# taz.de -- Kriegsalltag in Teheran: Den Raketen und dem Regime ausgeliefert
       
       > In Iran freuen sich viele über den israelischen Angriff auf das
       > repressive Mullah-Regime. Andere sind wütend auf Israel. Alle sind
       > schutzlos.
       
 (IMG) Bild: Flucht, aber wohin? Eine Frau trägt nach israelischen Raketenangriffen ein Kind durch das nächtliche Teheran, 13. Juni
       
       Teheran taz | In einem Land, wo der Staat keine Schutzräume für seine
       Bevölkerung gebaut hat, wo sogar die Sirene eines Alarmsystems einen
       unerreichbaren Luxus darstellt, ist der Krieg vom Himmel gefallen, in die
       Häuser und Köpfe der Menschen.
       
       Nicht nur geografische Grenzen werden überschritten, sondern die Grenzen
       der Moral, der Wut und der Hoffnung. Und vielleicht ist die dringendste
       Frage für Iran heute nicht, wer angefangen hat – sondern die, was sein Volk
       noch aus den Trümmern retten kann.
       
       Während der ersten zwei Tage des Angriffs verlief das Leben in Irans
       Hauptstadt in fast unheimlich normalen Bahnen. Auf Videos war zu sehen, wie
       Menschen sich in der Stadt bewegen, Restaurants und Cafés besuchen, an
       Straßenständen einkaufen. Sogar als die Kampfjets über ihre Köpfe flogen,
       mokierten sich die Bürger über die schwache und hilflose Antwort des
       Regimes.
       
       „Wenn du dich wunderst, wie man einen militärischen Angriff gegen das
       eigene Land unterstützen kann, frag die Menschen in Nazi-Deutschland. Oder
       die Bürger von Paris unter Nazi-Besatzung. Frag sie, wie man das eigene
       Land so lieben kann, dass man eine Invasion begrüßt – weil sie der einzige
       Weg zur Rettung sein könnte.“ Saman, ein 42-jähriger Teheraner, ist nur
       einer von unzähligen Iranern, die mehr oder weniger offen die israelischen
       Angriffe gutheißen. Nicht nur trauert er nicht, sondern er sieht darin die
       letzte, möglicherweise einzige Chance auf einen Sturz der Islamischen
       Republik und den Weg zu einer neuen, säkularen und demokratischen
       Regierung.
       
       ## Das Regime antwortete mit Morden und Zwangsexil
       
       Die taz hat mit vielen Menschen gesprochen, die zum gleichen Schluss kamen:
       Die Iraner haben alles versucht – Reform, Dialog, Teilhabe – und nichts hat
       funktioniert. Jetzt bleibt nur Gewalt.
       
       Um das Jahr 2000 herum, sagen diese Stimmen, begannen die Menschen, massiv
       am politischen Prozess teilzunehmen, in der Hoffnung auf echte Reformen.
       Aber das autoritäre Regime antwortete mit Morden, Zwangsexil, Inhaftierung
       und Wahlfälschung.
       
       Ein Jahrzehnt später, im Jahr 2009, explodierte das Land in der größten
       Protestbewegung der iranischen Geschichte, der „Grünen Bewegung“.
       Protestierende demonstrierten schweigend. Sie trugen keine Waffen, nur
       Parolen und Forderungen. Die Antwort des Regimes: brutale Niederwerfung.
       
       Danach verloren viele Iraner jeden Glauben an die Wahlurne. 2018, 2019 und
       2021 gingen sie auf die Straße. Es gab Wellen des zivilen Ungehorsams und
       der Massenproteste, die den Frust offen ausdrückten. [1][Das Regime
       antwortete ausschließlich mit Repression].
       
       „Die Menschen um mich herum reagieren ganz unterschiedlich“, sagt der
       38-jährige Mohammadreza zur taz. „Manche sind in Todesangst gelähmt. Manche
       trauern und weinen ständig. Andere sind wütend und voller Hass auf Israel.
       Aber ganz ehrlich: Die meisten Leute, die ich gesehen habe, sind einfach
       glücklich. Sie feiern.“
       
       Für ihn ist dieser Krieg nicht etwas, was das Volk gewählt hat – er wurde
       ihm aufgezwungen. „Und wenn wir nach einem Schuldigen suchen, ist es die
       Islamische Republik. Nur sie.“
       
       ## Die Entwicklung einer tiefen Spaltung
       
       Doch als die Angriffe stärker wurden, kam ein Gefühl der Angst hinzu. „Die
       anfängliche Freude über die gezielten Schläge gegen die Infrastruktur der
       Islamischen Republik und hochrangiger Revolutionsgardisten wich schnell der
       Panik“, sagt der 41-jährige Hauptstadtbewohner Kian der taz.
       
