# taz.de -- Berliner Literaturmagazin Delfi: Welt spielen
       
       > Die neue, vierte Ausgabe des Literaturmagazins „Delfi“ nimmt
       > sprachgewaltig die Wirklichkeit in den Blick. Viele Texte behandeln
       > Grenzerfahrungen.
       
 (IMG) Bild: Ausschnitt des Covers. Gestaltung: Omar Nicolas, das Cover-Motiv ist von Wolfgang Tillmans: „birthday party, 2008“
       
       Nach „Tempel“, „Fleisch“ und „Gift“ verspricht „Spiel“, so der Titel der
       vierten Ausgabe von Delfi, dem Magazin für neue Literatur, etwas mehr
       Heiterkeit. Der Eindruck täuscht. Mit der Prämisse „Wer erzählt, spielt
       Welt“ setzen die Herausgeber:innen Fatma Aydemir, Enrico Ippolito,
       Miryam Schellbach und [1][Hengameh Yaghoobifarah] im Editorial einen
       bedrohlichen Ton. Literatur ist manipulativ, jeder Text immer auch Spiel
       mit der Wirklichkeit.
       
       Gäbe es dafür einen Musterbeitrag, lieferte ihn Raphaëlle Red. In „Das
       längste Spiel“ tritt eine schwarze Frau einer Reality-Show bei. Die Macht
       von Autor:innen entlarvt Red durch eine Erzählung, die sich selbst
       permanent aufhebt oder anzweifelt.
       
       Nach jedem Satz bietet sie mindestens eine Alternative an, inspiriert von
       „Choose Your Own Adventure“-Geschichten. Damit spielt sie der Leserin den
       Ball zurück: Sie muss sich für eine Realität entscheiden. Oder kann sie
       sich selbst dem entziehen? Die Protagonistin jedenfalls scheitert immer
       wieder, aus vorgelegten Narrativen über ihre Geschichte auszubrechen.
       
       ## Resilienz oder psychische Instabilität
       
       Zwischen Resilienz oder psychischer Instabilität kann sie wählen, Gewinnen
       scheint keine Option zu sein. Vorerst. Red gelingt eine beeindruckende
       Jonglage mit Form und Inhalt, Kritik und Witz. Eindringlich ist die Analyse
       von Rassismus und Sexismus, der, eingewickelt in Quoten-Awareness, neue,
       perfide Formen annimmt. Gleichzeitig entlockt die sassy Einstellung
       gegenüber der Wirklichkeit Lacher – mit einem weinenden Auge.
       
       Die Wirklichkeit bleibt auf Kipp, die Sehnsucht nach Alternativen
       sprachgewaltig und die Leserin gefordert bei Stefanie de Velasco, Melissa
       Broder und [2][Jayrôme C. Robinet.] Manche Stücke nehmen aber vor lauter
       Experimentierfreude Verwirrung zu leichtfertig in Kauf. Ein zwischen
       Telefonat und Regieanweisung schwankender Dialog von Mazlum Nergiz zwischen
       Stiefmutter und -tochter will einen halb verschwiegenen Tod aufarbeiten und
       damit zu viel.
       
       Die Illustration von Gina Wynbrandt lässt zu viel weg, wenn sie weiße
       Flächen an die Stelle von Köpfen setzt. Wirkungsvoll hingegen kreuzt
       Comiczeichnerin Marijpol in „Glamgun“ Kriegsmotive mit Herz-Emojis und der
       Cancel-Culture-Debatte. Dasselbe gelingt Miedya Mahmod in der Gedichtreihe
       „Anything not saved will be lost“ mit „Webcore“-Ästhetik und Kinderlyrik.
       Wenngleich unter dem „Stream of Consciousness“ verkopftere Projekte
       durchscheinen, die nicht immer ankommen.
       
       ## Zerfressende Mehrstimmigkeit
       
       Insgesamt ist die thematische Spielwiese eher grau als bunt. Im
       Notizenformat fächert Sandra Gugić anhand von verschiedenen
       Protagonist:innen einen vermutlich autobiografischen Israel-Aufenthalt
       auf. Sie alle setzen ein neues Puzzleteil in das Bild vom Gaza-Konflikt.
       Nur dass das Puzzle schon im Titel nicht aufgeht: „Es gibt keine
       Chronologie, nur die Unvollständigkeit der in Arbeit befindlichen
       Gedanken.“ Unter der zerfressenden Mehrstimmigkeit leidet das Schweigen der
       Erzählerin, das auch im Text droht zu laut zu werden und trotzdem real ist.
       
       Aus der Reihe kopfzerbrecherischer Spiele tanzen die Liebesgeschichte von
       Chris Kraus, die nicht Liebesgeschichte sein will, und die kaffeesippende
       Meditation über Bügeln als Hobby von [3][David Wagner.] Theresia
       Enzensberger liefert eine interessante, nüchterne Untersuchung über den
       indigenen Stamm der Seminolen, die in Florida erfolgreich Casinos führen.
       
       Mit einem Drama über Medea erweitert [4][Nino Haratischwili] die
       Genrevielfalt. Ihre Ode an das Pathos ist eindrücklicher zu hören als zu
       lesen. Der US-amerikanischen Schriftstellerin Claudia Rankine begegnet man
       leider nur im Interview. Immerhin erfährt man etwas über ihre
       Schreibroutine, die um 3.30 Uhr morgens startet, was nicht so lustig
       klingt. Aber das Schreiben ist ja auch kein Kinderspiel.
       
       14 Mar 2025
       
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