# taz.de -- Barrierefreiheit in Griechenland: Unsichtbare Barrieren
       
       > 2004 investierte Athen Milliarden in die Olympischen Spiele und
       > Barrierefreiheit. Doch noch immer ist die Stadt ein Hindernisparcours.
       
 (IMG) Bild: Sein Lieblingstheater „Alkmini“ in Athen ist für Nikos Kapiris unerreichbar
       
       Athen taz | Michael Dittrich flucht leise. Von den meisten wird er Micha
       genannt. Die Bürgersteige sind eng, zugeparkt mit Autos und Scootern, die
       Stufen zu hoch und Rampen nirgendwo. Gleich hat er ein Interview im Athener
       Nobelviertel Kolonaki, und er will pünktlich sein. Dittrich dreht einen
       Film – die Olympischen Sommerspiele 2004 stehen bevor, kurz darauf folgen
       die Paralympics. „Zurück zur Geburtsstätte von Olympia“, lautet der stolze
       Slogan der Gastgeber, 108 Jahre nach den ersten Spielen der Neuzeit.
       
       Für den gebürtigen Dortmunder ist der Dreh in Athen eine Qual. Dabei gilt
       er als einer, den so schnell nichts umhaut. Ohne seinen Kameramann, der ihn
       über Treppen hievt und durch enge Straßen schiebt, wäre er in dieser Stadt
       verloren.
       
       Seit seinem 36. Lebensjahr leidet er an einer chronischen Entzündung des
       Zentralnervensystems. Sie führt zu starken Lähmungen. Der Befund: Multiple
       Sklerose. Dittrich braucht einen Rollstuhl. Er gibt nicht auf, produziert
       weiter Filme und Fernsehfeatures. Für Aufsehen sorgt 2015 sein
       autobiografischer Film „Reine Nervensache – Leben mit einer unheilbaren
       Krankheit“.
       
       Bis zu seinem Tod im Jahr 2022 arbeitet er vom Krankenbett aus. Was ihn
       damals ausbremste, erschwert auch heute noch das Leben vieler
       Rollstuhlfahrer in Athen.
       
       ## Die leere öffentliche Hand
       
       Zeitsprung in die Gegenwart: Es ist ein heißer Tag Ende August im
       südwestlichen Athener Vorort Renti. Eine Vielzahl von Gewerbebetrieben,
       große Lagerhallen, der zentrale Athener Gemüsemarkt: Renti gilt nicht als
       besonders schöner Wohnort, doch es gibt auch Flecken mit etwas Grün.
       
       Nikos Kapiris, 45, sportlich, mit Pilotenbrille, rollt zu seinem schwarzen
       SUV. Seine Wohnung liegt im Erdgeschoss, der Hintereingang führt direkt zum
       Parkplatz. Kapiris braucht daher keine Hilfe, wenn er die Wohnung verlässt
       oder dorthin zurückkehrt. Das sei ihm sehr wichtig. „Ich will zu einhundert
       Prozent unabhängig sein, ohne irgendeine Hilfe.“
       
       Kapiris steigt ein, klappt seinen Rollstuhl zusammen, verstaut ihn hinter
       dem Fahrersitz. Alles geht ruck, zuck. Damit alles reibungslos klappt, ist
       Kapiris’ Rollstuhl handgefertigt, maßgeschneidert, ultraleicht – und teuer.
       Rund 5.000 Euro kostet so ein Modell, sagt er. [1][Die öffentliche Hand]
       übernimmt davon nur 2.000 Euro – und das auch nur alle fünf Jahre.
       Immerhin: Bis vor Kurzem waren es lediglich 1.050 Euro, erzählt Kapiris.
       „Für die Erhöhung haben wir gekämpft“, fügt er hinzu.
       
       Nikos Kapiris gibt Gas. Das tut er, indem er mit der rechten Hand einen
       extra eingebauten Hebel in seinem Wagen betätigt. Die Fahrt führt an einer
       Bushaltestelle vorbei, Kapiris biegt sportlich in eine Kurve ein. „Ohne
       Auto ist es für Rollstuhlfahrer wie mich sehr schwierig, in Athen unterwegs
       zu sein.“ Die Busse seien keine Alternative.
       
