# taz.de -- Krieg im Gazastreifen: Mühevoller Gleichmut
       
       > Wem das palästinensische Leid egal ist, der kann nicht glaubwürdig gegen
       > Rassismus sein. Eine Gewissensprüfung würde gerade der Linken gut
       > anstehen.
       
 (IMG) Bild: Wieder waren Kinder unter den Todesopfern der israelischen Bombardierungen im Gazastreifen am Wochenende
       
       Die meisten Dinge des Lebens erfordern anstrengende Arbeit. Es erfordert
       Anstrengung, eine Familie zu ernähren und Freundschaften
       aufrechtzuerhalten. Ein Haus zu bauen oder auch ein Haus zu zerstören,
       erfordert Anstrengung. Vor allem aber erfordert es unfassbare Anstrengung,
       gleichgültig zu bleiben. Diese Arbeit wird nicht nur von
       Politiker*innen verrichtet, sondern von uns allen. Gleichgültig, dass
       Menschen sterben, und gleichgültig, dass wir als Nation daran beteiligt
       sind.
       
       Aber auch die Gleichgültigkeit gegenüber dem wirklichen Ausmaß der vielen
       Gewalttaten, an denen Deutschland historisch beteiligt war. Die
       anstrengende Arbeit der Gleichgültigkeit hat mehrere Schauplätze. Zum einen
       die sehr konkrete Arbeit des Zusammenbaus der Waffen in den Fabrikhallen
       der Republik, die dann andernorts Infrastruktur und Leben zerstören. Zum
       anderen ist da die unschärfere, weniger klar erkennbare Arbeit des
       Sich-gleichgültig-Machens, während Menschen sterben.
       
       Teil dieser zweiten Arbeit ist auch die Gleichgültigkeit gegenüber der
       Tatsache, dass das eigene Weltbild genau die Entmenschlichung enthält, die
       auf ironische Weise auch den Kern von Antisemitismus und Rassismus
       ausmacht. In dem Moment, in dem jegliche Kritik Israels durch den
       Antisemitismusvorwurf unmöglich gemacht wird, wird auch jegliche
       Staatsgewalt in die Ecke des Unkritisierbaren geschoben.
       
       Selbst dass Palästinenser*innen als „Tiere“ bezeichnet werden, kann
       dann nur als bedauerlicher Einzelfall und nicht als systematische
       Entmenschlichung gesehen werden. All dies mit dem Vorwurf des
       Antisemitismus vor Kritik zu schützen, funktioniert nur, wenn nicht alles
       Leben als schützenswert gesehen wird. Ein wesentlicher Teil der
       Gleichgültigkeitsarbeit besteht darin, die Folgen dieser Entmenschlichung
       unsichtbar zu machen und all die geschundenen Körper und die Zerstörung von
       unseren Bildschirmen verschwinden zu lassen.
       
       ## Feministische Außenpolitik und Waffenlieferungen
       
       Während Israel Gaza systematisch aushungert, verschwindet die Gewalt
       systematisch aus den deutschen Medien – eine absolute Schande. Gleichgültig
       gegenüber dem Leid anderer zu bleiben, ist also kein passiver Zustand,
       sondern erfordert mühevolle Arbeit an einem Fundament für ein Haus, das vor
       allem der eigenen Abschottung dient und deren Wände aus einer wattierten
       Ignoranz gegossen werden.
       
       Wir sind nun mit der erschreckend klaren Tatsache konfrontiert, dass Israel
       seit dem [1][7. Oktober 2023] im Gazastreifen mindestens 50.000 Menschen
       tötete und dass dies nicht nur [2][mithilfe von deutschen Waffen] geschah,
       sondern auch von der Mehrheit der Deutschen – inklusive vieler vermeintlich
       Linker – entweder toleriert oder sogar als notwendig angesehen wird. Diese
       Tatsache kann auch jegliche rhetorische Gymnastik nicht verstecken.
       
