# taz.de -- Sportboykotte gegen Israel: Der immerwährende Kampf ums Dabeisein
       
       > Der Fußballverband Uefa diskutiert, ob er Israel ausschließen soll.
       > Solche Forderungen gibt es seit 1948. Ist das Land jetzt auch Europa
       > unerwünscht?
       
 (IMG) Bild: Israelische Spieler feiern mit ihren Fans ein Tor beim 4:5 in der WM-Qualifikation gegen Italien, 8. September 2025
       
       Abgesagt hat die [1][Uefa] die ganze Sache, oder zumindest verschoben.
       Jedenfalls teilte der europäische Fußballdachverband Mitte der vergangenen
       Woche mit, dass es zunächst einmal keine Abstimmung geben wird, ob Israel
       vom europäischen Fußball ausgeschlossen wird. Dass die Sitzung anberaumt
       war, hatte die Uefa vorher nicht bestätigen wollen.
       
       Grund für den Eiertanz ist, dass US-Präsident Donald Trump einen
       [2][Friedensplan] für den Gazakonflikt vorgelegt hat. Wenn die Uefa
       Sanktionen gegen Israel beschlösse und zeitgleich die Kriegsparteien sich
       einigten, stünde der Sportverband blöd da.
       
       Das ist aber nur ein Grund, warum die Uefa sich des Themas am liebsten
       entledigen möchte. Seit 1994 gehört Israel zum europäischen
       Fußballdachverband. Von 1956 bis 1974 war es Teil des asiatischen Verbandes
       AFC – durchaus mit Erfolgen: 1964 wurde die Nationalelf Asienmeister, zuvor
       war sie zweimal Vizemeister, und 1968 belegte das Team den dritten Platz.
       Doch 1974 wurde Israel auf Initiative Kuwaits rausgeworfen.
       
       Unmittelbar vor dem Ausschluss hatten schon in Teheran die Asienspiele
       begonnen – mit Israel, aber im Fußballwettbewerb weigerten sich Nordkorea
       und Kuwait, gegen die jüdischen Kicker anzutreten. Diesem sportpolitischen
       Affront war das Massaker bei den Olympischen Spielen 1972 vorausgegangen,
       bei dem elf israelische Sportler getötet wurden.
       
       In Europa aufgenommen wurde das kleine Mittelmeerland erst in den 1990ern,
       nach dem Ende der Sowjetunion. Ganz aktuell geht die Initiative, Israel aus
       einem Kontinentalverband zu werfen, wieder von einem arabischen Staat aus.
       Nach Recherchen israelischer Medien war es Katar, das Druck auf die Uefa
       gemacht hat und macht. Das Emirat gehört zu den wichtigsten Finanziers der
       Uefa: Es ist Partner der Europameisterschaften 2020 und 2024 der Männer und
       der Nations League. Dem Katarer [3][Nasser al-Khelaifi] gehört der
       Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain, und er sitzt in der Exekutive
       der Uefa.
       
       Katar ist allerdings nicht der einzige Big Player in der Uefa, den man sich
       noch vor wenigen Jahren nicht vorstellen konnte. Der andere sind die USA.
       Der Hauptgastgeber der anstehenden WM 2026 ließ durch einen Sprecher des
       Außenministeriums erklären, man setze sich mit aller Kraft dafür ein, „alle
       Versuche, Israels Fußball-Nationalteam von der WM auszuschließen,
       vollständig zu unterbinden“.
       
       ## USA oder Katar: das Dilemma das Fußballs
       
       Die sehr unterschiedliche Haltung Katars und der USA bringt den Fußball in
       Probleme. Fifa-Präsident [4][Gianni Infantino] präsentiert sich einerseits
       als großer Freund und [5][Fan von Donald Trump]. Andererseits gilt er seit
       der WM 2022 in Katar als enger Vertrauter des Regimes in Doha.
       
