# taz.de -- Grüne Lunge und schwarzes Gold: Brasiliens Klimapolitik zwischen Hoffnung und Ölförderung
       
       > Mit Belém im Amazonas-Gebiet hat Brasilien einen symbolträchtigen Ort für
       > die COP30 ausgewählt. Doch was passiert dort politisch für den
       > Klimaschutz?
       
 (IMG) Bild: Abholzung im Amazonas-Gebiet: Ein Lastwagen steht in einem gerodeten Gebiet, Aufnahme aus dem Jahr 2001
       
       afp | Mit Belém im Amazonas-Gebiet hat die brasilianische Regierung einen
       symbolträchtigen Ort für die UN-Klimakonferenz (COP30) ausgewählt. Der
       riesige Amazonas-Urwald ist einer der Faktoren, die Brasilien bei den
       internationalen Klimaschutzbemühungen besonderes Gewicht verleihen.
       Zugleich belasten die mächtige Agrarlobby und die umfangreiche Ölförderung
       die brasilianische Klimabilanz. Es folgt ein Überblick der Klimapolitik
       Brasiliens.
       
       ## Klimaschutz-Comeback unter Lula
       
       Beim internationalen Klimaschutz spielt Brasilien traditionell eine
       wichtige Rolle. 1992 wurde beim sogenannten Erd-Gipfel in der
       brasilianischen Metropole Rio de Janeiro das Rahmenübereinkommen der
       Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC) unterzeichnet. Außerdem
       ist das riesige Schwellenland mit seinem als grüne Lunge der Erde bekannten
       Amazonas-Regenwald ein wichtiger Akteur bei der Bekämpfung der Klimakrise
       und „extrem gut vernetzt in der internationalen Klimadiplomatie“, wie die
       Misereor-Klimareferentin Anika Schroeder sagt.
       
       [1][Unter dem vorherigen rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro trieben
       die Agrar- und Bergbaulobby in den Jahren 2019 bis 2022 allerdings den
       Raubbau im Amazonas voran.] Nachfolger Luiz Inácio Lula da Silva steuerte
       nach seiner Rückkehr in den Präsidentenpalast um. Kurz nach seinem Wahlsieg
       verkündete der Linkspolitiker bei der damaligen Weltklimakonferenz in
       Scharm el-Scheich, dass Brasilien „zurück“ sei in der internationalen
       Klimadiplomatie und die übernächste COP im Amazonas-Gebiet ausrichten
       wolle.
       
       Nach seinem Amtsantritt 2023 holte Lula erneut [2][Marina Silva als
       Umweltministerin] in sein Kabinett, die bereits während seiner ersten
       beiden Amtszeiten die Waldzerstörung wirksam bekämpft hatte. Die überzeugte
       Klimaschützerin reaktivierte sofort den unter Bolsonaro ausgesetzten
       Amazonas-Fonds für den Urwaldschutz.
       
       ## Schutz des Waldes und der Indigenen
       
       Lula bekennt sich zu dem Ziel zahlreicher Staaten, die Waldzerstörung bis
       2030 zu stoppen. Tatsächlich fuhr Brasiliens Staatschef trotz der mächtigen
       Agrar- und Wirtschaftslobby die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes
       deutlich zurück: Wurden dort in Bolsonaros letztem Amtsjahr mehr als 10.000
       Quadratkilometer Wald vernichtet, war es 2023 und 2024 immerhin jeweils
       weniger als die Hälfte. Auch in anderen Gebieten wie der artenreichen
       Feuchtsavanne Cerrado wurden nicht mehr so viele Bäume abgeholzt oder
       niedergebrannt.
       
       Eng mit dem Waldschutz hängt der Schutz indigener Völker zusammen. Lula hat
       ein Ministerium für sie geschaffen. Seit [3][Beginn seiner dritten
       Amtszeit] hat er 16 Indigenen-Schutzgebiete staatlich anerkannt und damit
       den Schutz dieser Gebiete vor Abholzung und Brandrodung verbessert.
       
       Laut Marcio Astrini von der Klimabeobachtungsstelle, einem Zusammenschluss
       brasilianischer NGOs, ist dies besonders nachhaltiger Waldschutz. Denn
       sollte bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2026 ein Klimaskeptiker
       gewinnen, könnte dieser zwar Mittel für den Klimaschutz streichen. „Aber er
       kann nicht ein geschütztes Indigenen-Gebiet abschaffen“, sagt Astrini.
       
       Um den Waldschutz fest zu verankern, hat Lula am Donnerstag beim
       Klimagipfel in Belém eine internationale Initiative gestartet. Der Fonds
       Tropical Forest Forever Facility (TFFF) soll künftig den Schutz bedrohter
       Wälder in verschiedenen Weltregionen finanzieren.
       
       Den Plänen zufolge sollen dafür 25 Milliarden Dollar (21,7 Milliarden Euro)
       an staatlichen und 100 Milliarden Dollar an privaten Mitteln bereitgestellt
       werden. Bislang gingen Zusagen von rund 5,5 Milliarden Dollar ein, auch
       Deutschland will sich mit einem „namhaften“ Betrag beteiligen.
       
       ## Umstrittene Ölförderung
       
       In der Klimawissenschaft besteht Einigkeit, dass die Nutzung fossiler
       Energieträger die Hauptursache für die fortschreitende Erderwärmung ist.
       Dennoch will Lula absehbar nicht auf die Ölförderung in Brasilien
       verzichten. „Die Welt ist noch nicht bereit, ohne Erdöl zu leben“, sagte er
       jüngst. Aus seiner Sicht werden die Öleinnahmen etwa gebraucht, um in die
       Entwicklung klimafreundlicher Kraftstoffe für die Energiewende zu
       investieren.
       
       Brasilien ist derzeit der achtgrößte Erdölförderer der Welt. Lula will den
       staatlichen Ölkonzern Petrobras gar zum „größten Erdöl-Unternehmen der
       Welt“ machen. Ausgerechnet im Jahr der COP30 hat Petrobras eine
       entscheidende Hürde genommen, um Offshore-Ölbohrungen an der
       Amazonas-Mündung vorzunehmen, und rechnet nach eigenen Angaben damit, bald
       die Förderlizenz zu bekommen.
       
       Suely Araújo von der brasilianischen Klimabeobachtungsstelle hält dieses
       Vorhaben für einen „historischen Fehler“. „Nachhaltiges Erdöl existiert
       einfach nicht – Punkt“, sagt sie.
       
       Dass Brasilien zu den größten Treibhausgas-Emittenten der Welt gehört,
       liegt aber nicht vorwiegend an der Ölförderung. Laut Felipe Barcellos e
       Silva von der brasilianischen Denkfabrik Institut für Energie und Umwelt
       (Iema) entfallen 50 Prozent von Brasiliens Emissionen auf die
       Waldzerstörung und 25 Prozent auf die Landwirtschaft.
       
       9 Nov 2025
       
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