# taz.de -- Diane Keaton mit 79 Jahren gestorben: Todschick, souverän, erfolgreich
       
       > In „Annie Hall“ spielte sie eine Neurotikerin. Die Rolle blieb an ihr
       > haften. Am Samstag ist die Schauspielerin und Produzentin Diane Keaton
       > gestorben.
       
 (IMG) Bild: Diane Keaton in bei der Filmpremiere von „Love the Coopers“ Los Angeles, 13. November 2015
       
       Zu Beginn des Films „Annie Hall“, der in Deutschland unter dem Titel „Der
       Stadtneurotiker“ bekannt ist, erklärt Alvy, das Alter Ego von Regisseur und
       Hauptdarsteller [1][Woody Allen], dem Publikum sein Dilemma. Sein Leben sei
       „gefüllt mit Einsamkeit, Trauer, Schmerz und Unglück, und all das ist viel
       zu schnell vorbei …“. Worum es in Wahrheit geht: „Annie und ich haben uns
       getrennt – und ich kann es immer noch nicht fassen.“ Denn Annie Hall,
       gespielt von Diane Keaton, passt eigentlich ziemlich gut zu Alvy: Wenn sie
       kurz darauf mit den Worten „Lass mich in Ruhe, ich hab schlechte Laune,
       okay?“ linkisch und zu spät aus dem Taxi stolpert, sieht man: Da haben sich
       zwei Neurotiker:innen gefunden.
       
       „Annie Hall“ war der vierte Film für die damals 31-jährige Schauspielerin,
       und die Rolle des fahrigen Love Interests brachte ihr im Jahr 1978 einen
       Oscar ein. Bis zum Ende ihres Lebens identifizierte man sie mit Annie –
       vielleicht, weil sie auch jenseits der Kamera diese natürlich wirkende
       Mischung aus Schüchternheit, Authentizität und Humor präsentierte und all
       das nicht als Schwächen, sondern als Stärken nutzte.
       
       Wann immer sie sich verdächtigte, um Zuneigung zu betteln, ein Verhalten,
       das bei Frauen geradezu erwartet wurde, nahm sie sich selbst den Wind aus
       den Segeln: „Wie geht es Ihnen?“, fragt etwa [2][Moderator Johnny Carson]
       sie bei einem Auftritt in seiner Show 1973. „Mir geht’s gut, ich verstecke
       mich hinter meinem Pony“, antwortet sie, während sie an den Haaren
       herumfummelt, „ich bin glücklich, dass ich nichts sehen kann, und Gott sei
       Dank sieht mich auch niemand!“ Der stets sonore Carson weiß daraufhin kurz
       nicht, was er sagen soll.
       
       Die gebürtige Kalifornierin Keaton lernte ihre Kunst mit der
       „Meisner-Technik“ – eine Methode, die sich unter dem Motto „Acting is
       Reacting“ stark auf das Gegenüber stützt. Sie spielte 1969 in Allens erstem
       Broadway-Theaterstück „Play it again Sam“, das er drei Jahre später für das
       Kino adaptierte.
       
       Dass sie damals als „verrückt“ („kooky“) und exzentrisch galt, soll ihr
       1972 die Rolle von Michael Corleones Frau Kay in [3][„Der Pate“]
       eingebracht haben. Im Gegensatz zum oberflächlich kontrollierten, aber
       innerlich brodelnden Mafiosi sind ihre Gefühle, Ticks und Eigenheiten
       deutlich sichtbar: Ihre Gesichtsausdrücke wechseln schneller als der Wind.
       Sie spielte – auch nach der Trennung – in vielen Filmen von und mit Woody
       Allen, ihre Darstellung der Feministin und Schriftstellerin Louise Bryant
       in Warren Beattys Biopic „Reds“ wurde 1981 für einen Oscar nominiert. Neben
       dem Schauspiel produzierte und inszenierte sie eigene Filme.
       
       Ihr Sinn für vestimentäre Aussagen war herausragend: Über die roten
       Teppiche der Welt flanierte sie in todschicken, oft schwarz-weißen
       Kostümen, mit Handschuhen, Hüten, Krawatten und Einstecktüchern. Niemand
       ermächtigte sich so gern und so konsequent Herrenanzügen wie sie, egal ob
       als knallharte Manhattan-Geschäftsfrau in [4][„Baby Boom“] oder in der
       Romcom „Something’s Gotta Give“. Darin spielte sie eine erfolgreiche
       Theaterautorin, die eine Beziehung mit dem egoistischen Playboy Harry (Jack
       Nicholson) eingeht, der vorher stets jüngere, ihm intellektuell unterlegene
       Partner:innen hatte.
       
       Keaton, die neben Allen auch mit Warren Beatty und Al Pacino liiert war,
       hatte sich bewusst gegen die Ehe entschieden, aber in ihren 50ern zwei
       Kinder adoptiert. Am Samstag verstarb sie mit 79 Jahren. Ihr Vermächtnis
       ist eine souveräne Autonomie [5][in der von strukturellem Sexismus
       geprägten Branche]. Sie selbst hatte es 1997 in einem Interview auf den
       Punkt gebracht: „Ich bin die Frau in einer Männerwelt.“
       
       12 Oct 2025
       
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