# taz.de -- Politik für die Zukunft: Warum ist Robert Habecks Politikstil gescheitert?
       
       > Echte Zukunftspolitik bringt Kollateralschäden mit sich. Es mangelt
       > derzeit an einer gesellschaftlichen Kultur für zeitgemäße Politik.
       
 (IMG) Bild: Politikstil mit Zuversichtsansatz erst mal gescheitert: Robert Habeck nach der Entlassungs-zeremonie, Berlin, 25. 3. 2025
       
       Als Barack Obama Präsident wurde, war ich so begeistert vom Stil dieses
       Politikers, dass ich ein paar Tage ernsthaft dachte, nun würde die Welt
       atomwaffenfrei, die freiheitlich-emanzipatorische Kultur würde sich global
       durchsetzen und so weiter. Das lag vermutlich daran, dass ich eine
       Überdosis Post-68er-Kultur intus hatte, die von Geringschätzung der
       parlamentarischen Politik und demokratischen Mehrheiten geprägt war.
       
       Und die Lösungen stets im Gegenmodell suchte, Politiker, die „anders“ sein
       sollten, dem reflexhaften Ruf nach der „Zivilgesellschaft“ und
       übernatürlichen Kräften, die alles schaffen, wenn die Guten sich
       zusammenfinden. Wie ein Sprecher im Schlamm von [1][Woodstock] sagte: „Wenn
       wir uns richtig anstrengen, dann können wir diesen Regen vielleicht
       stoppen!“ Dann riefen alle: „No rain, no rain.“ Yeah! Selbstverständlich
       goss es in Strömen weiter, aber das ignorierten wir.
       
       Jedenfalls hat Barack Obama einen politischen Stil weiterentwickelt, der
       1960 mit John F. Kennedy begann. Es war die Ablösung des
       militärisch-autoritären Stils durch einen, der die Bereitschaft zur
       politischen Öffentlichkeit und zur Mitsprache bezeugte, wie man nachlesen
       kann in Ole Meinefelds neuem Buch „[2][Das Wagnis der Öffentlichkeit.
       Politische Stile bei Hannah Arendt]“. Von Willy Brandt („Mehr Demokratie
       wagen“) bis Winfried Kretschmann („Politik des Gehörtwerdens“) folgte
       dieser Stil der Liberalisierung der westlichen Gesellschaften.
       
       Obamas Stil aber war solitär, weil er auf eine einzigartige Weise
       politische Ernsthaftigkeit und popkulturelle Lässigkeit verband. Obama war
       der ästhetische Höhepunkt der Geschichte, die wir als unsere verstanden
       haben. Aber er markierte auch ihr Ende.
       
       ## Kein Vertrauen in die Bürger
       
       In Deutschland war es gleichzeitig so, dass weder Angela Merkel noch Olaf
       Scholz auch nur einen Funken Vertrauen in uns Bürger hatten. Ihr Stil
       beruhte darauf, möglichst nicht zu sprechen, weil – so die Einschätzung –
       man uns Wohlstandsbürgern Wahrheit nicht zumuten durfte, sonst würden wir
       sauer und sie sofort abwählen. Merkel gelang es, ihre Defizite (null
       Charisma, null rhetorische Begabung) in eine Marke und Stärke umzudeuten,
       Scholz nicht.
       
       Und dann kam der Kanzlerkandidat [3][Robert Habeck] mit einem
       außergewöhnlichen Wagnis.
       
       Ein selbstreflexiver, stets auf die Komplexität der Gegenwart hinweisender
       Stil, mit einem antidystopischen, antipolarisierenden und überparteilichen
       Zuversichtsansatz: Das war der Versuch, neue Allianzen für die Lösung neuer
       Probleme zu gewinnen. Obwohl Habeck gerade durch diesen Stil hohe
       persönliche Popularitätswerte hat, ist der Ansatz bei der Bundestagswahl
       gescheitert. Warum – und was folgt daraus?
       
       Eine Möglichkeit wäre, dass Merkel und Scholz einen Punkt haben und es
       Habecks Problem war, dass er ansatzweise echte Zukunftspolitik machen
       wollte, die auch Kollateralschäden mit sich bringt. Für ernsthafte Politik
       auf der Höhe der Zeit und Bereitschaft, mit ihren Nachteilen umzugehen,
       gibt es in den liberalen Demokratien des Westens (noch) keine
       gesellschaftliche und politische Kultur.
       
       ## Wo bleibt echte Zukunftspolitik?
       
       Die Frage ist, welcher Politikstil dazu beitragen kann, die Bundesrepublik
       in eine neue Geschichte zu führen. Eine, die positiv über Nationalstaat,
       Sozialdemokratismus und Erweiterung individueller Rechte hinausweist. Eine,
       die Freiheits- und Sicherheitsgewinne schützt, aber neue Pflichten als
       Investition in eine gemeinsame Zukunft akzeptiert. Die den Einzelnen und
       die Gesellschaft nicht ideologisch überfrachtet, aber auch nicht moralisch
       unterfordert.
       
       Merz, Klingbeil, Söder, Esken, Reichinnek, Dröge? Wenn man in dieser
       Hinsicht die kommenden Protagonisten in Regierung und Opposition scannt,
       dann landet man schnell wieder bei Robert Habeck.
       
       30 Mar 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /50-Jahre-Woodstock/!5614436
 (DIR) [2] https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wissenschaft/philosophie/das_wagnis_der_oeffentlichkeit-18501.html?srsltid=AfmBOoogDqfsT-eMsmOiQFQdpMq49GwmEhv6TiJ_7cRYdsuSZ_4c-uvf
 (DIR) [3] /Gruener-Wirtschaftsminister/!6003076
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Unfried
       
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