       Kapiris betont: Nicht die Busse seien das Problem, sondern der Weg zur
       Haltestelle. Die Bürgersteige hätten keine Rampen, moniert er. Notgedrungen
       müsste er auf die Straße ausweichen. Das berge wegen der Autofahrer mit
       ihrem oftmals rüden Fahrstil große Gefahren. Für ihn heißt das: lieber mit
       dem Auto fahren – schon aus Sicherheitsgründen.
       
       Fünf Fahrminuten später ist der Supermarkt erreicht. Hier erledigt Nikos
       Kapiris stets seine Einkäufe. Kapiris fährt auf einen für Behinderte
       markierten extrabreiten Parkplatz. Kapiris steigt bequem aus. Der
       Supermarkt hat eine automatische Schiebetür. Alles ist flach. Keine
       Barriere, kein Hindernis, ein ausreichend breiter Fahrstuhl führt in die
       erste Etage. Freie Bahn! Barrierefreiheit pur. „Das ist der gute Teil der
       Tour“, dämpft Kapiris die Erwartungen. Seine Augen funkeln, als er das
       sagt.
       
       Kapiris’ Leben änderte sich vor gut zehn Jahren in Sekundenbruchteilen. Der
       gelernte Tänzer und Akrobat, ein Profi, will am späten Abend des 15. Mai
       2015 in seiner Privatschule einer Besucherin aus England noch schnell einen
       Luftakrobatiktrick für ein Video zeigen. Der Sicherungsknoten löst sich.
       Kapiris stürzt aus sieben Metern Höhe auf den Boden. Der Aufprall ist zu
       heftig. Kapiris stürzt mit dem Kopf voran und zieht im letzten Moment den
       Körper in die Embryonalstellung, wie er später erzählt. Zwei Wirbel
       brechen.
       
       Von einer Sekunde auf die andere ist er querschnittsgelähmt – unumkehrbar.
       Für Nikos Kapiris beginnt mit 35 ein neues Leben. Das intensive
       Körpertraining setzt er fort. Er hält sich viermal pro Woche mit
       Kallisthenik fit, ein Training mit dem eigenen Körpergewicht mit
       Liegestützen, Klimmzügen und Kniebeugen. Der Begriff leitet sich vom
       griechischen „kalos“ (schön) und „sthenos“(stärke) ab und bedeutet so viel
       wie „schöne Kraft“.
       
       Die Tour mit Nikos Kapiris geht weiter. Er fährt zu seinem alten Wohnort,
       dem südlichen Athener Stadtteil Petralona. In diesem dicht besiedelten
       Viertel der griechischen Hauptstadt ist er aufgewachsen. Doch vor drei
       Jahren fasste Kapiris den Entschluss, gemeinsam mit seinen Eltern in die
       Wohnung nach Renti umzuziehen. Für ihn war Petralona ein Ort voller
       Barrieren. Er dachte sich: „Bloß weg hier!“
       
       Parkplatzsuche in Petralona. „Da geht es. Schön im Schatten. Das passt doch
       wunderbar“, freut er sich. Er greift sich den Rollstuhl hinter dem
       Fahrersitz, macht die Tür auf und rasch ist er in seinem Rollstuhl auf der
       Straße. „Wir wohnten im sechsten Stock eines Mehrfamilienhauses. Bei
       Stromausfällen fiel der Aufzug aus. Ich konnte die Wohnung nicht mehr
       verlassen“, erklärt Kapiris. Bei Bränden oder Erdbeben, in Griechenland
       keine Seltenheit, hätte das hochgefährlich werden können.
       
       Das ist nicht alles. Kapiris befindet sich vor dem staatlichen
       Gesundheitszentrum in seinem alten Viertel. Graffiti prangt auf den Wänden.
       Kapiris zeigt auf die Rampe, die zum Eingang der Klinik führt. „Alles
       falsch!“, ätzt Kapiris. Die Rampe verlaufe in Kurven, sie sei viel zu steil
       gebaut. „Überschätze ich meine Kräfte, kann es sein, dass ich auf der Rampe
       vom Rollstuhl falle.“
       
       An dieser Stelle der Tour mit Kapiris wird erstmals deutlich: Ausgerechnet
       öffentliche Einrichtungen wie Gesundheitszentren sind nicht barrierefrei.
       Zwar gibt es Rampen, doch oft sind sie unbrauchbar.
       
