# taz.de -- Israel, Russland, und die Ukraine: Warum die Rechten in Deutschland über Außenpolitik streiten
       
       > Die AfD-Führung zeigt sich proisraelisch, während das neurechte Lager den
       > „Schuldkult“ kritisiert. Viele junge Rechte bewundern zudem die Ukraine.
       
 (IMG) Bild: Groteske Fahnenkombinationen: AfD-Abschlusskundgebung im August 2024 in Erfurt
       
       Ende Juli postete der außenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im
       Bundestag, [1][Markus Frohnmaier,] auf X zum Leid der Palästinenser im
       Gazastreifen. „Die arabisch-islamische Welt muss Druck auf Hamas ausüben –
       Kämpfen und Töten beenden“, schrieb Frohnmaier. Der neurechte Vordenker
       Benedikt Kaiser entgegnete darauf genervt: „Zum israelischen Massenmord
       kommt noch ein gesonderter Post?“
       
       Zwei Wochen später saß der AfD-Co-Chef Tino Chrupalla [2][im
       Sommerinterview] des ZDF. Darin begrüßte er die Ankündigung des
       Bundeskanzlers, Waffenlieferungen nach Israel zu beschränken. Applaus bekam
       Chrupalla dafür von Kaiser. Die AfD-Fraktionsvize Beatrix von Storch
       dagegen attackierte Merz von der anderen Seite: Seine „Kehrtwende in der
       Israel-Politik“ zeige, wie die Brandmauer ihn an die
       „13-%-in-den-Umfragen-SPD“ kette.
       
       Die dissonanten Äußerungen zeigen: In der deutschen Rechten verschärft sich
       die Debatte [3][um den Israelkurs]. Sie wird in der AfD geführt, aber auch
       im intellektuellen neurechten Vorfeld. Darin steht die israelfreundliche
       Haltung der AfD immer mehr in der Kritik. Das liegt einerseits an der
       Brutalität des Krieges in Gaza und der israelischen Aushungerungskampagne,
       die in der Bevölkerung über die Parteigrenzen hinweg für eine solide
       Zustimmung zum neuen Merz-Kurs gesorgt haben.
       
       Doch fundamentaler geht es auch um das Selbstverständnis der Bundesrepublik
       als Gegenprojekt zur Naziherrschaft, die deutsche Verantwortung für den
       Völkermord an den Juden sowie um die daraus abgeleiteten Verpflichtungen
       gegenüber Israel.
       
       In der AfD-Führung und im Parteiprogramm herrscht nach wie vor eine
       israelsolidarische Haltung vor. Politikerinnen wie von Storch sehen Israel
       als Vorposten des judeo-christlichen Westens in einer muslimisch-arabischen
       Umwelt. Das kleine Israel bekämpft demnach mutig die globale Bedrohung des
       Islamismus.
       
       ## „Vogelschiss“ und Co
       
       Medial flankiert wird diese Fraktion von transatlantisch-rechten Portalen
       wie Nius oder der Achse des Guten, aber auch von den Springer-Erzeugnissen
       Bild und Welt, die damit ihrerseits ein Scharnier zwischen AfD und dem
       bürgerlich-konservativen Lager der Union bilden. Gleichzeitig finden sich
       innerhalb der Partei Politiker wie Alexander Gauland, die zwar das gute
       deutsche Verhältnis zu Israel betonen, obgleich aber die Nazizeit als
       „Vogelschiss“ ad acta legen wollen.
       
       Dagegen zeigt sich das neurechte Lager in AfD und Vorfeld offen für einen
       Wandel der Israelhaltung. Sie sehen in Merkels „Staatsräson“ und der
       deutschen Verantwortung für Israel ein Produkt des „Schuldkults“, der
       negativen Bindung Deutschlands an den Holocaust, die sie ablehnen.
       
       Die Neurechten grenzen sich pro forma von der alten Rechten und ihrem
       offenen Nazi- und Holocaust-Revisionismus ab, streben aber eine positive
       Neudeutung der deutschen Geschichte an. In der Partei vertritt diese
       Fraktion Björn Höcke, der wiederum Schützenhilfe erhält aus dem neurechten
       Vorfeld um den Verein Ein Prozent, den Verleger Götz Kubitschek und dessen
       Sezession.
       
