# taz.de -- Stadtbild-Debatte: Das stört die Töchter
       
       > „Fragen Sie mal Ihre Töchter“, sagte Kanzler Merz, als er gefragt wurde,
       > was er mit seiner Stadtbild-Aussage meine. Alles klar, haben wir gemacht.
       
 (IMG) Bild: 99 Probleme, aber Merz interessiert keins davon: eine Tochter protestiert vor der CDU-Zentrale in Berlin, 21.10.25
       
       Luise, 12 Jahre, und Helene, 15 Jahre, Berlin: „Uns stört am Stadtbild hier
       in Kreuzberg eigentlich nichts. Außer wenn Männer überall hinpinkeln. Das
       wollen wir nicht sehen und auch nicht riechen. Und vor dem ganzen Dreck in
       der Stadt ekeln wir uns auch. Wir haben uns angewöhnt, an besonders
       dreckigen Orten unsere Hosen hochzukrempeln.“
       
       Ongoo, 40 Jahre, Berlin: „Das [1][zunehmend sichtbare Elend] im Stadtbild –
       das sollte uns stören! Seit Jahren beobachte ich, wie Menschen bei Hitze,
       Regen und klirrender Kälte auf der Straße sitzen. Ihrer Menschenwürde
       beraubt, müssen sie um ein paar Cents betteln. Mit der [2][Verschärfung des
       Bürgergelds], die Merz plant, wird das noch schlimmer werden. Was macht das
       mit uns? Wir stumpfen ab und verlieren Teile unserer Menschlichkeit.
       Außerdem diszipliniert uns der Anblick verarmter Menschen: Bloß brav
       malochen gehen und die Füße stillhalten, egal wie schlecht unsere
       Arbeitsbedingungen sind, damit wir nicht genauso enden.“
       
       Simin, 38 Jahre, Saarbrücken: „Was mich am Stadtbild stört, ist der viele
       Beton. Überall Steine und so wenig Grün! Dass man mit dem Fahrrad nicht
       sicher von A nach B kommt, weil Fahrradwege fehlen. Und was mich ganz
       besonders stört, ist, dass ich als [3][Frau nicht mehr nach 18 Uhr joggen
       kann] – und das nicht mal durch die Innenstadt! Weil man immer von
       irgendwem blöd angemacht wird, weil man sich immer unter irgendeiner Brücke
       sorgen muss, dass etwas passiert. Und das liegt nicht an Hautfarbe oder
       Herkunft, sondern an einem einzigen Problem: Männern.“
       
       Elcin, 31 Jahre, Berlin: „Das Stadtbild ist für mich kein Problem, aber das
       [4][rassistische Bedrohungsbild, das Friedrich Merz zeichnet]! Er will uns,
       typisch rechtspopulistisch, Angst vor migrantischen Männern machen. Dabei
       sind deutsche Männer genauso gefährlich. Aber über die spricht er nicht.
       Die Sicherheitsbedenken von Frauen interessieren Merz und die CDU doch gar
       nicht! Er instrumentalisiert uns Frauen nur, um Rassismus zu
       verb[5][reiten. Außerdem spricht Merz allgemein von ‚Migranten‘. Heißt das,
       auch eine nicht-weiße Person mit] deutscher Staatsbürgerschaft stört für
       ihn das Stadtbild? Daran stört mich ehrlich gesagt das Bild des
       Grundgesetzes, das der Bundeskanzler zu haben scheint.“
       
       Nici, 46 Jahre, Berlin: „Dinge, die mich im Stadtbild stören: Autos, die
       Straßen verstopfen, lärmen und die Luft verpesten, überdimensionierte
       Bürogebäude als reine Geldanlage, die freie Flächen und Sonnenstrahlen
       verschwinden lassen und [6][Mietpreise erhöhen], Hundescheiße und Müll auf
       Gehwegen, die eine zwingen, immer auf den Boden zu schauen.“
       
       Anya, 40 Jahre, Berlin: „Seit ein paar Jahren finde ich es immer
       schwieriger, der Armut auf den Straßen zu begegnen. Ich finde es traurig,
       dass wir als Gesellschaft keinen Willen haben, etwas dagegen zu tun. Dass
       es nicht genug Angebote gibt für Menschen, die – meist wegen schwerer
       Krisen – durch alle Netze fallen, die überall nur als Störung wahrgenommen
       werden. Am traurigsten macht mich zu sehen, wie einsam die Menschen dadurch
       werden.“
       