       Eine unsägliche Barriereunfreiheit herrsche ebenso in den großen
       Krankenhäusern in Athen, wie Kapiris aus eigener Erfahrung wisse. Er wird
       konkret: Selbst in der Universitätsklinik Evangelismos in der Athener
       Innenstadt, dem größten Krankenhaus in ganz Südosteuropa, gibt es keinen
       Parkplatz für Autos von Behinderten, kritisiert Kapiris.
       
       Dabei seien gleich ein halbes Dutzend Parkplätze für die Leitung der Klinik
       reserviert, wie er moniert. Er zeigt auf einen Platz: „Ich wollte dort
       parken. Mich hat das Sicherheitspersonal verscheucht. Ein Ordnungshüter
       sagte mir: Geh woanders parken!'“ Kapiris ist enttäuscht. Er könne sich
       nicht ständig mit irgendwelchen Sicherheitsleuten streiten. Also fährt er
       seither erst gar nicht mehr hin.
       
       Die Poststelle in Petralona, seinem alten Wohnort, sei ebenso für ihn
       unzugänglich, ergänzt Kapiris. Solange er in dem Viertel lebte, blieb er
       draußen und ließ sich von einem Postbeamten seine Sendungen abnehmen. Es
       geht weiter zu seiner alten Schule, ebenfalls in Petralona. Er könne zwar
       hinein – dank der vorhandenen Rampe. Doch dann ist Schluss! Zu den
       Klassenzimmern in den oberen Etagen führe kein Fahrstuhl, erklärt Kapiris.
       
       Bei Parlaments-, Regional- und Kommunalwahlen, wenn seine alte Schule als
       Wahllokal dient, muss ein Wahlhelfer die Urne zu ihm ins Erdgeschoss
       bringen. Nur so kann Kapiris sein Wahlrecht wahrnehmen.
       
       Kapiris sagt, er sei „verrückt nach Theater“. Theaterbegeistert sei er
       schon gewesen, bevor der Sturz aus sieben Meter Höhe sein Leben radikal
       veränderte. [2][Er nähert sich mit seinem Rollstuhl dem Theater] Alkmini.
       Klassiker der US-amerikanischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin
       Charlotte Perkins Gilman, moderne Stücke von griechischen Künstlern: Die
       Theateraufführungen im Alkimini bieten echte Qualität. Der Haken daran ist
       nur, dass gehbehinderte Besucher wie Nikos Kapiris draußen bleiben müssen.
       
       Der simple Grund dafür sind die vier Stufen der Metalltreppe, die zum
       Eingang des Theaters führen. Wie bitte soll ein Rollstuhlfahrer diese Hürde
       bloß überwinden? Eine Rampe? Fehlanzeige!
       
       Die Theaterleitung hat jedenfalls dafür gesorgt, dass zwei vor besagter
       Treppe aufgestellte bunte Fahrbahnteiler aus Kunststoff zweckentfremdet das
       ungewünschte Parken von Autos vor dem Eingang des Theaters verhindern.
       Fahrbahnteiler statt Rampen! Das kurzerhand auf eigene Faust verhängte
       Parkverbot für Autos ist offenbar wichtiger als die Barrierefreiheit für
       Behinderte.
       
       Es schmerze ihn, dass er nicht das sehen könne, was er wolle, so Kapiris.
       „Ich suche nicht nach Theateraufführungen, die ich gerne besuchen würde,
       sondern nach geeigneten Theatern, die barrierefrei sind.“
       
       Im Großraum Athen seien dies gar nicht so viele, so Kapiris. In der Athener
       Innenstadt gebe es zwar barrierefreie Theater. Barrierefreiheit herrsche
       allerdings nicht in der ganzen Innenstadt. Er müsse sein Auto zunächst in
       teuren privaten Parkhäusern parken, so Kapiris. Denn in der ganzen
       Innenstadt gebe es nur etwa zwei Dutzend Behindertenparkplätze. Ein Tropfen
       auf den heißen Stein.
       
       Sobald er geparkt hat, beginnt für ihn ein Gang nach Canossa. Bis zum
       Theater stößt Kapiris wieder auf das gleiche unsägliche Quartett der
       Barrieren wie überall in Athen: enge und zugeparkte Bürgersteige, hohe
       Stufen, fehlende Rampen. Er habe keine andere Wahl, erklärt Kapiris.
       
