# taz.de -- Betrunkener Fahrlehrer in Greifswald: Gas geben, Grenzen überschreiten
       
       > Ein Fahrlehrer wurde mit 1,6 Promille auf dem Beifahrersitz erwischt.
       > Ständig gibt es Übergriffe in Fahrschulautos: Sie sind ein
       > Miniatur-Patriarchat.
       
 (IMG) Bild: Betrunken auf dem Beifahrersitz: Autofahren ist nicht sein Ding
       
       Ein Fahrschulauto kann sich für junge Frauen als rollender Schauplatz für
       Übergriffe entpuppen. Nahezu jede, die das Autofahren bei einem Mann
       gelernt hat, verfügt über ein Reservoir unangenehmer Anekdoten, über die
       sie nur müde lächeln kann. Schließlich scheinen diese Erlebnisse so
       selbstverständlich wie unumgänglich zu sein.
       
       In Greifswald machte eine Fahrschülerin kürzlich eine besonders
       grenzüberschreitende Erfahrung. [1][Laut NDR habe sich ihr 62-jähriger
       Fahrlehrer während der Stunde einen Wein genehmigt], den er sich zuvor an
       einer Tankstelle besorgt hatte. Eine Zeugin habe beobachtet, wie er den
       Tropfen kostete, die Flasche im Kofferraum verstaute und sich wieder zurück
       auf den Beifahrersitz begab. Nach der Fahrstunde habe die Polizei 1,6
       Promille bei ihm festgestellt.
       
       Das ist nicht das Einzige, was sich Frauen immer wieder gefallen lassen
       müssen, wenn sie ins Fahrschulauto steigen. Denn dieses Auto ist für junge
       Frauen eine Nahaufnahme, eine Art Miniaturversion des Patriarchats.
       [2][Hier dringen die Herrschaftsverhältnisse unmittelbar in die kleinen,
       unscheinbaren Momente des Alltags ein.]
       
       Warum ist ausgerechnet das Fahrschulauto ein Mini-Patriarchat? Der
       62-jährige Fahrlehrer bringt die Schülerin mit seinem Konsum in Gefahr,
       weil er es kann; genau wie Männer in Machtpositionen bei Fehlverhalten
       seltenst Konsequenzen drohen. Die Praxisstunden absolviert die junge Frau
       auf engstem Raum mit dem, der sie in Gefahr bringen könnte.
       
       Eine Möglichkeit, zu entkommen, gibt es nicht unbedingt. Ähnlich verhält es
       sich mit den patriarchalen Strukturen, denen man nicht entfliehen kann. Und
       der einzige Passagier, der sich mit Motor und Getriebe auskennt, steht
       möglicherweise völlig neben sich. Sie hat zwar das Steuer in der Hand, doch
       eigentlich bestimmt der männliche Beifahrer: Er hat die Kontrolle über das
       Gaspedal in seinem Fußraum. In diesen Strukturen ist er unbeobachtet und
       muss sich vor niemandem verantworten. Hätte man der Fahrschülerin ohne die
       zufällige Zeugin geglaubt?
       
       ## Die Übergriffe haben System
       
       Der Fahrlehrer aus Greifswald ist nicht der Erste, der das Machtgefälle,
       das im Fahrschulauto herrscht, ausnutzt. Immer wieder beweisen Vorfälle,
       dass Fahrlehrer unbeobachtet zu Abscheulichem fähig sind. Zum Beispiel
       steht [3][ein 41-jähriger Fahrlehrer Ende Juli in Baden-Württemberg vor
       Gericht, weil er eine 17-jährige Fahrschülerin mutmaßlich mehrfach
       vergewaltigt und weitere Schülerinnen belästigt haben soll]. Dem SWR sagte
       der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe dazu: „[4][Die
       Dunkelziffer ist sehr hoch], da die meisten der Fahrschülerinnen keine
       Anzeige erstatten und die Übergriffe stillschweigend hinnehmen.“
       
       Erklärungen finden sich dafür reichlich: Junge Frauen investieren viel Zeit
       und Geld in ihren Führerschein. Je schneller sie sich durch die Stunden
       beißen, desto eher haben sie ihn in der Tasche und [5][desto günstiger
       kommen sie weg.] Sie spüren das Machtgefälle und nehmen es stillschweigend
       hin, dass er möglicherweise übergriffig oder besoffen ist. Oder sie können
       die Übergriffigkeit als solche noch nicht benennen, haben kein Werkzeug,
       sich dagegen zu wehren.
       
       Sexuelle Übergriffe, Grenzüberschreitungen oder widerwärtige Kommentare zum
       Aussehen oder Körper sind keine Einzelfälle. Sie haben System.
       [6][Männliche Fahrlehrer sind an Fahrschulen in deutlicher Überzahl.] Dann
       streicht eine Hand mal über den Oberschenkel, aber keine Angst, das war
       nicht anzüglich, er wollte ja nur zeigen, wie das Schalten funktioniert.
       Die mutmaßlichen Täter können ihre Übergriffe wunderbar hinter den
       Autotüren verstecken.
       
       In Greifswald habe die Polizei dem 62-Jährigen laut NDR nach seiner
       Fahrstunde einen Besuch abgestattet und ihm nach einem Alkoholtest
       kurzzeitig die Fahrerlaubnis entzogen. Damit ist nur einer von vielen aus
       dem Verkehr gezogen. Die anderen, jene unbekannte „Dunkelziffer“, klopfen
       weiterhin ungefragt Sprüche darüber, wie die Schülerin den Schaltknüppel
       hält, oder fragen sie bei Nachtfahrten über den Beziehungsstatus aus.
       
       7 Aug 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/vorpommern/betrunken-fahrstunde-gegeben-polizei-ermittelt-gegen-fahrlehrer,mvregiogreifswald-604.html
 (DIR) [2] /Sexualisierte-Gewalt-in-der-Fahrschule/!5819128
 (DIR) [3] https://www.tagesschau.de/inland/regional/badenwuerttemberg/swr-fahrlehrer-bestreitet-unter-traenen-eine-vergewaltigung-100.html
 (DIR) [4] https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/ulm/sexuelle-belaestigung-fahrschulauto-100.html
 (DIR) [5] /Autofahren-lernen/!6043632
 (DIR) [6] /Die-Fahrschule-der-Nation/!5873040
       
       ## AUTOREN
       
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