# taz.de -- Vabali Spa: Oase der Aneignung
> Sehnsuchtsort Südostasien: In Wellnessanlagen wie dem Vabali Spa wird
> sich hemmungslos an jahrhundertealten Traditionen bedient.
(IMG) Bild: Entschleunigung mit asiatischem Flair: im Vabali Berlin
Der Bademantel schmiegt sich wärmend an meine Haut. In ihn gehüllt werde
ich Teil einer weißen Armee auf der Suche nach dem ultimativen Ruheplatz,
nach Stille und Entspannung mitten in der Berliner Großstadthölle.
Ich bin im Vabali Spa, hier riecht es nach Teakholz und Räucherstäbchen.
Unter tempelartigen Dächern hängen Metalllampen, wie man sie aus Marokko
kennt. Rechts und links flankieren steinerne Buddha-Statuen den Weg, sie
ergänzen sich gut mit den tibetischen Gebetsfahnen aus der Eingangshalle.
Ist die größte Glaubensgemeinschaft Balis nicht der [1][Hinduismus]? Das
muss ich googeln. Verstohlen manövriere ich mein Handy aus der Tasche –
digitale Geräte sind hier nicht erwünscht. Tatsächlich: Fast 90 Prozent der
Bevölkerung Balis sind hinduistisch geprägt. Schnell suche ich noch nach
einer Definition für kulturelle Aneignung. Bevor ich sie lesen kann, lässt
mich ein strenges „Ts, ts, ts“ zusammenzucken. Erwischt.
Zu Hause lese ich nach: [2][Kulturelle Aneignung] liegt vor, wenn Elemente
einer fremden Kultur – etwa Symbole, Rituale oder Praktiken – zu eigenen,
meist kommerziellen Zwecken übernommen werden. Und das, ohne deren
Ursprung, Bedeutung oder die Menschen aus den Kulturen zu würdigen.
Daran, dass die Ästhetik des Globalen Südens im Vabali hemmungslos
durchexerziert wird, besteht jedenfalls kein Zweifel. Und nicht nur hier.
Große Teile des Wellnessangebots in Deutschland sind tropisch und/oder
spirituell aufgeladen: Ob die [3][Tropical Islands in Brandenburg] oder das
Mizu Onsen Spa am Tegernsee – überall wird das Versprechen von
Entschleunigung mit einem „exotischen“ Flair vermarktet.
Hinter dem Vabali Spa stehen Markus und Stephan Theune, zwei Brüder aus
Köln. Sie betreiben die Theune Spa Management GmbH, zu der neben den
Vabali-Standorten in Berlin, Düsseldorf und Hamburg noch sechs weitere
Wellnessanlagen gehören. Der Umsatz liegt bei rund 80 Millionen Euro pro
Jahr. In Planung ist derzeit ein weiteres Vabali Spa in München.
Die Idee für balinesische Wellnessoasen kam den Brüdern auf ihren Reisen
durch Indonesien, erzählt Dyen Lê, eine ehemalige Angestellte des Vabali.
Die Brüder selbst reagierten auf eine Anfrage der taz nicht. „Es hat ihnen
dort gefallen und da wollten sie es übernehmen“, sagt Dyen Lê. Ihren echten
Namen möchte sie nicht öffentlich machen. Ihre Eltern stammen aus
Südostasien. Markus und Stephan Theune reisten mehrfach nach Indonesien
zurück, so Dyen Lê – auch, um Einrichtungsstücke zu beschaffen. [4][Laut
einer <i>Spiegel</i>-Recherche] ließen sie schließlich tonnenweise
„Original-Requisiten“ in Containern nach Deutschland verschiffen. Denn
„authentisch“ sollte es schließlich sein.
Auf der Webseite des Vabali Spa heißt es, Gäste würden in dem nachgeahmten
balinesischen Dorf in eine „fernöstliche Welt“ entführt. Fernöstlich –
selbstverständlich nur aus europäischer Perspektive gedacht. Der Markenname
selbst ist ein Kunstwort, das asiatisch klingen soll, aber wohl eher dem
Französischen entlehnt ist: Va à Bali, also „Geh nach Bali“.