       Noch greifbarer ist das Dilemma des europäischen Verbandes. Wenn die Uefa
       Israel ausschlösse, flöge Maccabi Tel Aviv aus der laufenden Europa League;
       die Spiele gegen den VfB Stuttgart (11. Dezember) und den SC Freiburg (22.
       Januar) wären geplatzt. Zugleich würde aber die Fifa verlangen, dass die
       anstehenden WM-Qualifikationsspiele in Norwegen (11. Oktober) und in
       Italien (14. Oktober) stattfinden – obwohl die europäische WM-Qualifikation
       von der Uefa organisiert wird. Kurz gesagt: ein Proficlub aus Tel Aviv
       würde als Repräsentant Israels gesperrt werden, die Nationalelf hingegen
       dürfte das Land auf der Weltbühne vertreten.
       
       Nationalmannschaften sind für Nationalstaaten von enormer Bedeutung. Der
       französische Politologe [6][Pascal Boniface] sagt: „Die klassische
       Definition eines Staates beruht auf drei traditionellen Kriterien: ein
       Territorium, eine Bevölkerung und eine Regierung. Wir könnten noch ein
       viertes Kriterium hinzufügen: eine Fußballnationalmannschaft.“
       
       Was spleenig klingt, hat die Empirie für sich: Sehr häufig geht der
       Unabhängigkeitserklärung eines Staates die Aufstellung einer
       Männernationalmannschaft voraus. Nicht durch Zufall sind im Weltverband
       [7][Fifa] 211 Länder Mitglied, in der [8][U]NO nur 193. Palästina, um
       dessen staatliche Anerkennung aktuell gestritten wird, lässt seit 1993 eine
       Auswahl kicken. Das geschah währen des sogenannten
       [9][Oslo-Friedensprozesses]. Ihr erstes Spiel trug das Team 1993 gegen eine
       französische Prominentenelf mit Michel Platini aus. 1998 nahm die Fifa
       Palästina auf.
       
       Auch Israel hatte schon vor der Staatsgründung 1948 eine
       Nationalmannschaft. An der Qualifikation zu den WMs 1934 und 1938
       beteiligte sich das britische Mandatsgebiet Palästina mit seinen jüdischen
       Spielern. Für 1934 verlor es gegen Ägypten zweimal. Für 1938 verlor es
       zweimal gegen Griechenland. Den einzigen Sieg gab es 1940 bei einem
       Freundschaftsspiel gegen Libanon: 5:1.
       
       ## Boykottforderungen, die ganze Geschichte lang
       
       Aktuell sind in der Qualifikation zur WM 2026 in Nordamerika beide
       Verbände, Israel und Palästina, vertreten. Palästina ist in der Gruppe 2
       der Asien-Qualifikation mit 9 Punkten hinter Gruppensieger Südkorea (22
       Punkte) abgeschlagen. Israel liegt in der Gruppe I der Europa-Qualifikation
       auf Platz drei – punktgleich mit Italien, gegen das die Auswahl zuletzt 4:5
       spielte.
       
       Israel war immer Boykotten und Boykottforderungen ausgesetzt. Für die
       Qualifikation zur WM 1950 in Brasilien ließ die Fifa Israel nicht in der
       Asiengruppe spielen, sondern gegen ein europäisches Team: Zwei Niederlagen
       gegen Jugoslawien beendeten die WM-Ambitionen. Vier Jahre später scheiterte
       es erneut an Jugoslawien – und nahm nicht an der WM in der Schweiz teil.
       
       Besonders absurd wurde die Qualifikation für die WM 1958 in Schweden: In
       der Vorrunde weigerte sich die Türkei, gegen Israel zu spiele – Israel kam
       weiter. In der Zwischenrunde trat Indonesien nicht an – Israel kam weiter.
       Im Finale der Ausscheidungsspiele boykottierte Sudan – Israel wäre damit
       für die WM qualifiziert gewesen, doch das wollte die Fifa nicht
       akzeptieren. Sie loste unter den europäischen Gruppenzweiten ein Team aus,
       das gegen Israel antreten sollte: Wales siegte.
       
