# taz.de -- Tagebuch aus Moldau: Kekse, Cola, Strafandrohung
       
       > Die Großmutter unserer Autorin kann erzählen, wie in der Republik Moldau
       > moskautreue Kräfte auf Stimmenkauf gehen. Die Justiz kommt kaum dagegen
       > an.
       
 (IMG) Bild: Ordentlich ausgedruckte und großflächig verteilte Plakate: Anti-EU-Demonstration im moldauischen Chișinău, November 2022
       
       Ich stand an einer Weggabelung und wartete auf das Auto meines Onkels. Er
       wollte mich in das Dorf meiner Kindheit bringen. Dort wartete meine
       Großmutter auf mich. Das Dorf, versteckt zwischen Hügeln, 80 Kilometer von
       der moldauischen Hauptstadt [1][Chișinău] entfernt, ist über die Jahre
       immer schwieriger erreichbar geworden. Der öffentliche Nahverkehr wurde
       wegen mangelnder Fahrgastzahlen eingestellt, zurück bleiben vergessene
       Straßen und einsame alte Menschen.
       
       In den vergangenen drei Jahrzehnten hat die [2][Republik Moldau] 34 Prozent
       seiner Bevölkerung verloren. Allein in den letzten zehn Jahren sind die
       Dörfer aufgrund fehlender Perspektiven, schlechter Infrastruktur,
       Korruption und Armut noch einmal um fast ein Drittel entvölkert worden. Das
       Tempo nimmt zu.
       
       Am 28. September finden in Moldau entscheidende Parlamentswahlen statt. Die
       Polizei warnt, die Methoden der Einflussnahme würden immer raffinierter.
       Die pro-europäische Präsidentin [3][Maia Sandu] behauptet, dass Russland
       Moldau unter seine Kontrolle bringen wolle und „extreme Eingriffe“
       vorbereite, darunter illegale Finanzierung, Cyberangriffe, Desinformation,
       der Einsatz von Kryptowährungen sowie bezahlte Proteste.
       
       Bei Sonnenuntergang kommen wir bei Großmutter an. Sie erwartet uns mit
       einem gedeckten Tisch. „Ich habe den Kontakt zu dir vermisst“, sagt sie.
       Sie hat vier Kinder und sieben Enkelkinder, aber niemand ist im Dorf
       geblieben. Seit dem Tod meines Großvaters lebt sie allein.
       
       Zu unserer Überraschung erfuhren abends aus dem Fernsehen, dass es im
       Zusammenhang mit dem Wahlbetrug unter der Führung des Oligarchen [4][Ilan
       Șor] neue Festnahmen gegeben hatte. Nachdem Shor an einem Bankbetrug
       beteiligt war, der Moldau 12 Prozent seines BIP gekostet hatte, nutzte Șor
       jahrelang die Schwäche älterer Menschen aus, um daraus politisches Kapital
       zu gewinnen und sich der Justiz zu entziehen: Er bot Sozialläden,
       Geschenke, Konzerte und Bargeld an.
       
       Nachdem das Urteil gegen ihn rechtsgültig war, floh er nach Moskau, wo er
       die russische Staatsbürgerschaft erhielt und weiterhin einflussreiche
       [5][Netzwerke in Moldau finanziert], um den proeuropäischen Weg des Landes
       zu untergraben. Bei den Wahlen im vergangenen Jahr erhielten über Shors
       System mehr als 130.000 Wähler:innen Geld aus Russland.
       
       Moldaus Präsidentin Maia Sandu verurteilte die „beispiellosen Fälschungen“
       und warnte, dass der Kauf von 300.000 Stimmen geplant war, um das
       Referendum über den EU-Beitritt zu verhindern. Dieses fand im Oktober des
       vergangenen Jahres eine knappe Mehrheit von 50,35 Prozent.
       
       Meine Großmutter erzählte mir, dass auch sie zu den Veranstaltungen von Șor
       eingeladen wurde. „Komm mit, Schwester, du bekommst Kekse und Cola – alles
       umsonst“, hatte man ihr gesagt. Sie lehnte ohne zu Zögern ab. Nach
       Aufdeckung des Betrugs wurden Tausende Menschen bestraft und Hunderte
       verhaftet, darunter auch ältere Dorfbewohner.
       
       Meine Oma aber bleibt skeptisch: „Wenn die [6][Wahlen] näher rücken, fängt
       alles wieder von vorne an“, sagt sie.
       
       Das Europäische Parlament fordert eine Beschleunigung des Beitritts von
       Moldau zur EU. Meine Oma sagt: „Ich warte auf die Rente und ja, ich muss
       zum Arzt.“
       
       Als ich abreiste, befand ich mich wieder an derselben Weggabelung – genau
       wie mein Land, das an einem Scheideweg steht. Dieses Mal erwische ich einen
       Kleinbus. Das Banner in dem Wagen, in den ich stieg, schien mich zu mehr
       Optimismus zu bewegen. Es versicherte mir: „Moldau kann es schaffen.“
       
       [7][Daniela Calmîş] ist eine unabhängige Journalistin aus der Republik
       Moldau. Sie ist Teilnehmerin des [8][Osteuropa-Workshop der taz Panter
       Stiftung]. 
       
       Aus dem Russischen von [9][Tigran Petrosyan]. 
       
       Finanziert wird das Projekt von der [10][taz Panter Stiftung].
       
       19 Sep 2025
       
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