# taz.de -- Micha Brumlik über Fassbinder: Krankfurt–Ballade in Manhattan
> Nach der Uraufführung von „Der Müll, die Stadt und der Tod“ ist das
> umstrittene Stück frei für andere Bühnen. Es sollte in Grönland und Gabun
> gespielt werden.
(IMG) Bild: Szenenprobe von „Der Müll, die Stadt und der Tod“ in den Frankfurter Kammerspielen 1995
Dieser Text erschien erstmals am 18. 4. 1987. Es war der erste Text von
Micha Brumlik in der taz. Wir haben ihn aus Anlass des Todes von Micha
Brumlik erneut publiziert.
Wenn dieser Tage Rainer Werner Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und
der Tod“ an einer kleinen New Yorker Off–off–Broadwaybühne
„welturaufgeführt“ wird, könnte es sich als eines der vielen künstlerischen
Nichtereignisse erweisen, die dort Tag für Tag verglimmen.
Fassbinders antijudaistisch grundierte Krankfurt–Ballade, deren geplante
Aufführung in der Weltpresse Schlagzeilen machte, in dem sie die honorigen
Vorstandsmitglieder der Frankfurter Jüdischen Gemeinde über die
Bühnenbesetzung in den Hausfriedensbruch trieb und zu einer erbitterten
Debatte über die Freiheit der Kunst unter bundesdeutschen Intellektuellen
führte, scheint heute keine Katze mehr hinter dem Ofen hervorzulocken.
Wo bleiben, so mag man oder frau sich fragen, die Kassandra–Rufe jüdischer
Offizieller, wonach eine „Welturaufführung“ es jeder neonazistischen
Laienspielschar gestatten würde, das Stück als antisemitische Provokation
aufzuführen? Und vor allem: Warum wehrt sich die ach so mächtige und
bedrohliche jüdisch–zionistische–amerikanische Lobby nicht?
Zunächst jedenfalls steht folgendes fest: – Das Problem der
„Welturaufführung“, das noch den Frankfurter Kritikerpapst Iden so umtrieb,
existiert überhaupt nicht! Die gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen
Fassbinders Themenlieferant Zwerenz und Fassbinders Verlag, dem „Verlag der
Autoren“, haben beinahe bewiesen, daß es das sagenhafte Testament überhaupt
nicht gibt.
Die vom „Verlag der Autoren“ immer wieder aufgestellte Behauptung, es dürfe
dies Stück nach Fassbinders Willen nur in Frankfurt am Main, Paris oder New
York uraufgeführt werden, ließ sich vor Gericht nicht erhärten. Es gibt
Henryk Broders und Gerhard Zwerenz Vermutung Recht, daß es sich nur um
einen schäbigen Reklametrick des „Verlag der Autoren“ handelt.
Fassbinders Stück war und ist nicht dazu geeignet, etwa im Großen Saal der
Jugendherberge von Celle von der Wiking–Jugend aufgeführt zu werden. Zu
grell die Sprache des Dramas, zu unkonventionell die Welt sexueller
Inversionen, als daß es „normalen“ Rechtsextremisten zumutbar wäre.
Die Bühnenbesetzung und der darauffolgende Skandal sind auf andere
Gesellschaften nicht übertragbar. Die symbolische Regelverletzung
artikulierte einen existentiellen Prozeß, der so nur hier stattfinden
konnte, da er Fragen verdeutlichte, die anderswo nicht drängen: Wie können
Juden erhobenen Hauptes im Lande der ehemaligen Mörder und Mitläufer leben?
Was schuldet die jüngere jüdische Generation der oft beschämten und
verängstigten Generation ihrer Eltern? Und schließlich: Zu wieviel Takt und
Schonung ist die deutsche Gesellschaft gegenüber den Opfern und zu wieviel
wirklicher Aufklärung ist sie sich selbst gegenüber verpflichtet?
All diese Fragen treffen für die USA – trotz des auch dort keineswegs
geringen Antisemitismus – nicht zu. Daß Antijudaismus und Antisemitismus
erwartbare, normale Bestandteile der christlich/abendländischen Kultur
sind, haben die meisten Juden inzwischen resigniert zu akzeptieren gelernt:
von Frankreich bis Argentinien, von den USA bis zur UdSSR.
Doch das Verhältnis von Juden und Deutschen wird auf absehbare Zeit anormal
bleiben, was auch Konsequenzen für den „normalen“ Antisemitismus nach und
wegen Auschwitz haben muß: Die Bundesrepublik Deutschland sollte das letzte
Land der Welt, nach Grönland und Gabun, sein, in dem Fassbinders
zweifelhaftes Legat angenommen wird!
11 Nov 2025
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