# taz.de -- Ausbildungsmarkt in Berlin: Irrationale Angst vor der Umlage
> Wirtschaftsverbände wehren sich gegen die Einführung eines Umlagefonds
> für Auszubildende. Doch die Argumente dagegen halten einer Prüfung kaum
> stand.
(IMG) Bild: Jobcenter-Aktion „Walk-to-Job“ in der Malzfabrik Schöneberg
Berlin taz | Immer mehr Berliner Auszubildende müssen beim Jobcenter
aufstocken, um über die Runden zu kommen. Das geht aus einer bisher
unveröffentlichten Anfrage des Abgeordneten Damiano Valgolios (Linke)
hervor. Demnach stieg die Anzahl der Auszubildenden, die Sozialleistungen
bezogen, von 2.952 im Jahr 2022 auf 4.830 im vergangenen Jahr. Das
entspricht einem Anstieg von über 60 Prozent. Demzufolge kann jeder siebte
Auszubildende seinen Lebensunterhalt ohne Bürgergeld nicht bestreiten.
Die Anfrage ist der jüngste Beitrag [1][in der hitzig geführten Debatte um
die Einführung der Ausbildungsplatzumlage]. Sie sieht vor, dass ausbildende
Unternehmen Geld aus einem Fonds erhalten, in den fast alle Berliner
Unternehmen einzahlen müssen.
In den letzten Monaten ist insbesondere die Industrie- und Handelskammer
(IHK) vorgeprescht, in der Hoffnung, das Gesetz zu verhindern. Doch mit
ihrer Kritik schießen die Wirtschaftsverbände teilweise übers Ziel hinaus,
wie auch Damiano Valgolios Anfrage zeigt. Der Linken-Politiker rechnet
damit, dass die Umlage die Bedingungen für Betriebe und Azubis sogar
verbessern könnte: „Wenn den Ausbildungsbetrieben die Kosten über die
Umlage erstattet werden, können es sich vor allem kleinere Betriebe
leisten, die Ausbildungsvergütung zu erhöhen.“
Die Berliner Wirtschaftsverbände folgen dieser Argumentation nicht. „Die
Vergütung ist nicht der Schlüssel zu mehr Ausbildung“, behauptete Jürgen
Wittke, Chef der Berliner Handwerkskammer, [2][bei einer gemeinsamen
Pressekonferenz gegen die Ausbildungsplatzumlage am vergangenen Dienstag.]
Dabei ist das stärkste Argument gegen eine Ausbildung für Jugendliche die
geringe Entlohnung. [3][Das ergab zumindest eine im August veröffentlichte
Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) unter Auszubildenden und
Schüler:innen.] 30 Prozent der Befragten gaben an, die Vergütung sei für
sie ein Argument gegen eine Ausbildung. Für rund 60 Prozent sei eine gute
Entlohnung der wichtigste Faktor bei der Wahl des Ausbildungsplatzes. „Drei
Jahre lang schuften und minderwertig behandelt werden, während ich mit
nicht arbeiten komfortabler leben würde“, bringt es einer der
Studienteilnehmenden auf den Punkt.
## Unmotivierte Bewerber:innen
Verantwortlich für die bundesweit niedrigste Ausbildungsquote ist in Berlin
laut IHK hauptsächlich [4][die mangelnde Eignung der Bewerber:innen, die
orientierungslos, unmotiviert und ohne die notwendigen Kernkompetenzen aus
der Schule kämen.] Kurz nach Beginn des Ausbildungsjahres sind im Portal
der Industrie- und Handelskammer in Berlin immer noch knapp 5.000 Stellen
unbesetzt, während im August noch 7.827 Jugendliche bei der Agentur für
Arbeit ausbildungssuchend gemeldet waren.
Ein „Passungsproblem“, dass die Politik lösen sollte, zum Beispiel durch
bessere Berufsorientierung an den Schulen, meinen die Wirtschaftsverbände.