       „Ich meide das Zentrum von Athen.“ Es belaste ihn mental, den Weg vorab bis
       ins letzte Detail planen zu müssen. Die Ausgehviertel zu Füßen der
       Akropolis mit ihren vielen Cafés, Bars, Restaurants, Tavernen, Kinos,
       Theatern und Museen sind für Kapiris faktisch ein riesiges Sperrgebiet,
       eine weitläufige No-go-Zone. Traurig mache ihn das, sagt er. Früher genoss
       er die Abende in Athen, ob allein oder mit Freunden. Das ist vorbei.
       
       Dimitrios Sifakis ist oft unterwegs in die Athener Innenstadt. Sein Ziel:
       die Arbeit. Er ist blind. Den ersten Teil seiner Strecke legt er mit dem
       Blindenstock zurück: von seiner Wohnung im südlichen Athener Vorort
       Kallithea bis zur nahegelegenen Elektrobahnstation Tavros. Schnell wird
       klar: der 48-Jährige kennt jeden Zentimeter seines Weges. Mit all seinen
       Tücken.
       
       „Da, gucken Sie!“ Die Spitze des Stocks bleibt an der ersten Stufe der
       Treppe hängen – die Kante ist abgeschiefert. „Passe ich nicht auf, rutsche
       ich aus“, sagt Sifakis. Er geht weiter. Für Blinde wie ihn ist eine
       Leitspur unerlässlich. Das ist ein taktiles Bodensystem mit Rillen- und
       Noppenstrukturen. Sie hilft blinden und sehbehinderten Menschen, sich im
       öffentlichen Raum selbstständig zu orientieren und Hindernissen
       auszuweichen – dank ihrem Blindenstock.
       
       Das geht so: Leitstreifen mit Rippen dienen der Führung, Noppenfelder
       signalisieren Gefahrenstellen wie Kreuzungen oder Treppen. Hinzu kommen
       Aufmerksamkeitsfelder, die den Weg zu Eingängen oder Haltestellen
       aufzeigen.
       
       Sifakis befindet sich nun in der Leitspur für Blinde der Elektrobahnstation
       Tavros. Routiniert schwenkt er seinen Blindenstock, der stets den Boden
       berührt, in einem Radius von 180 Grad. Von rechts nach links, von links
       nach rechts. Abermals von rechts nach links. Und so weiter. So will Sifakis
       Hindernisse aller Art ausfindig machen, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Er
       fährt die Rolltreppe hinunter zur Plattform, die Bahn kommt sofort. Bis
       jetzt läuft alles prima.
       
       ## Die Leitspur ist vollgeparkt
       
       Sobald er die Station Omonia am Platz der Eintracht mitten in Athen
       verlässt, warten die Fallen auf ihn. Wo früher ein billiges Hotel stand,
       steht jetzt ein großes Einkaufszentrum mit Kosmetikartikeln und
       Accessoires. Laster stehen am Seiteneingang zum Entladen der neuen Ware –
       direkt auf der Leitspur für Blinde.
       
       Proteste und Interventionen seitens der Blinden fruchten nichts, sagt
       Sifakis. Das liege, wie er erklärt, nicht zuletzt an der
       Kompetenzverteilung zwischen der Stadtverwaltung Athen und der
       Regionalverwaltung Attika im Großraum Athen.
       
       Die Hauptstraßen und deren Bürgersteige in der Athener Innenstadt seien
       Sache der Regionalverwaltung, für die Nebenstraßen samt den Bürgersteigen
       sei indes die Stadt Athen zuständig, so Sifakis. „Bei Kreuzungen ist
       unklar, wer für sie zuständig ist.“ Mache man auf Probleme aufmerksam,
       werfe die eine Behörde der Stadt der anderen Behörde der Regionalverwaltung
       den Ball zu – und umgekehrt. Das Ergebnis: Alles bleibt beim Alten.
       
       Dimitrios Sifakis wuchs in einem Dorf auf Kreta auf. Er kam schon früh nach
       Kallithea, um die dortige Förderschule für Sehbehinderte zu besuchen. So
       wurde der Kreter zum Athener. Eine richtige Entscheidung, wie er sagt.
       Fünfzehn Jahre lang arbeitete er als Telefonist in einer Athener Klinik, er
       lernte Gitarre und spielte in Tavernen. Die Lebensqualität sei in der
       Großstadt zwar schlechter, die Dinge teurer, die Gefahren seien größer,
       findet Sifakis. Dennoch seien „das Leben und die Chancen besser als im
       Dorf“.
       
