# taz.de -- Sportliche Fusion: Ohne Pause
       
       > Die Olympischen und Paralympischen Spiele sollten zusammengelegt werden.
       > Alle AthletInnen haben ein Recht auf ihren großen Auftritt.
       
 (IMG) Bild: Der brasilianische paralympische Schwimmer Silva Clodoaldo entzündet das olympische Feuer in Rio 2016
       
       Oscar Pistorius war vor seinen negativen Schlagzeilen bekannt als fastest
       man on no legs. Als mehrfacher Paralympicssieger kämpfte er für die
       Gleichberechtigung aller Sportler, Kritiker verhinderten 2008 seine
       Teilnahme an den Olympischen Spielen als erster Paralympionik. 2011
       startete er dann als erster Sportler mit körperlichen Einschränkungen unter
       nichtbehinderten Sportlern bei einer Leichtathletik-WM und schied im
       Halbfinale über 400 Meter aus.
       
       In Zeiten der entstehenden inklusiven Gesellschaft ist die Frage
       gerechtfertigt, ob die paralympischen und olympischen Spiele nicht
       zeitgleich stattfinden sollten. Es geht jedoch nicht nur um den gemeinsamen
       Start von Sportlerinnen und Sportlern mit und ohne Einschränkungen, sondern
       auch um die Frage der Gleichstellung dieser großen Sportereignisse.
       Kritiker meinten oft, Sportlerinnen und Sportler hätten durch bestimmte
       Hilfsmittel Vorteile, wie möglicherweise Oscar Pistorius mit seinen
       federnden Prothesen. Die Hilfsmittel stellen jedoch einen
       Nachteilsausgleich dar, durch den die Athletinnen und Athleten diesen Sport
       überhaupt erst ausführen können.
       
       Das mediale Interesse ist bei Olympischen Spielen enorm groß. Täglich und
       fast rund um die Uhr wird der Zuschauer über die Ergebnisse informiert. Der
       Zuschauer hat das Gefühl, überall dabei zu sein und den Sportler genau zu
       kennen. Seit London 2012 können sich auch alle Freunde der Paralympischen
       Spiele freuen, dass die Übertragungszeit des Großereignisses enorm
       gestiegen ist. Im Vergleich zu den Olympischen Spielen sind die
       Paralympischen Spiele jedoch eindeutig unterrepräsentiert.Eine Fusionierung
       wäre gut, um das mediale Interesse zu fördern.
       
       Bei einer möglichen Zusammenlegung würde die Dauer der Spiele jedoch
       erheblich länger werden, oder es müssten viel mehr Sportarten parallel
       durchgeführt werden. Die Medien müssten sich entscheiden, welche Sportarten
       live übertragen werden. Nach den herkömmlichen Erfahrungen wäre ein
       olympischer Spitzensportler oder eine Spitzensportlerin mit vielen
       Sponsoren im Portfolio sicherlich gefragter als ein paralympischer
       Spitzensportler oder eine Spitzensportlerin, die oft ihren Sport neben dem
       Beruf ausüben und wenig Geldgeber haben.
       
       ## Der quantitative Unterschied
       
       Neben der qualitativen Entscheidung ist auch das Quantitative bei einer
       Zusammenlegung der Spiele zu bedenken. So starten beispielsweise bei den
       Olympischen Spielen im Sprint über 100 Meter die Frauen und Männer
       voneinander getrennt und es gibt zwei Sieger – die schnellste Frau und der
       schnellste Mann der Welt. Da körperliche Einschränkungen genauso vielfältig
       sind wie die Menschheit an sich, werden bei den Paralympischen Spielen die
       Athleten aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen klassifiziert. Die
       Klassifikation ermöglicht eine Zusammenfassung der vielfältigen
       Einschränkungen auf ein Minimum.
       
       Unterschieden wird zwischen: „sehbehindert“ für Menschen mit visuellen
       Einschränkungen, „sitzend“ für Rollstuhlfahrer, „stehend“ für Menschen mit
       Oberkörpereinschränkungen und jene, die die unteren Extremitäten bewegen
       können. „amputiert“ für Menschen mit amputierten Extremitäten. Neben diesen
       Einschränkungen gibt es noch detaillierte Unterklassifikationen, die selten
       fair, aber eine notwendige organisatorische Hilfe sind.
       
       Durch diese Organisation gibt es nicht jeweils einen Sieger bei den Männern
       und Frauen im 100-Meter-Sprint, sondern jeweils einen Sieger in:
       „sehbehindert T11–T13, „sitzend T33–T34“, „sitzend T51–T54“, „stehend
       T35–T38“, „Amputation T42–T47“. Insgesamt zehn Goldmedaillengewinner wurden
       in Rio 2016 in der Sprintdisziplin 100 Meter gekürt.
       
       In 9,81 Sekunden rannte Usain Bolt in Rio 2016 zu Gold, die schnellsten
       Rennrollstuhlfahrer in Rio schafften dieselbe Strecke in 13,90 Sekunden.
       Die Marathonstrecke wurde „sitzend“ in 1:38:44 h erfahren. Erlaufen wurde
       dieselbe Strecke („sehbehindert“) in 2:34:50 Stunden, bei den Olympischen
       Spielen lag die Bestzeit bei 2:08:44 Stunden.
       
