestartet,
       deren Ziel es ist, die Übernahmekosten von rund 80.000 Euro bis zum Ende
       des Jahres durch den Verkauf von 3.000 Mäusen zu finanzieren.
       
       Das neue Team kommt aus der IT-Branche und will die Weiterentwicklung im
       Open-Source-Bereich stärken. Dafür hat es die Dateien der fairen Maus mit
       offenen Lizenzen [4][auf der Plattform Codeberg] veröffentlicht. Das solle
       Menschen ermutigen, ihre eigenen Ideen und Erfahrungen einzubringen, sagt
       Klassen.
       
       Doch in der Tech-Szene gibt es auch kritische Stimmen, die bemängeln, dass
       die Maus in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gefertigt – und
       das als fair klassifiziert wird. Die Community habe die Problematik an Fair
       IT yourself herangetragen, sagt Klassen, der Verein werde sie nach der
       Übernahme angehen. Fair IT yourself nehme „[5][Kritik von behinderten
       Personen bezüglich Integrationswerkstätten] sehr ernst“, heißt es auf der
       Vereinswebsite.
       
       ## Kooperation mit Heidelberger Werkstatt
       
       [6][Beschäftigte solcher Werkstätten] befinden sich in einem
       arbeitnehmerähnlichen Verhältnis, haben allerdings keine
       Arbeitnehmer*innenrechte wie Mindestlohn oder Streikrechte. Das
       Werkstattentgelt liegt im Bundesdurchschnitt monatlich bei 232 Euro, die
       meisten Beschäftigten sind auf Sozialleistungen angewiesen. Nach 20 Jahren
       steht ihnen eine Erwerbsminderungsrente zu. Die Vermittlung auf den
       regulären Arbeitsmarkt, das erklärte Ziel solcher Werkstätten, gelingt in
       weniger als einem Prozent der Fälle.
       
       Nager IT kooperierte bislang mit einer Regensburger Integrationswerkstatt,
       die neue Partnerwerkstatt ist in Heidelberg. Das durchschnittliche Entgelt
       liege dort ebenfalls bei 232 Euro, sagt Wolfgang Thon, geschäftsführender
       Leiter der Heidelberger Werkstätten, doch „in anerkannten Werkstätten steht
       die Erwerbsarbeit nicht an erster Stelle“.
       
       Während der fünfeinhalbstündigen Arbeitszeit pro Tag fänden auch
       arbeitsbegleitende Maßnahmen wie Schwimmen, Reiten und Malen statt, genauso
       wie Therapien, Weiterbildung und Persönlichkeitsförderung. „Viele sagen
       auch, ich fühle mich wohl und habe hier meine Freunde, ich will nicht in
       einen Betrieb“, so Thon.
       
       Die Frage, ob eine Produktion in einer Werkstatt für Menschen mit
       Behinderung fair ist, ist auch deshalb schwer zu beantworten, weil die
       faire Maus kein klassisches Fairtrade-Produkt ist. Anders als beim
       blau-grün-schwarzen Fairtrade-Siegel, das man häufig im Supermarktregal
       findet, gibt es für faire IT bislang keine Organisation, die diesbezügliche
       Standards definiert.
       
       ## Lange Lieferketten bei Elektronikprodukten
       
       Die Länge der Lieferketten ist einer der Gründe dafür, warum faire
       Elektronikprodukte noch nicht so verbreitet sind, erklärt Stefan Seuring,
       Professor für Supply Chain Management an der Universität Kassel:
       „[7][Kaffee und Schokolade sind landwirtschaftliche Produkte] mit
       vergleichsweise kürzeren Lieferketten. Außerdem habe ich über lange Zeit
       ein relativ stabiles Produkt. Leute kaufen zehn Jahre lang die gleiche
       Sorte Kaffee.“
       
       Im Elektronikbereich sei die Herausforderung, immer mit technologischen
       Innovationen mitzuhalten. Das sei bei der Maus, einem relativ stabilen
       Produkt, nicht so sehr der Fall, wohl aber bei fairen Smartphones wie dem
       Fair- oder Shiftphone. Die Stückzahlen solcher kleinen Produzenten sind
       laut Seuring zu niedrig, als dass es sich lohne, beispielsweise immer das
       neuste Kameramodul einzubauen.
       
       Klassen von Fair IT yourself sieht die faire Maus daher auch als
       „Vorzeigeprojekt“, das der Politik zeigen solle, was möglich ist: „So ein
       kleiner Verein kann [8][seine Lieferkette transparent dokumentieren]. Warum
       sollten Unternehmen mit viel mehr Geld das nicht auch verpflichtend tun
       müssen?“
       
       14 Nov 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://fairityourself.de/?srsltid=AfmBOopPFEkA1HO6-3Yt7lCnY53-se5CD7TEzRDExaU4X-Kjn6IaRwld
 (DIR) [2] https://normlex.ilo.org/dyn/nrmlx_en/f?p=NORMLEXPUB:1:0::NO:::
 (DIR) [3] https://www.nager-it.de/maus/kampagne-perspektive-faire-it
 (DIR) [4] https://codeberg.org/FairIT
 (DIR) [5] /Menschen-mit-Behinderung/!6080684
 (DIR) [6] /Kerstin-Scheinert-ueber-Werkstaetten/!6088075
 (DIR) [7] /Entwaldung-fuer-Kaffeeanbau/!6121899
 (DIR) [8] /EU-Gipfel/!6124079
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Theresa Walter
       
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