Die Berliner Unternehmen würden bereits soviel ausbilden, wie sie könnten,
daran würde auch die Umlage nichts ändern. „Durch die Umlage wird kein
einziger Ausbildungsplatz geschaffen“, wiederholt IHK-Geschäftsführerin
Manja Schreiner fast mantraartig.
Dabei sind die hohen Ausbildungskosten für die Unternehmen oft ein Grund,
lieber gar keine Auszubildende einzustellen, als jemanden ungeeigneten. So
haben Schulabgänger:innen mit unentschuldigten Fehlzeiten in der
Praxis kaum eine Chance, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. In
der DGB-Studie berichten viele Teilnehmer:innen von überzogenen
Anforderungen und fehlenden Rückmeldungen auf Bewerbungen. Die
Autor:innen sprechen von einem „demotivierenden System“ und folgern:
„Ausbildungsplätze müssen nicht nur vorhanden sein, sie müssen auch
zugänglich sein.“
## Ausbildungsquoten in anderen Bereichen nach Einführung verbessert
Welchen Effekt die Umlage haben wird, ist unklar. Erfahrungen aus anderen
Branchen, wie dem Bauhauptgewerbe oder der Pflege zeigen jedoch, dass sich
dort die Ausbildungsquoten nach der Einführung deutlich verbessert haben.
Trotzdem versucht die IHK den finanziellen Vorteil für ausbildende
Unternehmen kleinzurechnen. [5][Im Juli veröffentlichte der
Wirtschaftsverband ein Rechentool auf seiner Homepage], mit der Unternehmen
berechnen konnten, wie viel Geld sie in den Fonds einzahlen müssen
beziehungsweise wieder herausbekommen.
Dabei ist der genaue Anteil der Bruttolohnsumme in dem Gesetzesentwurf gar
nicht festgelegt, ebenso wenig wie der Pauschalbetrag, den die Betriebe pro
Auszubildenden erhalten. Lediglich eine Obergrenze von 0,5 Prozent der
Bruttolohnsumme ist im Entwurf enthalten. Die IHK orientiert sich bei ihrem
Rechner an dieser Höchstgrenze, wobei für die Pauschale nur ein eher
niedriger Wert angenommen wird. So ergibt sich für viele Unternehmen eine
Zuzahlung, obwohl sie ausbilden. „BVG droht Strafzahlung von 660.000 Euro“,
titelte daraufhin die Morgenpost.
Doch laut internen Berechnungen der Arbeitssenatsverwaltung sind die Zahlen
willkürlich und kaum realistisch. Bei einem Abgabeanteil von 0,5 Prozent
wäre die Ausgleichspauschale doppelt so hoch wie von der IHK angenommen.
Die BVG würde in jedem Szenario von der Umlage profitieren. Statt 660.000
Miese würde das Unternehmen zwischen 500.000 und 1.500.000 Euro erhalten.
Tatsächlich würden vor allem kleine und mittelgroße Betriebe von der Umlage
profitieren. Ein Restaurant mit 20 Beschäftigten und zwei Auszubildenden
könnte demnach mit einem jährlichen Zuschuss von 10.000 Euro rechnen. Auch
größere Unternehmen, die viel ausbilden, könnten plus machen.
Von der Unternehmerseite gibt es daher nicht nur Ablehnung gegenüber der
Umlage. „Wir wären ein großer Nutznießer dieser Maßnahme“, sagt Sven
Reinholz, Geschäftsführer von Zapf Umzüge – auch wenn er generell bei
Zwangsumlagen skeptisch sei. Draufzahlen müssten vor allem Unternehmen mit
hohen Löhnen, in Branchen, die wenig bis gar nicht ausbilden – wie etwa
IT-Unternehmen oder Start-ups. Ob das gerecht und wirtschaftlich sinnvoll
ist, sind Fragen, die die IHK zurecht aufwirft.
14 Oct 2025
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(DIR) Jonas Wahmkow
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