# taz.de -- Geschichte der Deaflympics: Ein ganz leiser Spitzensport
       
       > In Tokio finden die Weltspiele der Gehörlosen statt. Seit 1924 gib es sie
       > – jenseits von Olympia und Paralympics, aber mit exzellenten Leistungen.
       
 (IMG) Bild: Wo ist das Besondere? Bei den Deaflympics in Japan gewinnt Maki Yamada den 400-Meter-Lauf
       
       Es sind [1][Meldungen], die gerade aus Tokio eintrudeln, mit denen die
       deutsche Sportöffentlichkeit nicht viel anfangen kann. „Gold und Bronze für
       Deutschlands Bowler“ lautet eine. Oder „Platz 2 und 4 für Deutschlands
       Sportschützen“.
       
       In Tokio finden derzeit die [2][Deaflympics] statt, die Weltspiele der
       Gehörlosen. Etwa 2.500 Sportler und Sportlerinnen aus 78 Nationen treten in
       18 Sportarten an. Es ein olympisches Format, das seit dem 15. und bis zum
       26. November in Japans Hauptstadt ausgetragen wird. Nur eben ohne Geschrei
       und Getöse. Und ohne Gehör zu finden.
       
       Seit 1924 gibt es die Deaflympics als der alle vier Jahre ausgetragene
       Höhepunkt des Gehörlosensports. Es ist eine Variante des Behindertensports,
       die nichts mit den [3][Paralympics] zu tun hat, und auch mit keiner anderen
       Organisation, etwa den [4][Special Olympics]. In Deutschland ist der
       Deutsche Gehörlosen-Sportverband auch nicht Mitglied im Deutschen
       Behindertensportverband. Der Wunsch, eigenständig zu bleiben, dominiert.
       
       Der [5][Gehörlosensport] gilt als der älteste eigenständig organisierte
       Sport von Menschen mit Behinderung. Der Durchbruch fand in Frankreich
       statt, denn hier gab es schon seit dem späten 18. Jahrhundert eine durchaus
       sichtbare Community der Gehörlosen. 1834 gründete sich beispielsweise ein
       Komitee zur Verteidigung der französischen [6][Gebärdensprache]. 1899
       entstand in Paris der „Club Cycliste des Sourds-Muets“, ein Radsportverein,
       der – im Unterschied zu anderen Vereinen der damaligen Zeit – auch Frauen
       aufnahm. Wenige Jahre später gründeten sich zwei weitere Klubs, einer,
       Saint-Jacques, für bürgerliche Kreise, ein anderer, Asnières, für Sportler
       und Sportlerinnen aus der Arbeiterklasse.
       
       In Deutschland wurde schon 1888 die „Taubstummen Turnvereinigung Berlin“
       gegründet, der vermutlich weltweit erste Sportverein für Taubstumme. 1910
       entstand der Verband Deutscher Taubstummen-Vereine für Leibesübungen.
       
       ## Gehörlosensport und Arbeitersport
       
       Als Schlüsselfigur der französischen Gehörlosensportbewegung gilt
       [7][Eugène Rubens-Alcais], ein Metallarbeiter, politischer Aktivist und
       Radsportenthusiast.
       
       1914 gab er die Zeitung Sportsman Silencieux heraus. Rubens-Alcais nahm
       sich als organisatorisches Vorbild den Arbeitersport. „Die Arbeiterklasse
       hat die ‚Fédération sportive du travail‘“, sagte Rubens-Alcais. Und fragte:
       „Warum sollte es dann nicht einen eigenen Verband für Taubstumme geben?“
       
       1918 wurde dann die FSSMF gegründet, die „Fédération Sportive des
       Sourd-Muets de France“. Aus ihr gingen 1924 in Paris die ersten Deaflympics
       hervor, die damals noch „International Silent Games“ hießen. 140 Sportler
       waren dabei, sie kamen aus 9 europäischen Ländern. Die Deutschen waren
       übrigens nicht zugelassen – ähnlich wie bei den Olympischen Spielen des
       IOC, die wenige Wochen zuvor gleichfalls in Paris stattgefunden hatten.
       
       Als Motto gab sich die Gehörlosensportbewegung „Per Ludos Aequalitas“,
       Gleichheit durch Spiele. Von der Durchsetzung ihrer Ziele sind die
       Gehörlosensportler und -sportlerinnen heute allerdings noch weit entfernt.
       Naoki Kurano, Chef des Organisationskomitees der Deaflympics in Tokio,
       sagt: „Die Idee von Herrn Rubens-Alcais ist geblieben: Wir wollen die
       Gesellschaft verändern!“
       
       Problematisch ist, dass die Mehrheitsgesellschaft davon nicht unbedingt
       etwas wissen will. 2023 beklagte sich der Deutsche Gehörlosen-Sportverband
       heftig beim Sportausschuss des Bundestages: „Die Berichterstattung von
       Sportveranstaltungen ist in der deutschen Medienlandschaft nicht existent.“
       
       101 Jahre Weltklassesport bei den Deaflympics haben daran erst mal nicht
       viel geändert.
       
       21 Nov 2025
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martin Krauss
       
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