# taz.de -- Diplomatische Anerkennung in Aussicht: Indien hofiert das afghanische Taliban-Regime
       
       > Die indische Regierung empfängt den afghanischen Außenminister der
       > Taliban. Kontroversen bleiben nicht aus.
       
 (IMG) Bild: Der indische Abgeordnete Vikramjit Singh Sahney begrüßt den Taliban-Außenminister Amir Khan Mutaki in Delhi, am 13. 10. 2025
       
       Delhi taz | Seit Tagen sorgt der erste offizielle Besuch des Außenministers
       des afghanischen Talibanregimes in Indiens für [1][Aufregung]. Bevor Amir
       Chan Mutaki in Delhi die afghanische Botschaft betrat, protestierte ein
       Mann, dass die Taliban-Flagge dort nicht gehisst werden dürfe – erst nach
       einer offiziellen diplomatischen Anerkennung durch Indien. So weit ist es
       noch nicht, doch [2][normalisieren] sich die Beziehungen weiter.
       
       Am Sonntag lud Mutaki schon zum zweiten Mal die Presse in die afghanische
       Botschaft ein. Im Saal war neben ihm die schwarz-weiße Flagge des
       Islamischen Emirats zu sehen, während auf dem Hof die Trikolore der
       Republik Afghanistan wehte.
       
       Zu diesem Pressetermin wurden auch explizit [3][weibliche Medienschaffende]
       eingeladen. Damit reagierte Mutaki auf Kritik, dass beim ersten Mal nur
       männliche Journalisten geladen waren. Mutaki erklärte, ein Ausschluss von
       Frauen sei nicht beabsichtigt gewesen. Auch Bildung für Frauen sei für die
       Taliban kein Tabu, sie sei „nur ausgesetzt“.
       
       Mutakis erste Pressekonferenz hatte in Indien eine politische Kontroverse
       ausgelöst. Oppositionspolitiker:innen kritisierten
       Premierminister Narendra Modi von der hindunationalistischen Volkspartei
       (BJP), die diskriminierende Veranstaltung überhaupt geduldet zu haben.
       Schon bei dem Treffen zwischen Regierungsvertretern beider Seiten waren
       keine Frauen dabei gewesen.
       
       ## Pakistans Regierung sieht sich ausgebootet
       
       Mutakis fast einwöchiger Besuch erregt aber auch deshalb Aufmerksamkeit,
       weil Indien wie Afghanistans Talibanregime derzeit sehr angespannte
       Beziehungen zu Pakistan hat. In Delhi erklärte der Taliban-Vertreter nach
       den [4][jüngsten Gefechten an der Grenze zu Pakistan] und dem vorherigen
       mutmaßlichen [5][pakistanischen Drohnenangriff] auf pakistanische Taliban
       (TTP) in Kabul, die Lage sei unter Kontrolle. Er warnte aber, man könne
       auch auf andere „Optionen“ zurückgreifen.
       
       Zuvor hatte Pakistan den Taliban-Botschafter in Islamabad einbestellt, um
       gegen eine gemeinsame indisch-afghanische Erklärung zu protestieren. Darin
       hatte Kabul den Terroranschlag im indischen Pahalgam im April verurteilt.
       Für den macht Delhi Islamabad verantwortlich, weshalb es zu einem
       militärischen Schlagabtausch zwischen Indien und Pakistan gekommen war.
       
       Delhi war bis zur Machtübernahme der Taliban im August 2021 einer der
       großen Infrastrukturförderer Afghanistans. Delhis jetzige Annäherung deutet
       eine pragmatische Kehrtwende darin zurück an.
       
       [6][Außenminister Subrahmanyam Jaishankar] begrüßte den Taliban-Besuch als
       „wichtigen Schritt zur Förderung“ der Beziehungen. Seit 2022 unterhält
       Indien in Kabul nur ein „technisches Team“, will demnächst seine Botschaft
       aber wieder öffnen. „Afghanistan betrachtet Indien als engen Freund“, sagte
       Mutaki.
       
       ## Afghanische Diaspora in Indien sieht Annäherung kritisch
       
       Bisher hat nur Russland das Talibanregime offiziell diplomatisch anerkannt,
       doch haben China, die Vereinigten Arabischen Emirate, Usbekistan und
       Pakistan jeweils Botschafter nach Kabul entsandt.
       
       Die afghanische Diaspora in Indien, die geschätzte 21.000 Menschen umfasst,
       sieht die Annäherung mit Sorge. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sind
       viele Afghanen dort nicht als Flüchtlinge anerkannt. Eine Aufwertung der
       Taliban könnte Abschiebungen erleichtern, womit etwa Pakistan schon
       begonnen hat. In Afghanistan ist Mädchen und Frauen jetzt der Schulbesuch
       nach der Grundschule verboten, ebenso weitgehend Erwerbsarbeit.
       
       Die afghanische Marketingabsolventin Maryam*, die seit sechs Jahren in
       Indien lebt, will nicht zurückkehren. Sie sagt der taz: „Früher war die
       Lage zwar nicht sicher in Afghanistan, aber wir hatten zumindest als Frauen
       Rechte.“ Solange das nicht der Fall sei, komme Afghanistan für sie nicht
       infrage. In Indien könne sie zumindest online studieren.
       
       Auch der afghanische Künstler Zain* ist von Indiens Kurs enttäuscht. Der
       33-Jährige kam vor Jahren zum Studium nach Delhi und sagt: „Wenn ich eine
       Tochter hätte, könnte sie in Afghanistan nicht einmal zur Schule gehen.“
       Delhis Politik ginge zu Lasten der afghanischen Bevölkerung.
       
       Bald dürften Taliban-Diplomaten die Botschaft in Delhi übernehmen.
       Entsandte der alten Regierung haben bereits in westlichen Ländern Asyl
       gesucht.
       
       *Name geändert
       
       13 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://timesofindia.indiatimes.com/city/agra/afghanistan-foreign-minister-amir-khan-muttaqis-visit-to-agra-cancelled/articleshow/124495500.cms
 (DIR) [2] https://www.bbc.com/news/articles/c8exzzz5dp5o
 (DIR) [3] https://www.independent.co.uk/asia/india/taliban-muttaqi-afghanistan-women-delhi-b2843931.html
 (DIR) [4] /Kaempfe-zwischen-Afghanistan-und-Pakistan/!6116420
 (DIR) [5] /Moeglicher-Luftangriff-in-Afghanistan/!6119062
 (DIR) [6] https://indianexpress.com/article/india/jaishankar-meets-afghan-fm-announces-upgrade-indian-embassy-kabul-10298865/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Natalie Mayroth
       
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