# taz.de -- Jasmin Wagner auf Blümchen-Abschiedstour: 30 Jahre bauchfrei
       
       > Als Popstar Blümchen ist sie auf Abschiedstour. Als Jasmin Wagner ist sie
       > Unternehmerin. Ein Blick auf die Kluft zwischen Rave-Nostalgie und
       > Gegenwart.
       
 (IMG) Bild: Sängerin Blümchen bei „Stars in der Manege“ in München, 1999
       
       Jasmin Wagner hat ihre künstlerische Arbeit in zwei Marken aufgeteilt:
       erstens in das Ravergirl Blümchen. Und zweitens in die Sängerin,
       Schauspielerin, [1][Moderatorin] und Unternehmerin Jasmin Wagner.
       
       Die zweite ist eine geschiedene Frau und Mutter, sie backt gern Kuchen und
       versucht sich im Nahrungsergänzungsmittelverkauf. Sie singt mit leuchtenden
       Augen Weihnachtslieder, zeigt ihre liebsten Kinderbücher und ist sogar ein
       bisschen crunchy: [2][Beim „Propaganda] I don’t fall for“-Trend nennt sie
       als eine der Sachen, auf die sie nicht reinfallen will, chemischen
       Lichtschutzfaktor.
       
       Sie ist 45 und klingt auch so: Mit „meine Goldstücke“ spricht sie ihre
       Follower*innen an. Eine ziemlich normale Mom-Bloggerin also.
       
       Die erste der beiden Marken hingegen ist dazu verdammt, für immer Teenager
       im Croptop zu bleiben. Es ist 1995, bald wird der Internetboom Deutschland
       erreichen, noch ist es ruhig: Helmut und Hannelore Kohl sind an der Macht,
       Teenager suchen in der Bravo mittels Fotoanzeige nach Brieffreundschaften,
       weil „mein Briefkasten verhungert“.
       
       Die Welt war gerade erst am Ende der Geschichte angelangt, junge Teenager
       warten auf die Pubertät und die Erlaubnis, zur Loveparade zu fahren. Von
       der wissen sie aus der Bravo – auch dass [3][die Loveparade] etwas mit
       gefährlichem Ecstasy zu tun hat, an dem man sterben kann. Nach der Schule
       wickelt man sich das Spiralkabel des Festnetztelefons um den Finger und
       ruft Freunde an, bei denen man Viva glotzen kann.
       
       Im Musikvideo von „Herz an Herz“ von Blümchen, 1985 zuerst vom NDW-Duo Paso
       Duble gesungen, geht es um das erwachsene Liebespaar Jimmy und Patsy, das
       nur online kommuniziert. Es muss via Usenet sein, eine im Jahr 1995 noch
       hochgradig nerdige Kulturtechnik. Ohne zu wissen, dass nur eine einzige
       Wand sie trennt, vermissen sie einander.
       
       ## Friede, Freude, Eierkuchen
       
       Falls die Mauerfallsymbolik noch nicht deutlich genug ist: Beide tragen
       eine Militärjacke mit Schulterklappen. Friede, Freude, Eierkuchen statt
       militärischer Gewalt, was für eine schöne Zeit!
       
       Blümchen surft neben vielen anderen wie Dune, Technohead und Das Modul auf
       der Happy-Hardcore-Welle. Schnelle Musik mit Popmelodien, die rasend
       glücklich macht. Charly Lownoise & Mental Theo zeigen im Video ihres Lieds
       „Stars“ eine gruppenschmusige, noch gerade so jugendfreie Orgie, die
       eindeutig auf pillenbasierte Liebesgefühle hinweist.
       
       In Blümchens Texten, die mit gepitchter Stimme vorgetragen werden, wird es
       hingegen lange nur um die Herstellung und Erhaltung einer heteronormativen
       Zweierbeziehung gehen. Um ein „Astronautenrendevous“ im All, „verrückte
       Jungs“ und „Küsschen“ bekommen.
       
       Die Schere zwischen solcher Boomersprache und der Cyberästhetik ihrer
       CD-Cover war damals noch klarer zu identifizieren als heute. Einem Teenager
       kam 1995 doch nicht „Küsschen“ über die Lippen. Und das in „Herz an Herz“
       panisch wiederholte „Hörst du mich?“ lässt eher an wackligen CB-Funk als an
       Onlinechats denken. Oder sind wir schon wieder im Weltall, dem
       Sehnsuchtsort der Generation Mondlandung?
       