       „An Tankstellen bildeten sich kilometerlange Schlangen, und jede
       Hauptstraße aus Teheran heraus wurde verstopft. Die Menschen drängelten
       sich, um andere Städte zu erreichen, vor allem im Norden, der traditionell
       als sicherer und stabiler gilt. Wegen seines bergigen Terrains ist der
       Norden nur selten Standort wichtiger militärischer oder nuklearer
       Einrichtungen.“
       
       Eine „tiefe Spaltung“ habe sich entwickelt, fährt Kian fort. Auf der einen
       Seite gibt es die, die die Militärintervention bejubeln und den
       Regimewechsel wollen – viele von ihnen sehen sich als modern und
       progressiv. Auf der anderen Seite nennen sich die Leute Patrioten,
       Kriegsgegner und Nationalisten. Der Streit ist heftig. Manchmal fühlt es
       sich so an, als sei die Stadt im Krieg nicht nur mit dem Himmel, sondern
       mit sich selbst.“
       
       Mohammadreza beschreibt die Stimmung ähnlich. „Am dritten Kriegstag sind
       die Stimmen gegen Israel lauter geworden“, sagt er. „Die Angriffe sind viel
       intensiver. Die Leute haben Angst und die Propaganda der Islamischen
       Republik über zivile Opfer hat viele überzeugt.“
       
       ## Schließungen am dritten Kriegstag
       
       Ab dem dritten Kriegstag, dem Sonntag, begannen Geschäfte und Onlinedienste
       quer durch Teheran massenhaft zu schließen. Die Regierung schloss Schulen
       und Ministerien bis auf weiteres. Es gibt keine klaren amtlichen
       Informationen über das Ausmaß der Bombenangriffe, Raketeneinschläge oder
       Drohnenangriffe. Alles bleibt im Ungewissen.
       
       „Manchmal denke ich, der Islamischen Republik ist es egal, wenn normale
       Menschen getötet werden“, sagt der 30-jährige Omid der taz. „Das hilft ihr,
       sich als Opfer zu geben, die öffentliche Aufmerksamkeit abzulenken oder für
       Vergeltungsschläge auf Israel zu werben. Vielleicht ist das der Grund,
       warum es in den Städten keine Alarmsirenen gibt und auch keine richtigen
       Schutzräume. Oder es ist einfach ein Ausdruck davon, wie kaputt der
       Staatsapparat ist.“
       
       Er fügt hinzu: „Die Menschen sind verzweifelt. Desorientiert. Zum dritten
       Kriegstag ist das Leben zum Stillstand gekommen. Die Geschäftsleute haben
       gemerkt, dass sie sich auf einen langen wirtschaftlichen Ausfall einstellen
       müssen – und angesichts des fragilen Zustands von Irans Wirtschaft könnte
       das eine Katastrophe sein.“
       
       Der 38-jährige Ali sagt: „Stress ist eine Epidemie geworden. Die Leute
       können nirgendwo Schutz finden. Es ist absurd: Die Leute versammeln sich in
       Parks, statt unter die Erde zu gehen. Sie ziehen offene Flächen den Kellern
       oder Tiefgaragen vor. Derweil wird das Filtern des Internets und die Angst
       vor einem kompletten Medienblackout unerträglich.“
       
       Die 33-jährige Tahmineh hat beschlossen, in Teheran zu bleiben. „Es gibt
       keine Schutzräume in dieser Stadt“, sagt sie der taz. „Die meisten Menschen
       versuchen, in ihre Heimatorte oder Dörfer zu fliehen. Dem Summen der
       Drohnen zuzuhören, der Raketenabwehr in Aktion zuzuschauen und
       Beruhigungspillen zu nehmen – all das gehört jetzt zu unserer
       Alltagsroutine.“
       
       Nach vier Tagen Krieg ist Iran nicht mehr das Land, das es einmal war.
       Nicht nur wegen der Bomben, sondern wegen eines allmählichen Zusammenbruchs
       des psychologischen und sozialen Zusammenhalts der Nation. In Teheran und
       darüber hinaus tut sich eine Kluft auf. Manche hoffen noch immer, dass
       dieses Feuer sich irgendwie durch die Fundamente der Tyrannei fressen und
       einen Weg zur Freiheit öffnen kann. Andere versinken in Angst,
       Realitätsleugnung und einem tiefen Gefühl des Verlassenseins, physisch und
       emotional.
       
       Aus dem Englischen: [2][<i>Dominic Johnson</i>]
       
       Die Autorin war 2024 Stipendiatin des [3][Refugium-Programms], das die taz
       Panter Stiftung jährlich ausrichtet.
       
       16 Jun 2025
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mahtab Gholizadeh
       
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