       Anastasia, 24 Jahre, Berlin: „Immer weniger kleine Cafés oder Läden, Müll
       und dreckige Straßen, [7][Armut und Obdachlosigkeit] – das sind für mich
       Probleme im Stadtbild. Meiner Meinung nach hat das weniger mit Migration zu
       tun, sondern viel mehr mit falsch gesetzten politischen Prioritäten. In
       einem reichen Land wie Deutschland gibt es Menschen, vor denen
       gesamtgesellschaftlich die Augen verschlossen werden. Menschen, die auf der
       Straße leben, krank oder abhängig sind, zeichnen in deutschen Großstädten
       das Bild einer Politik, die wegschaut und wo sozial Schwache immer weiter
       auf der Strecke bleiben.“
       
       Julia, 32 Jahre, Ulm: „Also was mir jetzt mit Kind und mit Kinderwagen
       krass auffällt, ist die oft fehlende Barrierefreiheit – kaputte oder gar
       keine Aufzüge, keine Rampen an Treppen und so weiter. Und ich finde, dass
       oft die Sauberkeit zu wünschen übrig lässt, gerade an Bahnhöfen. Und dass
       das Sicherheitsgefühl von Frauen im öffentlichen Raum gerade abends und
       nachts ein anderes als das von Männern ist – unabhängig von Menschen mit
       Migrationshintergrund darüber müssen wir ja nicht reden.“
       
       Lorin, 17 Jahre, Berlin: „Wenn mich etwas am Stadtbild stört, dann sind es
       Dreck auf den Straßen und grelle Leuchtanzeigen. Mich stört auch die hohe
       Obdachlosigkeit an manchen Orten. Ich habe schon sehr junge Menschen
       gesehen, die auf der Straße leben, das schockiert mich. Was ich auch nicht
       gut finde, ist die Gewalt, die man manchmal erlebt, wenn man abends
       unterwegs ist. Dass Merz findet, dass bestimmte Menschen nicht ins
       Stadtbild passen und man das verändern sollte, das finde ich aber Quatsch.
       Wenn Jugendliche Fehler machen, muss man darauf eingehen. Aber man kann das
       nicht verallgemeinern. Es fällt schon auf, dass bestimmte Jungsgruppen
       abends manchmal lauter sind und mehr Stress machen. Aber da gehören auch
       Deutsche dazu. Andere liegen dann auf dem Boden, weil sie zu viel getrunken
       haben. Je älter man wird, desto mehr wird einem bewusst, wie viele Drogen
       im Umlauf sind. Ich sehe abends auch relativ häufig Gruppen von jungen
       Frauen, die rumlaufen. Ich geselle mich dann gerne in deren Nähe, weil ich
       mich dann etwas sicherer fühle.“
       
       Lisa, 33 Jahre, Schwäbisch Gmünd: „Mich stört, dass es keine konsumfreien
       öffentlich zugänglichen Orte gibt. Keine Begegnungsräume, zu wenig
       Parkbänke, die bequem sind, zu wenig Beleuchtung an Plätzen, keine Disco,
       hässliche Brutalismusbauten, zu wenig Nahverkehr im Takt.“
       
       Lia, 14 Jahre, Hamburg: „Mich stört die Ignoranz vieler Menschen in
       Hinsicht auf Hilfsbereitschaft und das einfacheMiteinander. Mich stört,
       dasses so viele obdachlose Menschen gibt die Hilfe brauchen und sie nicht
       bekommen. Dass so viel Müll überall herumliegt, dass viele die Stadt so
       verdrecken. Und ich finde auch störend, dass es manchmal so anstrengend
       ist, eine Frau zu sein. Ich meine von Blicken her und so.“
       
       Ida, 11 Jahre, Berlin: „Mich stört, wenn Leute [8][achtlos Müll auf die
       Straße werfen] und wenn der überall rumliegt. Und mich stören
       Fleischereien, auf denen lachende Tiere abgebildet sind, obwohl die Tiere
       getötet wurden.“
       
       Aino, 24 Jahre, Berlin: „Mich stören Männer, die glotzen und catcallen,
       Graffiti, der Müll auf den Straßen, der Geruch von Urin.“
       