       Heute würde man Blümchen jedenfalls ein „Industry Plant“ nennen – jemand,
       der von einer Plattenfirma zur Ausnutzung eines Trends am Markt lanciert
       wird. Jahre später wird Jan Delay bei TV Total andeuten, Blümchen habe gar
       nicht selbst gesungen. Wie dem auch sei: Die Talentscouts haben in Jasmin
       Wagner das richtige Talent gefunden. Ihr Appeal wird vom Peermusic-Manager
       Michael Karnstedt als „kleine Schwester von nebenan“ beschrieben, so soll
       sie dann als „Blossom“ auch weltweit vermarktet werden.
       
       ## Interviews über ihre Jungfräulichkeit
       
       Ihre Musik ist [4][Happy Hardcore] ganz ohne den gefährlichen Raverabgrund
       aus Drogensucht, Gruppensex und Verwahrlosung: Tausende Heranwachsende
       verknallen sich in das unkomplizierte, immer lockere Mädchen, werfen ihr
       Boxershorts auf die Bühne.
       
       Neben der Blümchen-Arbeit geht sie noch zur Schule, macht weiter
       Cheerleading für eine Hamburger Footballmannschaft, moderiert eine Radio-
       und eine Fernsehsendung. Sie übersteht Spekulationen und Interviews über
       ihre Jungfräulichkeit sowie die Vollbildaufnahme ihres Ausschnitts bei
       Harald Schmidt.
       
       Alles mit 15, 16, 17 Jahren. Unglaublich. Im Jahr 2000 hört sie zum ersten
       Mal auf und wird Theaterschauspielerin. Weil die Grenze zwischen den beiden
       Charakteren unscharf verläuft und die ewig minderjährige Blümchen weder
       besonders politisch noch erwachsen werden darf, scheint auch Jasmin Wagner
       auf der Bremse zu stehen.
       
       Die Tochter einer kroatischen Mutter und eines deutschen Vaters gibt in
       Interviews ausweichende Antworten, sobald es politisch oder gar kontrovers
       wird. Dabei war sie angeblich mal [5][Vorsitzende] der Turbojugendchapters
       von St. Pauli, 2019 soll sie laut [6][Plastic Bomb] den Jingle von „AfD
       wegbassen!“ bei Instagram geteilt haben.
       
       „Die meisten gehen in dem Alter auseinander wie ein Hefeteig, aber Blümchen
       bleibt Blümchen, freut mich zu sehen, top Vorbild“, kommentiert
       Makrolanium7 auf Tiktok unter ein Video des verifizierten Accounts von
       Jasmin Wagner.
       
       Der Kommentar hat ein Like von ihr erhalten. Die Bremse, auf der Jasmin
       Wagner steht, ist der Geist der 90er Jahre, diese scheinbar unpolitische
       Zeit der Zuversicht, des technischen Aufbruchs ins Internet. Der Regress
       dorthin ist eine wohlige Pause von Woke, Cancel Culture und Weltkrieg.
       
       Ihre Musik ist den Menschen noch lieber geworden, seit sie als
       Nostalgiemaschine funktioniert. Der Konsens: Damals war die Welt noch in
       Ordnung. Was sie meinen ist: Damals war mein Leben noch voller
       Möglichkeiten, ich fühlte mich leichtfüßig, weil ich selbstbezogen und
       zwangsignorant war. Das Bedürfnis nach einer ewigen Gegenwart der
       scheinfriedlichen 90er ist ungebrochen.
       
       Seit sich im Internet über die Normalität von Guilty Pleasures verständigt
       wurde, trauen sich auch die Skeptischeren von damals, lauthals bei Blümchen
       mitzusingen: Auf dem Wacken-Festival, beim Ruhrpott Rodeo und beim Konzert
       der Abschiedstournee in Konstanz. Dort fällt wegen Netzüberlastung das
       Internet aus.
       
       27 Jun 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Letzte-Anne-Will-Sendung/!5978275
 (DIR) [2] https://www.facebook.com/reel/671447599195817
 (DIR) [3] /Techno-Demo-in-Berlin/!6027001
 (DIR) [4] /The-Prodigy-Saenger-Keith-Flint-gestorben/!5578169
 (DIR) [5] https://laut.de/Jasmin-Wagner/Interviews/Ich-will-nicht-zurueck-in-die-90er-23-07-2021-1864
 (DIR) [6] https://www.plastic-bomb.eu/2019/ich-bin-ja-keine-punk-ikone-bluemchen-im-interview-zu-ihrem-auftritt-beim-ruhrpott-rodeo-2019/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Donata Künßberg
       
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