# taz.de -- Nach Wahlen in Kamerun: Der Abtrünnige, der Biya ins Wanken bringt
> Der einstige Biya-Vertraute Issa Tchiroma Bakary bringt das Regime des
> 92-jährigen Präsidenten ins Wanken – das offizielle Ergebnis wurde
> vertagt.
(IMG) Bild: Issa Tchiroma Bakary, 78, posiert am 25. August 2025 in seiner Residenz in Yaoundé für ein Porträt
Kaum jemand hatte Issa Tchiroma Bakary auf dem Schirm, als er zur
Präsidentschaftswahl in Kamerun am 12. Oktober antrat.
[1][Langzeitpräsident Paul Biya], mittlerweile 92 Jahre alt, regiert seit
1982 und gewinnt jede Wahl. Aber nun bringt Tchiroma die Staatsmacht so
sehr ins Schwitzen, dass die für Donnerstag vorgesehene
[2][Veröffentlichung des amtlichen Endergebnisses] auf kommenden Montag
verschoben werden musste. Sogar nach den vorläufigen Zahlen der
Wahlkommission, gegen die Kameruns Verfassungsgericht am Mittwoch alle
Einsprüche abschmetterte, hat Biya nur mit knapp 54 Prozent gegen Tchiroma,
der auf gut 35 Prozent kam, gesiegt. [3][Tchiroma selbst sagt, er sei der
gewählte Präsident, mit knapp 55 Prozent.]
Es ist eine verkehrte Welt in Kamerun. Als bei der letzten Wahl 2018 der
damals wichtigste Oppositionskandidat Maurice Kamto den Wahlsieg
reklamierte, war es Issa Tchiroma, der als damaliger Regierungssprecher ein
hartes Vorgehen ankündigte. Kamto habe sich „außerhalb des Gesetzes“
gestellt, schäumte Tchiroma. Der Oppositionsführer landete im Gefängnis und
durfte dieses Jahr nicht mehr antreten. An seiner Stelle nominierte Kamtos
Partei ausgerechnet Tchiroma – und nun [4][reklamiert er selbst den
Wahlsieg] gegen Biya.
Der 78-jährige Tchiroma ist eigentlich überhaupt kein Oppositionspolitiker,
sondern eine der dienstältesten Säulen Präsident Biyas. Jahrzehntelang saß
der Politiker aus Garoua im muslimischen Norden Kameruns, der zur
Peul-Ethnie gehört, in der Regierung – 1992–96 Verkehrsminister, 2009–19
Regierungssprecher, seitdem Minister für Arbeit und berufliche Bildung.
Damit steht er für Biyas Versagen: Die Arbeitslosigkeit in Kamerun ist
hoch, berufliche Perspektiven gibt es für die junge Generation kaum.
So waren viele überrascht, als Arbeitsminister Tchiroma am 24. Juni sein
Amt niederlegte und in einem ausführlichen „Brief an die Kameruner“ Biya
zum „Rückzug in Würde“ aufrief. „Es ist Zeit, mit alten Gewohnheiten zu
brechen, ein neues Kapitel aufzuschlagen“, schrieb er. „Zu zentralisiert,
zu verschlossen, zu entfernt von den Realitäten der modernen Welt“ sei
Kameruns politisches System.
## Tchiroma ist überhaupt kein Oppositionspolitiker
Viele Oppositionelle trauten ihm damals nicht. Aber wie der Staat mit ihm
nach seinem Rücktritt umging, brachte ihm Respekt ein. Nach nur einer Woche
wurde Tchiroma am Flughafen der Hauptstadt Yaoundé festgesetzt, sein
Reisepass beschlagnahmt und ins Internet gestellt, man streute Gerüchte
über ein Antikorruptionsverfahren, vor dem er auf der Flucht sei. Da
erinnerte man sich, dass Tchiroma in Biyas Anfangsjahren schon einmal in
Haft saß, von 1984 bis 1991.
Im Wahlkampf erhielt Tchiroma dann mehr Zulauf als andere Politiker. Es
scheint, als sei er als langjähriger Mann des Regimes auch wählbar für
Regimetreue, die wissen, dass die Ära Biya zu Ende geht, aber eine
Machtübernahme der Opposition fürchten. So manche haben Tchiroma bereits
zum Sieg gratuliert.
Oppositionelle sagen: Tchiroma ist nicht die Zukunft, aber er öffnet
vielleicht die Tür zur Zukunft. Er will laut Wahlprogramm nur drei bis fünf
Jahre als Übergangspräsident im Amt bleiben. „Meine Hand bleibt
ausgestreckt für einen friedlichen Übergang“, sagt Tchiroma in seiner
[5][Siegeserklärung]. Er hofft, dass das Militär sich auf seine Seite
schlägt.
Man kann sich jetzt schon sicher sein: Im Duell zwischen Biya und Tchiroma
wird nur einer politisch überleben. Es ist die große Überraschung dieser
Wahl, dass offen bleibt, welcher von beiden es wird.
23 Oct 2025
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## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
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