       Die Tour mit dem blinden Sifakis durch die Athener Innenstadt geht weiter.
       An vielen Stellen sind die Leitspuren für Blinde auf den Bürgersteigen von
       rechtswidrig abgestellten Motorrädern, Scootern sowie fliegenden
       Kleinhändlern mit ihren Ständen blockiert. Hinzu komme eine neue Plage in
       Athen, wie Sifakis betont: die E-Roller. Alles veritable Hindernisse. „Der
       Bürgersteig ist für die Fußgänger – ob blind oder nicht. Nicht für Autos,
       Scooter oder E-Roller!“, ätzt Sifakis.
       
       „Die Stadtpolizei tut nichts“, klagt er. Zudem zeigt sich: Leitspuren für
       Blinde sind vielfach abgenutzt, hören plötzlich auf oder vereinen gleich
       beide Mängel. In einer Nebenstraße nahe dem Omoniaplatz endet die Leitspur
       für Blinde auf dem Bürgersteig abrupt in offenen Baulöchern. Passt er an
       dieser Stelle nicht auf, riskiert er, ins Loch zu fallen, ärgert sich
       Sifakis.
       
       Schon steht ihm die nächste Herausforderung bevor. Sifakis will eine stark
       befahrene Straße am Omoniaplatz, Griechenlands zentralstem Platz,
       überqueren. Ohne Blindenampel. Ein Härtetest für seinen Hörsinn. Noch
       komplizierter wird es, als just in diesem Moment ein Taxi vor der Ampel
       stoppt. Der Taxifahrer steigt aus, öffnet den Kofferraum, den Motor lässt
       er weiterlaufen.
       
       ## Kaum Blindenampel vorhanden
       
       Die Ampel schaltet für die Autos auf Grün. Das Taxi steht aber weiter an
       gleicher Stelle. Blinde hören nur den Motor. Sie könnten fälschlicherweise
       glauben, dass die Ampel für die Fußgänger auf Grün geschaltet ist. Sifakis
       geht auf Nummer sicher. „Ich höre genau hin, ob heranfahrende Autos
       wirklich bremsen, um an der Ampel zu halten.“ Erst dann überquert er die
       Straße.
       
       Stichwort Blindenampeln: Athen hat fast keine. Am Verfassungsplatz vor dem
       Athener Parlament steht so eine. Schaltet sie auf Grün, zeigen akustische
       Signale den Wechsel an. Sifakis sagt, früher seien im Athener Zentrum zwar
       „fast an jeder Ecke“ Blindenampeln in Betrieb gewesen. Sie seien aber nicht
       gewartet worden – und gingen nach und nach kaputt. In einzelnen
       Wohnvierteln hätten sie wiederum aufgebrachte Bewohner zerstört. Sie
       wollten nicht ständig die Signale der Ampel hören.
       
       Dimitrios Sifakis biegt in die Athinasstraße ein. Schnell führt sie zum
       Monastirakiplatz im Touristenviertel Plaka. Die Straße ist voller Urlauber
       aus aller Welt. Sifakis’ Weg führt am zentralen Athener Fleisch- und
       Fischmarkt vorbei. E-Roller rasen haarscharf an ihm vorbei.
       
       Inzwischen angekommen in der Ermoustraße, einer anderthalb Kilometer langen
       Einkaufsmeile, sieht eine aufgetakelte Frau mittleren Alters Sifakis mit
       seinem Blindenstock, bevor sie in einem Kaufhaus verschwindet. Gut hörbar
       sagt sie auf Griechisch: „Όχ, ο καημένος“ („Ach, der Arme“). So etwas höre
       er nicht zum ersten Mal, sagt Sifakis.
       
       Zeit für einen leckeren Frappé. Ein schönes Café in einer schattigen
       Nebenstraße der Ermou-Einkaufsmeile lädt dazu ein. Dimitrios Sifakis nimmt
       einen Schluck und lässt seinem Frust über die Behörden und die real
       existierende Barriereunfreiheit freien Lauf. In Griechenland gebe es
       durchaus die nötigen Institutionen und Gesetze, aber keine Kontrolle.
       