       In eben jener Zeitschrift konnte man in den Wochen nach dem Hamas-Angriff
       auf Israel am 7. Oktober 2023 einen Austausch lesen, der die Debatte
       zwischen dem proisraelischen Lager und den revisionistischen Neurechten gut
       kondensiert. Es ist ein Briefwechsel zwischen Artur Abramovych,
       Vorsitzender der „Juden in der AfD“, und dem Sezession-Autor Martin
       Lichtmesz.
       
       Abramovych argumentiert darin die proisraelische Seite. Er führt an, dass
       die Rechte in fast ganz Europa, von Frankreich bis nach Ungarn, vehement
       auf der Seite Israels steht. Die Palästinenser hingegen seien schlichtweg
       Araber und nach neurechten Kriterien gar kein eigenes Volk. Die Schuld
       dafür, dass sie keinen Staat haben, schiebt Abramovych ihnen selbst in die
       Schuhe. Ferner ist er erstaunt, dass einige Neurechte, wenn es um Israel
       geht, auf einmal anfingen, von Menschenrechten zu „schwadronieren“ und
       „moralinsaure Äußerungen“ von sich zu geben.
       
       In der Tat zeigt sich Lichtmesz empört über die israelischen Verbrechen an
       den Palästinensern, den vergangenen wie den gegenwärtigen, und verteidigt
       den „Volkscharakter“ der Palästinenser nach neurechten Standards. Dennoch
       schreibt Lichtmesz, ähnlich wie Chrupalla, er hätte nichts einzuwenden
       gegen gute Beziehungen zu Israel, und rate der deutschen Rechten ab,
       Position für die ein oder andere Seite zu beziehen.
       
       ## „Schuldkult“ und „Philosemitismus“
       
       Lichtmesz kritisiert aber, was er als „etliche Schnittmengen“ zwischen der
       israelischen Rechten und den maßgeblichen Denkern der „BRD“ bezeichnet,
       „etwa was die singuläre Bedeutung des Holocaust und die weltgeschichtliche
       Sonderstellung der Juden als ‚Opfervolk‘ und der Deutschen als ‚Tätervolk‘
       angeht“. Das habe in Deutschland einen „Schuldkult“ und „Philosemitismus“
       hervorgebracht, aber auch „die aktuelle haltlose Zustimmung der medialen
       Klasse zu den israelischen Vergeltungsschlägen in Gaza […], die vor allem
       auf die Re-Education zurückgeht.“
       
       Das war im Oktober 2023. Anfang 2025 hielt Lichtmesz in Schnellroda einen
       Vortrag, in dem ein offenerer Antisemitismus zutage tritt. Darin geht es um
       „Amerika“, aber auch um die Bedeutung der USA für das jüdische Volk und den
       christlichen Zionismus. In Berufung auf den jüdischen US-Historiker Yuri
       Slezkine führt Lichtmesz den jüdischen Erfolg in den USA zurück auf eine
       Affinität zwischen der „amerikanischen Zivilisation“ und dem
       „merkurianischen Geist“ der Juden.
       
       Lichtmesz meint „einen merkantilen, mobilen, vermittelnden Geist, also
       einen, der da ist, wo es darum geht, Dinge zu verwalten, Dinge zu liefern,
       zu verkaufen, auch medialer Bereich und all das. Und hier eben gibt es im
       jüdischen Volk ein besonderes Talent und eben auch in Amerika eine
       besondere Erfolgsgeschichte, nicht zuletzt auch im Film.“ Ein
       händlerisch-liberaler Geist wird kurzerhand den USA und den Juden
       angetackert.
       
       ## Ein Kampfeinsatz in der Ukraine
       
       Um den Einfluss der USA und das transatlantische Verhältnis geht es auch in
       einem anderen Streit, der unter Rechten gerade heiß läuft. Auch hier steht
       eine etablierte Position der AfD in der Schusslinie. Es geht um die Haltung
       zu Russland und dessen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
       
       Ausgelöst wurde der Streit durch einen Post des 22-jährigen
       AfD-Kommunalpolitikers Tim Schramm. Schramm gab Ende Juni auf X bekannt,
       dass er zwischen März und Juni in einem Freiwilligenverband der
       ukrainischen Armee gekämpft hatte.
       
       Der Vorstand seines Landesverbandes Nordrhein-Westfalen will ihn dafür aus
       der Partei werfen. In der Begründung heißt es, Schramm habe der AfD mit
       einem Kampfeinsatz einen „schweren Schaden“ verursacht. Die Partei vertrete
       eine „anti-interventionistische Linie“ und lehne Waffenlieferungen ab.
       
