# taz.de -- Sanierung der Bahnstrecke Hamburg-Berlin: Digitalisierung kommt mit ein paar Jahren Verspätung
       
       > Die Generalsanierung der Strecke Hamburg-Berlin steht an. Aus
       > Kostengründen wird die Deutsche Bahn dabei auf die digitale
       > Modernisierung verzichten.
       
 (IMG) Bild: Zwischen Hamburg und Berlin kommt das nicht: Ein Mitarbeiter montiert im Oktober 2024 einen Bestandteil des ETCS bei Gernsheim
       
       Hamburg taz | Ein ziemlich großes Projekt bleibt es ja, das sich die
       Deutsche Bahn mit der [1][Generalsanierung der Strecke Hamburg–Berlin]
       vorgenommen hat: Die knapp 280 Kilometer lange Verbindung zwischen den
       beiden Metropolen soll ab August für ganze neun Monate gesperrt werden,
       damit sie Teil des künftigen „Hochleistungsnetzes“ wird. „Zahlreiche
       Arbeiten an Gleisen, Weichen und Oberleitungen“ will die Bahntochter DB
       Infra-Go in dieser Zeit gebündelt durchführen, auch manche Bahnsteige
       sanieren. Doch den ganz großen zukunftsträchtigen Wurf hat sie am Mittwoch
       abgeblasen.
       
       Auf der Strecke wird nun doch kein digitales Zugsicherungssystem verbaut
       werden, das einen erheblichen Kapazitätsgewinn bedeutet hätte. Und auch
       andere Vorhaben sollen in den vergangenen Planungen schon eingestampft
       worden sein.
       
       Zugsicherungssysteme sollen die Fahrten von Zügen kontrollieren, sodass sie
       nicht schneller als zulässig unterwegs sind oder Haltesignale ignorieren.
       Dies geschieht auf der Strecke zwischen Hamburg und Berlin bislang mit
       elektronischer Technik, konkret mit der sogenannten Punktförmigen
       Zugbeeinflussung (PZB) und der Linienzugbeeinflussung (LZB).
       
       Zwar noch nicht auf der gesamten Strecke, zumindest aber auf den besonders
       intensiv befahrenen ersten Abschnitten aus Hamburg und Berlin raus sollte
       stattdessen das digitale European Train Control System (ETCS) eingebaut
       werden. Der große Vorteil der Technik liegt in einem erheblichen
       Kapazitätsgewinn: Bis zu 30 Prozent mehr Züge können durch die digitale
       Taktung des ETCS verkehren. Nötig wäre das, denn täglich sind auf der
       meistbefahrenen deutschen Städte-Direktverbindung bereits bis zu 230 Züge
       mit rund 30.000 Fahrgästen unterwegs.
       
       Doch das Vorhaben wurde nun „angepasst“, wie die DB am Mittwoch mitteilte.
       Die Erfahrungen der Pilot-Generalsanierung der sogenannten Riedbahn bei
       Frankfurt am Main hätten gezeigt, wie „komplex und zeitaufwändig die
       Montage und Abnahme der neuen Technik als Doppelausrüstung mit den
       konventionellen Sicherungssystemen ist“. Zwischen Hamburg und Berlin wolle
       man deshalb auf eine „aufwändige sowie kostenintensive Doppelausrüstung“
       verzichten – vorerst: „Eine Ausrüstung mit ETCS wird in den frühen
       2030er-Jahren erfolgen.“ Immerhin sollen aber nun schon mal Stellwerke
       sowie technische Anlagen entlang der gesamten Strecke auf den zukünftigen
       Einsatz von ETCS vorbereitet werden.
       
       Damit bestätigt sich nun, was im vergangenen Jahr schon durch Recherchen
       publik wurde: Im September berichtete der Südwestrundfunk (SWR), dass die
       Bahn bei der digitalen Modernisierung sparen will. Damals bestritt der
       Konzern das noch, allerdings hatte er noch vom damaligen Verkehrsminister
       Volker Wissing (damals FDP) einen verschärften Sparkurs aufgedrückt
       bekommen. [2][Eine zeitliche Streckung der Digitalisierungsinvestitionen
       schien schon damals plausibel.]
       
       Hinzu kommt: Auch weitere Modernisierungsmaßnahmen sollen im Laufe der
       Planung abgesagt worden sein. [3][Zu diesem Schluss kamen zuletzt
       Recherchen von Nicht-Regierungsorganistaionen]: So sollten ursprünglich 20
       Überleitstellen neu- oder ausgebaut werden. Solche Weichenverbindungen
       machen den Betrieb flexibler, weil dort schnellere Züge langsamere
       überholen können. Aktuell ist von sechs zusätzlichen Überleitstellen die
       Rede, um die sich während der Generalsanierung gekümmert werden soll. Ein
       Bahnsprecher widerspricht auch auf Nachfrage, dass es eine Reduzierung im
       Laufe der Planungen gegeben habe.
       
       Für die Akzeptanz des Konzepts Generalsanierung sind das dennoch keine
       guten Nachrichten: Die komplette Streckensperrung bedeutet für Fahrgäste
       massive Umwege oder längere Fahrtwege mit Bussen. Wenn dabei aber nur noch
       eine abgespeckte Generalsanierung herausspringt, dürfte der Gegenwind für
       die weiteren Vorhaben stärker werden: Die Strecke Hamburg–Berlin ist
       schließlich erst die zweite, insgesamt sollen [4][40 besonders hoch
       belastete Streckenabschnitte mit einer Gesamtlänge von mehr als 4.000
       Kilometern vollständig saniert werden.] Schon jetzt kritisieren
       Fahrgastverbände die langen Sperrungen.
       
       Hinzu gibt ein Bahnsprecher die angestrebte Zustandsnote nur noch mit einer
       2,3 an. Aktuell liegt sie bei der Schulnote 3,7. Bei der Ankündigung im
       Frühjahr 2023, künftig nur noch auf die größeren Korridorsanierungen zu
       setzten, war jeweils mindestens eine 1,8 versprochen worden. Der Verzicht
       auf ETCS habe allerdings keinen Einfluss auf die Benotung einer Strecke,
       erklärt der Bahnsprecher.
       
       Für die Generalsanierung der Strecke Hamburg–Berlin bedeutet das immerhin:
       Die Wahrscheinlichkeit, dass die angepeilten Kosten von 2,2 Milliarden Euro
       eingehalten werden, ist durch den Verzicht auf ETCS immerhin gestiegen. Und
       auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Bauarbeiten pünktlich enden. Indes:
       Die nächste große Sperrung für den ETCS-Einbau steht schon, bevor die erste
       Generalsanierung überhaupt begonnen hat.
       
       23 May 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.deutschebahn.com/de/presse/pressestart_zentrales_uebersicht/Hamburg-Berlin-DB-vergibt-planmaessig-letzte-Bauauftraege-fuer-Generalsanierung--13379814#
 (DIR) [2] /Medienbericht-zu-Sparmassnahmen/!6035117
 (DIR) [3] https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190766.pendlerverkehr-bahnstrecke-berlinnhamburg-das-chaos-droht.html
 (DIR) [4] /Wichtige-Bahnstrecke/!6023237
       
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 (DIR) André Zuschlag
       
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