       Aber es scheint, dass sich ein Großteil der deutschen Linken nicht mal zu
       der Einsicht durchringen kann, dass auch die Menschenwürde der
       Palästinenser*innen unantastbar ist. Ob „universelle“ Rechte für alle
       gelten, ist eigentlich keine besonders interessante Frage, denn man braucht
       nur einen kurzen Blick in das Geschichtsbuch zu werfen, um zu erkennen,
       dass dies noch nie der Fall war. Welche Frauen meinte Ex-Außenministerin
       [3][Annalena Baerbock mit ihrer feministischen Außenpolitik], während sie
       Waffenlieferungen an Israel genehmigte.
       
       Das Problem ist natürlich nicht nur die offensichtliche Doppelmoral
       Baerbocks und die Aushöhlung des Feminismusbegriffs, sondern dass so viele
       vermeintlich Linke dem so gleichgültig gegenüberstehen. Tagtäglich wird
       also an diesem Haus der Gleichgültigkeit gewerkelt, das anscheinend die
       deutsche Nation beherbergen soll und über dessen Eingang Orwells bekanntes
       Zitat als Schriftzug hängen könnte: „[4][Alle Tiere sind gleich, aber
       manche sind gleicher.]“
       
       ## Minderjähriger „Kollateralschaden“
       
       Wie viele relativierte Tote stecken in den Mauern dieses Hauses?
       Mitläufer*in zu sein wird oft fälschlicherweise als ein passiver Zustand
       beschrieben. Zu laufen heißt jedoch, die eigenen Muskeln zu bewegen, und
       dies erfordert Anstrengung. Während sie gerade aktiv einen Schleier der
       Gleichgültigkeit über Deutschland legen, fragen sich manche, wie können wir
       den Faschismus stoppen?
       
       Mit Schrecken und bürgerlicher Empörung wird auf den globalen Rechtsruck
       hingewiesen, ohne zu erwähnen, dass Donald Trump zuallererst auf
       propalästinensische Aktivist*innen zielte. Oder dass der israelische
       Ministerpräsident Benjamin [5][Netanjahu die Rechtsextremen Europas] nach
       Jerusalem einlädt. Und Personen, die denken, sie könnten einerseits
       Menschen, die in Krankenhausbetten verbrennen oder Kinder deren zerfetzte
       Körper an Wänden hängen, zu „Kollateralschaden“ erklären, wollen im
       gleichen Atemzug vor aufsteigendem Rassismus in Deutschland warnen.
       
       Aber ist die menschenverachtende Gleichgültigkeit einmal mühevoll
       erschaffen, lässt sie sich schwer wieder ablegen. Und so stellt sich am
       Ende nicht nur die Frage, welche Arbeit es erfordert, gleichgültig zu
       bleiben, sondern auch, welche Arbeit diese Gleichgültigkeit leistet. Was
       macht das mit einer Gesellschaft? Wenn es schon als radikal bezeichnet
       wird, darauf hinzuweisen, dass es sich in Palästina um Menschen handelt,
       dann ist die Frage, in welchem Wahnsinn sich die deutsche Öffentlichkeit
       befindet. Und wohin diese Gleichgültigkeit führt.
       
       Worte von links, die an Solidarität und Verantwortung appellieren und
       gleichzeitig aktiv Menschen ihr Menschsein absprechen, klingen jeden Tag
       hohler für all jene, denen [6][die Palästinenser*innen] nicht
       gleichgültig sind. Für andere wiederum bereitet diese kognitive Dissonanz
       von links das perfekte Sprungbrett, um in Deutschland die eigenen Formen
       der Entmenschlichung voranzutreiben. Dieses Haus, das auf dem Fundament der
       Gleichgültigkeit und moralischem Bankrott entsteht, ist ein grundlegend
       instabiles, egal wie viel Arbeit darin steckt.
       
       12 May 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /7-Oktober---ein-Jahr-danach/!6034819
 (DIR) [2] /Waffenexporte-nach-Israel/!6069183
 (DIR) [3] /Konflikt-um-feministische-Aussenpolitik/!6042920
 (DIR) [4] https://www.deutschlandfunk.de/george-orwells-animal-farm-schweine-sind-auch-nur-menschen-100.html
 (DIR) [5] /Israelisch-ungarische-Freundschaft/!5946751
 (DIR) [6] /Ausweitung-des-Gaza-Krieges/!6086552
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Aisha Kadiri
       
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