Doch wie wurde ausgerechnet eine Insel in Südostasien zu einem solchen
Sehnsuchtsort?
Im frühen 20. Jahrhundert stand Bali vollständig unter niederländischer
Kolonialherrschaft. „Die heutige Darstellung und Wahrnehmung Balis als
tropisches Inselparadies ist das Ergebnis eines langjährigen
Gestaltungsprozesses“, schreibt Jessica Riffel in ihrem Buch „Faszination
Bali“. Riffel hat Südostasienwissenschaften in Bonn studiert. Nach der
Gewalt des Sklav:innenhandels und brutalen Invasionen begann der
Westen, das Bild Balis für sich umzudeuten.
Soziale Netzwerke hätten Bali als Traumreiseziel weiter etabliert, schreibt
Riffel. Die Insel biete heute zahllose Fotospots, an denen
Reiseblogger:innen vor üppiger Dschungelkulisse posieren können. In
den von Riffel ausgewerteten Interviews und Analysen wird deutlich:
Romantisierung und Ausbeutung gehen im Tourismus Hand in Hand. Zwar fließen
Millionen ins Land, doch die lokale Bevölkerung profitiert nur begrenzt.
Viele Balines:innen arbeiten unter prekären Bedingungen in Hotels,
Restaurants oder als Tourguides, während ausländische Investoren und
internationale Unternehmen den Großteil der Profite abschöpfen. Der
Massentourismus treibt zudem die Lebenshaltungskosten in die Höhe und kann
lokale Strukturen verändern oder verdrängen.
Aus den verschiedenen Perspektiven, die Jessica Riffel sammelt, ergibt sich
das Bild einer Entwicklung, die langfristig nicht nur wirtschaftliche
Folgen hat, sondern auch bestehende soziale Beziehungen und kulturelle
Praktiken unter Druck setzt. Riffel betont jedoch, dass kulturelle
Identitäten auf Bali – auch im Austausch mit den Tourist:innen und den
globalen Medien – ständig neu verhandelt werden.
In Deutschland wird das kulturelle Erbe Balis zur konsumierbaren
Wellnesserfahrung. Für knapp 50 Euro Eintritt können Besucher:innen im
Vabali dem Alltag entfliehen. Anwendungen wie zum Beispiel eine
hawaiianische Tempel-Massage oder eine asiatische Duftreise kosten extra,
Speisen und Getränke sowieso. Ein Armband mit einer heiligen
Frangipani-Blüte am Handgelenk erfasst alle Zusatzkosten. Abgerechnet wird
beim Auschecken.
[5][Jahrhundertealte Praktiken] werden hier vereinfacht, hübsch verpackt
und in mundgerechte Happen zerteilt. Von Anerkennung für die
Ursprungskulturen ist nichts zu spüren.
Auch ich merke jedoch, wie mein Körper herunterfährt. Plötzlich ist wieder
Platz in meinem Kopf, für Dinge abseits des nächsten To-do. Was nach dem
Spa auf mich wartet, rückt in weite Ferne und macht mir, anders als sonst,
keine Angst mehr. Alles scheint machbar. So entspannt lebt es sich doch
gleich leichter, oder? Vielleicht liegt darin das wahre Geheimnis hinter
dem Erfolg solcher Konzepte. Am Ende geht es womöglich gar nicht um Ruhe,
sondern darum, besser zu funktionieren – um Effizienz: Selbstoptimierung
durch Entspannung, für die, die es sich leisten können.
Um mich herum wabert Dampf. Es ist dunkel. Meine Haut klebt und glänzt noch
silbergrau von der Heilerde, die ich am ganzen Körper aufgetragen habe. Als
ich den Saunameister frage, warum man das macht, kann er mir keine Antwort
geben. Beim späteren Googeln zu Hause erfahre ich, dass Heilerde in vielen
Kulturen, von der indischen Ayurveda-Lehre bis zu den nordafrikanischen
Rhassoul-Ritualen, zur Reinigung und Entgiftung von Haut und Körper genutzt
wird.