       Clara, 22 Jahre, Frankfurt am Main: „Mich stört am Stadtbild, dass ich egal
       zu welcher Tageszeit Angst haben muss, dass ich von einem Mann
       angesprochen, angehupt oder angepfiffen werde. Mich stört das Angegaffe von
       alten deutschen Herren in der Bahn. Mich stört, dass sich Männer immer über
       Sexismus aufregen, aber selber nichts dafür tun, dass wir Frauen uns
       sicherer fühlen. Und mich stört auch, dass es so wenige Fahrradwege gibt
       und Männer in Poserautos, die Lärm machen und die Umwelt verpesten.“
       
       Louisa, 24 Jahre, Mannheim: „Mich stört es, dass es fast keine Grünflächen
       gibt. Ich würde mir ein paar mehr Parks und wenigstens mehr Bäume wünschen.
       Und mich stört, dass die Abgase der Fabriken hier so stinken.“
       
       Emmie, 14 Jahre, Bremen: „Das Stadtbild wird am stärksten von
       diskriminierenden Männern wie Merz gestört. Wenn ich Angst vor Männern
       habe, dann suche ich mir Frauen, egal, ob sie Migrantinnen sind oder
       nicht.“
       
       Fine, 26 Jahre, Berlin: „Hier aufwachsen hieß für mich schon immer, auch
       mit einer Portion extra Zielstrebigkeit durch die Straßen zu laufen. Nachts
       alleine, nachts gemeinsam, aber auch tagsüber alleine. Das ist Alltag, bloß
       nicht ratlos stehen bleiben. Erst recht nicht, wenn ich eine Gruppe Männer
       sehe. Die Herkunft und das Aussehen der Männer: austauschbar. Ich habe an
       diversen Orten der Welt gelebt, das war überall so. Und nicht erst seit
       heute. Ja, wir können gerne über das Stadtbild reden, aber dann bitte unter
       Einbeziehung der Realität. Die einfach anders aussieht, als der
       Bundeskanzler meint. Lieber Herr Merz: Not all men, but always men. Wer so
       über die Sicherheit von Töchtern redet, hat nichts verstanden. Verwundern
       tut es allerdings nicht, diese Debatte wird ja hauptsächlich von Männern
       geführt.“
       
       Siri, 27 Jahre, Berlin: „Mich stört am Stadtbild Sexismus von Männern jeder
       Nationalität und die Ignoranz von Politikern wie Merz, es sei denn, man
       nutzt ihn für seinen eigenen Rassismus. Mich stört am Stadtbild der
       Rechtsruck, die Ungleichheit und die fehlende Solidarität.“
       
       Paula, 16 Jahre, Berlin: „Wenn auf einem Platz eine Gruppe von Männern
       steht und man muss da vorbei, dann kann das schon unangenehm sein, auch
       wenn mir bislang nichts passiert ist. Das Problem ist aber nicht, dass es
       Migranten sind, sondern dass es Männer sind, egal wo die herkommen.“
       
       Hanna, 25 Jahre: „Am Stadtbild stören mich die toten Geschäfte und die
       graue Masse an [9][Teer und Beton]. Noch nie hat mich eine Person aufgrund
       ihres äußeren Erscheinungsbildes oder ihrer gesprochenen Sprache gestört,
       denn ich bin keine rassistische Misanthropin.“
       
       Kajsa, 17 Jahre, Berlin: „Von Friedrich Merz zu hören, dass er seine
       menschenverachtenden Ideologien durchsetzen will, um junge Frauen, Töchter
       wie mich, zu schützen, fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Ich will
       nicht von einem Mann wie Friedrich Merz beschützt werden. Ich will nicht,
       dass er so tut, als wäre es ihm wichtig, dass ich mich in diesem Land wohl
       fühle und dass ich in diesem Land die gleichen Rechte habe wie ein Mann.
       Ja, ich habe Angst, wenn ich nachts allein durch meine Stadt laufe. Aber
       diese Angst gilt Männern. Und sie bleibt dieselbe, egal ob es deutsche
       Männer sind oder Männer mit Migrationshintergrund. Wenn er uns jungen
       Frauen und Töchtern wirklich helfen will, muss er den Frauenhass in unserer
       Gesellschaft bekämpfen, etwas gegen Gewalt in der Ehe unternehmen, dafür
       sorgen, dass ich weiterhin frei über meinen Körper bestimmen kann, und
       sicherstellen, dass Väter Unterhalt zahlen. Ich möchte in einer Stadt
       leben, die bunt ist und offen anderen Kulturen gegenüber. Denn wer unser
       Stadtbild wirklich zerstört, sind Faschisten, Nazis und Kapitalisten.“
       
       24 Oct 2025
       
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