       Vor allem bei jüngeren Rechten sorgt dieser Kurs für Kritik und Häme. Die
       rechten Russlandfreunde bezeichnen sie als „Boomer“ oder „Russenstusser“.
       
       In den Augen der Kritiker ist Russland kein rechtes Idealbild, sondern ein
       autoritärer Vielvölkerstaat, der viel auf Zuwanderung setzt und hohe HIV-
       und Abtreibungsraten aufweist. Dagegen zeichnen sie die Ukraine als
       homogene Nation.
       
       ## Natürlicher Verbündeter
       
       „In der Ukraine wird seit mehr als 3 Jahren verbissen das verteidigt, was
       uns Rechten am allerwichtigsten sein sollte. Freiheit, nationale
       Souveränität und Heimat“, schreibt Schramm auf X. „Es ist ein Kampf gegen
       ein imperialistisches Multikulti-Shithole, das unter dem Vorwand des
       ‚Antifaschismus‘ ein freies europäisches Volk vernichten und seine
       Identität auslöschen will – und welches auch unserem Land pausenlos droht.“
       
       Ähnliche Argumente hört man auch von der rechtsextremen Kleinpartei III.
       Weg, oder von jüngeren Aktivisten der Heimat (ehemals NPD), die in X-Posts
       vor Flaggen der rechten ukrainischen Asow Brigade posieren und mit ihren
       Händen den White-Power-Gruß zeigen.
       
       Die rechten Russlandfreunde antworten darauf mit dem Vorwurf des
       „Westextremismus“. Als eurasisches Imperium ist Russland für sie ein
       natürlicher Verbündeter und Gegengewicht zu den USA, die durch ihren
       kulturellen Einfluss angeblich die deutsche Nation zersetzen und mit den
       hierzulande stationierten Truppen die nationale Souveränität untergraben.
       
       „Frieden mit Russland“ hat sich etwa Jürgen Elsässers Compact Magazin auf
       die Fahne geschrieben. Wer sich nicht gerade durch den hauseigenen Shop
       klickt, wo man für schlappe 75 Euro eine „Druschba-Silbermedaille“ für
       deutsch-russische Freundschaft erwerben kann, der kann auf der Seite
       Angriffe gegen den AfD-Politiker Schramm lesen.
       
       Feindschaft mit Russland schade Deutschland, schreibt ein Autor, und die
       USA trieben einen Keil zwischen beide Länder. Was es wirklich brauche, sei
       eine „Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok“.
       
       ## Gegen die „linksliberale Hegemonie“
       
       Das neurechte Vorfeld um den Verein Ein Prozent nimmt dagegen so was wie
       eine Mittelposition ein. In einem Podcast distanzieren sich Benedikt Kaiser
       und Co von dem Lager, das Russland idealisiert. Dennoch ist der
       „Hauptwiderspruch“ für Kaiser „die Westbindung und alles, was damit
       zusammenhängt: Multikulturalisierung, Liberalisierung, Unterordnung unter
       den letzten Hegemon der Welt“, die USA.
       
       Die wahre Bedrohung sei nicht etwa eine unrealistische russische Invasion
       in Deutschland, sondern „die realexistierende linksliberale Hegemonie in
       Deutschland.“ Und die sei „genauso bedingungslos proukrainisch und
       proisraelisch wie offensichtlich Teile der radikalen Rechten“. Hinter der
       Ablehnung der Israel- und Ukrainesolidarität (wie sie etwa Nius vereint)
       steht hier also der Hass auf den US-amerikanischen Einfluss, der schnell
       auch antisemitische Denkbilder aufruft.
       
       Im Fokus auf Deutschland tut sich im rechten Denken aber ein anderes
       Spannungsfeld auf: einerseits der Blick auf die vermeintlichen Interessen
       des eigenen Landes und Volkes, und andererseits die internationale
       Solidarität mit ähnlich gesinnten Rechten anderer Länder. Globale
       Solidarität für die „gute Sache“ liegt der internationalistischen Linken
       eigentlich näher – aber genau das fordern jüngere Rechte mit Blick auf die
       Ukraine gerade ein.
       
       Es ist nicht nur ein Gesinnungs-, sondern auch ein Generationenkonflikt,
       der an der AfD nicht spurlos vorübergehen wird.
       
       20 Aug 2025
       
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