       In den 1960er-Jahren änderte sich einiges: Erfolge stellten sich ein. 1964
       richtete Israel die Fußball-Asienmeisterschaft aus und gewann. Seine U19
       siegte bei der asiatischen Juniorenmeisterschaft sogar viermal
       hintereinander, von 1964 bis 1967. Trainer war der legendäre Emanuel „Eddy“
       Schaffer, Holocaust-Überlebender, der in Recklinghausen aufgewachsen war.
       Unter Schaffer spielte Israels Männer-Nationalmannschaft nicht nur 1968
       beim olympischen Turnier in Mexiko, wo sie das Viertelfinale erreichte,
       sondern sie qualifizierte sich auch für die WM 1970 in Mexiko.
       
       ## Sportliche Erfolge, aber keine Sicherheit
       
       Die Konsolidierung blieb aber prekär. Zur Asienmeisterschaft 1972 in
       Thailand wurden die Fußballer nicht eingeladen. Bei den als mediterrane
       Olympiade geltenden Mittelmeerspielen durften sie gar noch nie mitmachen.
       In den 1970er-Jahren wurden die israelischen Fußballer sogar von Kontinent
       zu Kontinent herumgeschubst. Nach dem Rauswurf aus der asiatischen
       Föderation 1974 steckte die Fifa das Team für die WM-Qualifikation 1978 in
       die Ozeaniengruppe, für die WM 1982 war es in der Europagruppe, für 1986
       und 1990 wieder bei Ozeanien.
       
       Bei einer WM dabei war Israel nur einmal: 1970 in Mexiko. Seither waren
       alle Anläufe vergeblich – überwiegend aus sportlichen Gründen. Einen
       politisch begründeten Ausschluss hat das Land bislang nicht hinnehmen
       müssen.
       
       Aktuell werden die Forderungen meist mit Israels Kriegsführung im
       [10][Gazastreifen] begründet. Ein beim UN-Menschenrechtsrat angesiedeltes
       Expertengremium forderte die Fifa zum Ausschluss auf.
       „Nationalmannschaften, die Staaten repräsentieren, die massive
       Menschenrechtsverletzungen begehen, können und sollten ausgeschlossen
       werden, wie es in der Vergangenheit geschehen ist“, heißt es in einer
       Erklärung. Oft wird der Vergleich mit [11][Russland] bemüht, das noch
       gesperrt ist. Allerdings wurden dessen Nationalelf und Klubs nicht wegen
       des Angriffskrieges gegen die Ukraine gesperrt, sondern „aus
       Sicherheitsgründen“.
       
       Kritiker weisen zudem darauf hin, dass der aktuelle Gazakrieg nicht von
       Israel begonnen wurde, sondern am 7. Oktober 2023 von der Hamas, die Gaza
       regiert. Forderungen, daher Palästina vom Weltsport auszuschließen, wurden
       freilich nicht erhoben, auch nicht von Israel.
       
       Die Fifa hat auf die Forderungen bislang nicht reagiert. Die Uefa hingegen
       schien sich zuletzt von ihrem Mitglied Israel abzusetzen. Als Mitte August
       in Italien der Supercup zwischen Paris Saint-Germain und Tottenham Hotspur
       ausgetragen wurde, war es die Uefa selbst, die ein [12][Transparent] mit
       der Aufschrift „Hört auf, Kinder zu töten! Hört auf, Zivilisten zu töten!“
       entrollen ließ, und um zu zeigen, wer gemeint ist, trat Uefa-Präsident
       Aleksander Čeferin zur Siegerehrung mit zwei aus Gaza geflüchteten Kindern
       auf.
       
       Aktuell hoffen die Verbände, Fifa wie Uefa, dass der von Donald Trump
       vorgelegte Friedensplan funktioniert.
       
       3 Oct 2025
       
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