       Hier zeigt sich der Vorteil vom Rollstuhlfahrer. Dieser ist auf einer
       Langstrecke um ein Vielfaches schneller, auf der Kurzstrecke langsamer als
       ein Fußgänger. Diese Möglichkeiten der Sportarten können nicht
       zusammenfassend gleichberechtigt und fair verglichen werden. Sportler und
       Sportlerinnen mit ähnlichen Voraussetzungen duellieren sich sportlich und
       haben somit ihre eigene Bühne.
       
       ## Problem der medialen Aufmerksamkeit
       
       Dies illustriert die Problemlage einer möglichen Fusionierung von
       Paralympischen und Olympischen Spielen. Das schließt jedoch nicht aus, dass
       beide Ereignisse gleichwertig medial betrachtet werden sollten – ohne
       dreiwöchiger Pause zwischen den Ereignissen. Das Olympische Dorf und die
       Wettkampfstätten sollten von Beginn an barrierefrei geplant und umgesetzt
       werden.
       
       Neben den Paralympischen und Olympischen Spielen gibt es die noch weniger
       medial bekannten, Special Olympics für kognitiv eingeschränkte, die
       Deaflympics für auditiv eingeschränkte und World Transplant Games für
       organtransplantierte Menschen.
       
       Bei einer Fusionierung hätten nur noch die finanziell schlagkräftigen
       Athletinnen und Athleten eine große Bühne. Jedoch hat jeder Sportler und
       jede Sportlerin aller Weltspiele, unabhängig von finanziell starken
       Sponsoren oder Werbeverträgen das Recht auf seine eigene
       öffentlichkeitswirksamen Bühne – und das sollte durch eine Zusammenlegung
       aller Spiele nicht geschmälert werden.
       
       3 Dec 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christoph Pisarz
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Olympische Spiele 2024
 (DIR) Schwerpunkt Paralympics 2024
 (DIR) Fusion
 (DIR) Behindertensport
 (DIR) Schwerpunkt Olympische Spiele 2024
 (DIR) Fußball
 (DIR) Blinde Menschen
 (DIR) Teilhabegesetz
 (DIR) Behindertensport
 (DIR) Schwerpunkt Olympische Spiele 2024
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) Schwerpunkt Paralympics 2024
 (DIR) Schwerpunkt Olympische Spiele 2024
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Geschichte der Deaflympics: Ein ganz leiser Spitzensport
       
       In Tokio finden die Weltspiele der Gehörlosen statt. Seit 1924 gib es sie –
       jenseits von Olympia und Paralympics, aber mit exzellenten Leistungen.
       
 (DIR) Paralympic-Sportler Rehm über Olympia: „Ich möchte Klarheit“
       
       Der paralympische Weitspringer Markus Rehm erklärt, warum er seinem Traum
       von einem Doppelstart bei Olympia und den Paralympics näher denn je ist.
       
 (DIR) Marathonläufer über TV-Sportvielfalt: „Nicht alle mögen den Fußball“
       
       Der Marathonläufer Arne Gabius erklärt, welche großen Probleme mit der
       Konzentration des Fernsehens auf nur eine Sportart verbunden sind.
       
 (DIR) Sportereignisse blind erleben: Das Gefühl, den Ball zu sehen
       
       Angebote für Blinde gibt es abseits vom Fußball nur selten.
       Goalball-Nationalspieler Stefan Hawranke nennt Möglichkeiten und
       Beschränkungen.
       
 (DIR) Sportlerin der Extraklasse: Die Alleskönnerin
       
       Bei den Paralympics in London holte sie Gold, in Rio Silber. Dazwischen
       wechselte die Hamburgerin Edina Müller vom Rollstuhlbasketball ins
       Einer-Kanu
       
 (DIR) Behindertensportlerin des Jahres: Eine Optimistin mit acht Beinen
       
       Nach dem Verlust ihrer Unterschenkel rieten Ärzte Vanessa Low zum
       Rollstuhl. Sie wollte Prothesen. In Rio gewann sie 2016 zwei Medaillen.
       
 (DIR) Olympische Visionen für Katar: Wendiger, biegsamer, flexibler
       
       IOC-Chef Thomas Bach macht Katar Hoffnung, Gastgeber der Sommerspiele zu
       werden – ein erstaunliches Signal angesichts der Menschenrechtslage dort.
       
 (DIR) Deutsche Stars bei den Paralympics: Große Sprünge und Scheibenkleister
       
       Markus Rehm und Marianne Buggenhagen überstrahlen alle anderen deutschen
       Athleten bei den Paralympics. Das missfällt einigen.
       
 (DIR) Paralympics in Rio: Eine alles überstrahlende Rekordserie
       
       Bei den Paralympics demonstriert China seine Vormachtstellung. Seit über
       zehn Jahren werden die Sportler aufwändig gefördert.
       
 (DIR) Paralympics in Rio: Rios Herz für die Paralympics
       
       Olympia war holprig, doch Rios Spiele für Menschen mit Behinderung sorgen
       zum Start für emotionale Momente. Der oberste Mann im Staat wird ausgebuht.