       Sifakis nennt ein Beispiel. „Ein Platz soll behindertengerecht neugestaltet
       werden. Wird er aber nicht. Vielleicht wird nur die halbe Arbeit getan.
       Dann wird alles kaputt gemacht und von vorne angefangen, anstatt von Anfang
       an alles richtig zu bauen.“
       
       Im Jahr 1997 wurden die Olympischen Sommerspiele 2004 an Athen vergeben,
       erinnert sich Sifakis. Mit Blick auf Olympia 2004 habe Hellas sehr viel
       Geld für die Athener Infrastruktur ausgegeben. Seither seien jedoch
       zweieinhalb Jahrzehnte verstrichen, merkt Sifakis an. Halte man die
       Infrastruktur nicht instand, dann verrotte sie. Heute habe Athen zudem mehr
       Einwohner als damals, die Stadt habe sich ausgedehnt.
       
       Eine neue, barrierefreie Infrastruktur sei nötig. Der Athener Flughafen sei
       zwar völlig barrierefrei, so Sifakis. Doch: „Das ist die Vitrine, das
       Schaufenster.“ Entferne man sich vom Airport und erreiche das Betonmeer
       Athen, dann stoße man rasch auf viele Barrieren. Es gebe keine einwandfreie
       Barrierefreiheit, um sich in Athen fortzubewegen, unterstreicht Sifakis
       unverblümt.
       
       ## „Oasen“ der Barrierefreiheit
       
       Schätzungen zufolge machen Behinderte etwa 10 Prozent der hiesigen
       Bevölkerung in Griechenland aus. Das seien rund 1 Million Menschen, teilt
       der Präsident des Griechischen Behindertenverbandes ESAMEA, Jannis
       Vardakastanis, auf Anfrage der taz mit. Der Umstand, wonach die
       Barrierefreiheit in Athen eingeschränkt ist, steht ebenso für Vardakastanis
       außer Frage.
       
       In Athen gebe es zwar „Oasen“ der Barrierefreiheit, so Vardakastanis zur
       taz. Einige öffentliche Verkehrsmittel, archäologische Stätten und die
       meisten Museen seien barrierefrei, aber nur wenige Restaurants und Cafés.
       Vardakastanis bestätigt: „Die Gehwege sind kaputt, die Rampen voll mit
       geparkten Autos, Busse und Straßenbahnen nicht immer frei zugänglich,
       akustische Signale für Blinde fehlen.“
       
       Doch damit nicht genug: „Hinzu kommt oft ein mangelndes Einfühlungsvermögen
       seitens der nichtbehinderten Mitbürger, Politiker inbegriffen, gegenüber
       Behinderten“, fügt Vardakastanis hinzu.
       
       Nikos Kapiris, Dimitrios Sifakis und Jannis Vardakastanis sind sich einig:
       Eine „Kette“ der Barrierefreiheit im Großraum Athen fehle, ein Konzept, das
       in seiner Gesamtheit umgesetzt werde und es so behinderten Menschen
       ermögliche, sich ohne Mühe von Punkt A nach B und von dort nach C zu
       bewegen.
       
       Gäbe es eine möglichst umfassende Barrierefreiheit, würde dies doch auch
       der übrigen Bevölkerung wie Frauen mit Kinderwagen oder Senioren nützen,
       hebt Kapiris hervor. „Was gut für uns (Behinderte) ist, ist gut für alle“,
       sagt er mit fester Stimme.
       
       Sifakis legt nach. Sein so trauriges wie niederschmetterndes Urteil lautet:
       Athen sei in Sachen Barrierefreiheit „sehr weit“ hinter dem ob der großen
       nationalen Vision Olympia erreichten Stand von 2004 zurückgefallen, anstatt
       seither Fortschritte zu machen.
       
       Wie sagte die mittlerweile verstorbene Irini Papas, eine begnadete
       Schauspielerin, Griechenlands wohl großartigste Tragödiendarstellerin, über
       ihre Heimat: „Hellas hinkt, täuscht aber vor, dass es tanzt.“ Micha
       Dittrichs leise Flüche würden wohl auch heute in Athen zu hören sein.
       
       19 Sep 2025
       
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