# taz.de -- Widerstand gegen Räumung in Griechenland: „Entweder wir siegen oder wir siegen“
       
       > Die konservative Regierung in Athen will acht migrantische Wohnblocks
       > räumen lassen. Dagegen regt sich Widerstand, ein Aktivist ist im
       > Hungerstreik.
       
 (IMG) Bild: Aufschrift auf einem der Wohnblocks der Prosfygika in der Athener Innenstadt: „Gemeinsame Sprache die Solidarität“
       
       Es ist Tag vier seines Hungerstreiks, als er an diesem milden Sonntagabend
       vor einem Wohnblock an der Alexandrasstraße im Athener Zentrum damit
       beginnt, als dritter Redner vor der versammelten Menschenmenge ins Mikrofon
       zu sprechen. „Ich bin in einen Hungerstreik bis zum Tod getreten“, sagt
       Aristos Chantzis mit fester Stimme.
       
       Darin sehe er ein geeignetes Mittel, auf „einen kollektiven Kampf
       aufmerksam zu machen“, der die Wohnblöcke als Struktur der [1][Solidarität
       für sozial schwache Gruppen] und eine organisierte Gemeinschaft erhalten
       wolle, erklärt der Grieche. Applaus brandet auf. Sprechchöre werden
       skandiert: „Κάτω τα χέρια από τα Προσφυγικά!“ („Hände weg von den
       Prosfygika!“)
       
       Es geht um die Prosfygika, auf Griechisch Flüchtlingsbauten. Konkret
       handelt es sich um acht Wohnblocks mit insgesamt 228 kleinen Wohnungen. Sie
       wurden ab 1933 im Bauhausstil errichtet, um griechischen Flüchtlingen, die
       aus der heutigen Türkei nach Griechenland geflohen waren, eine Unterkunft
       zu bieten.
       
       Daher auch ihr Name, der bis heute für die acht Gebäude im Herzen von Athen
       verwendet wird. Seit 2010 hat sich eine Gemeinschaft in den Prosfygika mit
       einer autonomen Verwaltung gebildet. Unterdessen leben hier mehr als 400
       Menschen, darunter Migrant*innen, Geflüchtete, Griech*innen, alte sowie
       kranke Menschen und 50 Kinder – eine Gemeinschaft unter autonomer
       Verwaltung. Nach und nach renoviert die Gemeinschaft die Gebäude der
       Prosfygika.
       
       „Ich habe erklärt, dass ich keine Wohnung habe. Die Gemeinschaft lud mich
       dazu ein, an der wöchentlichen Versammlung teilzunehmen. Das habe ich
       getan. Seit etwa einem Jahr lebe ich nun hier“, sagt ein Bewohner der taz.
       Er schlage sich in Athen mit Gelegenheitsarbeiten durch. Das verdiente Geld
       reiche gerade für den Eigenbedarf an Lebensmitteln. „Zum Glück zahle ich
       keine Miete“, sagt er.
       
       ## Regierung will die Wohnblocks räumen
       
       Das könnte bald vorbei sein. Der [2][konservativen Regierung in Athen]
       unter dem Premier Kyriakos Mitsotakis und dem konservativen Gouverneur der
       Regionalverwaltung Attika sind die Prosfygika schon lange ein Dorn im Auge.
       Der Umstand, dass die Gemeinschaft die Gebäude nach und nach renoviert,
       ändert daran nichts. Die Prosfygika sollen nach den Plänen der Regierung
       Mitsotakis und der Regionalverwaltung Attika geräumt und hernach
       neugestaltet werden.
       
       „Uns haben Informationen erreicht, dass der Staat eine Entscheidung
       getroffen hat, mit uns und der Nachbarschaft Schluss zu machen“, sagt ein
       Redner bei der öffentlichen Versammlung, zu der die Gemeinschaft der
       Prosfygika mit einer „dringenden Erklärung“ aufgerufen hat.
       
       Dem Notruf sind viele Menschen gefolgt. Ob Freunde, Unterstützer oder
       Bewohner: Sie alle wollen, dass die Prosfygika bleiben – und mit ihr die
       dort geschaffenen sozialen Strukturen. Ob eine Kindertagesstätte, eine
       Sozialapotheke, Unterkünfte für Patienten und Begleitpersonen des direkt
       neben den Prosfygika liegenden Krebskrankenhauses Agios Savvas, eine
       autonome Frauenstruktur oder die Solidaritätsgruppe für Obdachlose: 22
       autonome Strukturen bestehen aktuell in den Prosfygika – eine einmalige
       Errungenschaft.
       
       Die Strukturen sollen nicht nur die soziale Selbstversorgung und
       Selbstorganisation der Menschen der Gemeinschaft in den Prosfygika sichern.
       Sie stehen zudem den Bewohnern aus umliegenden Stadtvierteln oder anderswo
       offen.
       
       ## „Tolle Menschen aus vielen Ländern“
       
       Auch Georgios Foufas, dichtes graues Haar, freundlicher Blick, wohnt der
       offenen Versammlung bei. „Das sind tolle Menschen aus vielen Ländern. Sie
       sind sehr fleißig“, sagt der Agrarökonom der taz. Für ihn sei die
       Gemeinschaft in den Prosfygika mit ihrer gelebten Solidarität und den
       Prinzipien der Selbstversorgung und Selbstorganisation „ein echtes Vorbild“
       für die Gesellschaft, fügt Foufas hinzu. Er sagt: „Der Raum darf nicht
       verschwinden.“
       
       Die Nacht ist schon eingebrochen, die Reden auf der Versammlung neigen sich
       dem Ende zu. Aristos Chantzis, der in den Hungerstreik getreten ist, wird
       von türkischen Genossen eine rote Kopfbinde überreicht – ein [3][Symbol des
       entschlossenen Kampfes]. Dann ruft er das durchaus einprägsame Motto des
       Widerstandes der Gemeinschaft der Prosfygika in die Menge: „Wir werden
       nicht kampflos fallen! Entweder wir siegen oder wir siegen!“
       
       Seit Donnerstag nimmt Aristos Chantzis nur Wasser, Tee, etwas Zucker, Salz,
       Vitamine sowie Mineralstoffe zu sich. Damit er den Hungerstreik „so lange
       wie möglich“ durchhalten könne, wie er hervorhebt. Wenn es sein muss, bis
       zu seinem Tod.
       
       Transparenzhinweis: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass der
       Staat plane, die Gebäude abzureißen. Die Wohnblocks stehen aber unter
       Denkmalschutz. Weiterhin leben in den Gebäuden nicht allein Migrant*innen,
       sondern auch Griech*innen, alte und kranke Menschen und 50 Kinder. Wir
       haben die Fehler korrigiert. Die Redaktion
       
       9 Feb 2026
       
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