In meinen Händen halte ich eine kleine Teeschale. Der warme Tee soll uns
wohl zusätzlich zum Schwitzen bringen. Ich probiere einen Schluck.
„Schmeckt wie türkischer Apfeltee“, raunt mir die Frau neben mir zu. Sie
hat Recht. Kurz darauf durchbricht ein Lachen die Stille und hallt von den
Fliesen des Dampfbads wider. „Der nächste Urlaub geht nach Indonesien. Da
machen die das so.“ Durch den Dunst kann ich niemanden erkennen und
schließe die Augen.
Doch was steckt hinter solchen Momenten? Warum gehen wir oft gedankenlos
mit solchen kulturellen Ritualen um, ohne ihr eigentliches
Bedeutungsgeflecht zu hinterfragen?
„Weil Bali als so grundlegend anders dargestellt wird als unsere westliche
Welt“, erklärt Jessica Riffel. Gesucht werde ein möglichst exotisches –
Riffel malt mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft – Gegenstück zur
eigenen Alltagsrealität. „Mit bestimmten Bildern wird viel Geld verdient“,
sagt sie.
Im Vabali und anderswo wird Bali als Paradies inszeniert – samt tropischer
Exotik, spiritueller Gelassenheit und tiefer Entspannung. Die sozialen
Realitäten vor Ort und die kolonialen Kontinuitäten werden dabei
ausgeblendet. Wer will sich schon in der Sauna mit solchen Themen
auseinandersetzen? Wir sind ja hier, um abzuschalten. Nicht für eine
Geschichtsstunde oder ein unangenehmes Bauchgefühl beim Anblick der Statue,
einer knienden Südostasiatin neben der Toilette.
„Ich finde es schön, dass andere Kulturen gezeigt werden“, sagt die
ehemalige Vabali-Mitarbeiterin Dyen Lê. „Aber man sollte versuchen, sie
authentisch darzustellen.“
Einen Vorschlag, wie es anders gehen könnte, hat Michael Küppers-Adebisi,
Gründungsvorstand von [6][Decolonize Berlin e.V.,] einer Organisation, die
seit 2019 Berlins koloniale Vergangenheit mit einem 360-Grad-Blick auf die
Gesellschaft aufarbeitet. „Es bräuchte einen allgemeinen Standard, um den
Kulturen, an denen man sich bereichert, etwas zurückzugeben“, sagt er.
„Erst dann werden Ausbeutungsmechanismen vergleichbar und kritisierbar.“
Ein Fair-Trade-Siegel für die Wellnessbranche, sozusagen. Ein solcher
Standard könnte etwa festlegen, dass ein Teil der Einnahmen aus Angeboten
mit kulturellem Bezug direkt an Initiativen oder Gemeinschaften in den
Herkunftsländern fließt.
Was bedeutet Bali für die Theune-Brüder? Was hat sie an der balinesischen
Kultur inspiriert? Arbeitet das Vabali Spa mit balinesischen
Handwerker:innen oder Künstler:innen zusammen, um sicherzustellen,
dass die Traditionen und das Handwerk korrekt und respektvoll übernommen
werden? Unterstützt das Vabali Berlin soziale oder kulturelle Projekte auf
Bali oder in anderen Teilen Südostasiens?
Auf diese und weitere Fragen hat die taz bis heute – Monate später – keine
Antwort erhalten. Auch das Tropical Islands reagierte nicht. Hauptsache
entspannt, alles andere ist egal.
18 Nov 2025
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(DIR) [5] /Neujahrsfeiern-auf-Bali/!6076106
(DIR) [6] https://decolonize-berlin.de/de/home
## AUTOREN
(DIR) Lena Schega
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