# taz.de -- Gedenkjahr für Umm Kulthum in Ägypten: Auch die Nächte gehören ihr
       
       > Ägypten hat 2025 zum Gedenkjahr für die legendäre Sängerin Umm Kulthum
       > deklariert. Was macht ihre Sangeskunst so besonders?
       
 (IMG) Bild: Umm Kulthum als Statuette. Auf einem Basar im Viertel Khan-al-Khalili von Kairo
       
       Wenn man gegenwärtig auf den wuseligen Straßen Kairos unterwegs ist, kommt
       man um eine Frau nicht herum: Umm Kulthum. Die Künstlerin, deren Todestag
       sich 2025 zum 50. Mal jährt, ist auch Dekaden nach ihrem Ableben sehr
       präsent und tief in das ägyptische Alltagsleben eingeschrieben.
       
       Um den Status der Sängerin in Worte zu fassen, die in einer singulären
       sechzigjährigen Karriere die arabische Welt durch ihre Musik einte, hilft
       ein Blick auf ihren Kosenamen [1][„Die vierte Pyramide Ägyptens“. Das lässt
       den Einfluss der Sängerin erahnen.]
       
       Da überrascht es nicht, dass das ägyptische Kulturministerium vor Kurzem
       2025 zum „Jahr von Umm Kulthum“ erklärte. „Wir wollen ihren Spirit als
       künstlerisches und kulturelles Phänomen wiederbeleben“, schreibt
       Kulturminister Ahmed Hanno in einer Pressmitteilung und erläutert ein breit
       gefächertes Programm.
       
       ## Vermächtnis in Playlists
       
       Die Kairoer Buchmesse widmete Umm Kulthum bereits eine Sektion und in den
       kommenden Monaten stehen Konzerte, Workshops, Filmvorführungen und Seminare
       im ganzen Land an. Außerdem sollen in einem von der Kairoer Oper
       ausgerichteten Wettbewerb neue Gesangstalente gekürt werden. Auch der im
       Nahen Osten führende Streamingdienst Anghami fährt aktuell eine Kampagne,
       um Umm Kulthums Vermächtnis mit Playlists, exklusiven Konzertmitschnitten
       und einer Archivseite digital lebendig zu halten.
       
       [2][Wundersam klingt ihre tiefe Altstimme,] die so durchdringend war, dass
       die Künstlerin bei ihren vom Radio übertragenen Konzerten mehrere Meter
       entfernt vom Mikrofon positioniert werden musste. Kulthums Gesang wirkte
       emotional, sodass Seufzer und ihr stockender Atem quasi spürbar wurden.
       
       Eine Stimme, die die Ägypter:Innen auch heute noch berührt. So tönt Umm
       Kulthums Gesang wie zu Lebzeiten aus den Musikanlagen von Geschäften und
       aus den Taxiradios auf den Straßen Kairos. Die circa 300 von ihr
       aufgenommenen Stücke für Orchester und Gesang, die von arabischen Dichtern
       und Komponisten in Auftragswerken für Umm Kulthum kreiert wurden, drehen
       sich größtenteils um die Liebe und das Land.
       
       ## Leicht abgewandelt
       
       Dass sie sich auf der Bühne von ihren Gefühlen leiten ließ, Strophen
       mehrfach und leicht abgewandelt in neuen Melodien wiederholte,
       improvisierte und dabei auf das Publikum einging, hat sich bis in die
       Gegenwart als Merkmal ihrer Konzerte erhalten. Es ist einer der Gründe,
       warum manche Stücke von Umm Kulthum sogar die Stundenmarke überschritten.
       
       Auch ihre Erscheinung war markant. Auf Graffiti in den Straßen Kairos
       entdeckt man neben Gemälden von ägyptischen Fußballstars immer wieder ihr
       Antlitz, die Augen hinter ihren typischen dicken Sonnengläsern versteckt
       und das Profil von pompösen Bouffantfrisuren gekennzeichnet. Auch das Tuch,
       das sie bei Auftritten immer in einer Hand hielt, wurde auf der Insel
       Zamalek, wo sie wohnte, in einer Skulptur verewigt.
       
       Dass sich Millionen Menschen im arabischen Raum bis heute mit ihr
       spirituell verbunden fühlen, liegt aber an Umm Kulthums Lebenslauf. Sie
       gab sich als eine von ihnen aus. Anfang des 20. Jahrhunderts, vermutlich
       1904, wurde sie als Fatima Ibrahim al-Baltagi in Tamay al-Zahayrah geboren.
       
       ## Wandersänger am Nildelta
       
       Sie war Tochter eines Imams und einer Hausfrau und wuchs in einfachen
       Verhältnissen auf. Weil ihr Vater in dem Dorf am Nildelta das Einkommen als
       Wandersänger aufstockte, kam Umm Kulthum schon früh mit melodiösen
       Koranzitationen in Berührung.
       
       Geschult im Tadschwid, der korrekten Buchstabenaussprache, ahmte sie die
       Melodien nach und ließ ihr Gesangstalent erahnen. Obwohl die geistlichen
       Lieder traditionell nur von Sängern vorgetragen wurden, nahm ihr Vater sie
       bei Auftritten mit und merkte, wie talentiert sein Kind war.
       
       „Die Vorstellung, dass seine Tochter vor Männern singen sollte, die er
       nicht kannte, war schwer für meinen Vater zu akzeptieren, aber mein Gesang
       half, die Familie zu ernähren“, hört man die Gedanken der Sängerin dazu in
       dem Dokumentarfilm „Umm Kulthum: A Voice like Egypt“.
       
       ## Größere Bühnen
       
       Ihr Vater war es auch, der ihr den Künstlerinnennamen in Anlehnung an die
       dritte Tochter des islamischen Propheten Mohammed gab. Während sich ihr
       Talent herumsprach und Umm Kulthum Aufträge für größere Bühnen bekam, zog
       ihre Familie Anfang der 1920er Jahre nach Kairo, wo sich ihre Erfolge
       fortsetzten.
       
       Nach dem Tod des Vaters 1931 begann sie für die damals neuen Medien
       Rundfunk und Film zu arbeiten und für Konzerte auch in die Nachbarländer zu
       reisen. Die monatliche Rundfunkübertragung ihrer Konzerte am ersten
       Donnerstag eines Monats wurde schließlich zum Event, das der ganze
       arabische Raum vor den Radios lauschend verfolgte.
       
       [3][Umm Kulthums politisches Engagement gehört in Ägypten zur Folklore.]
       Noch bevor er die ägyptische Revolution 1952 anführte, war Umm Kulthum mit
       dem späteren Präsidenten Gamal Abdel Nasser befreundet. Zu der Zeit wurden
       ihre Werke patriotischer und politischer, was die Bewegung des Panarabismus
       prägte, der nicht nur auf Ägyptens Unabhängigkeit zielte, sondern als
       Sonderform des arabischen Nationalismus ein Gefühl für eine arabische
       Kulturnation mit den umliegenden Ländern umfasst.
       
       Dass Umm Kulthum nach dem verlorenen Sechstagekrieg im Juni 1967
       eigentlich anonym für die Unterstützung des besiegten ägyptischen Heeres
       Geld spendete, wurde zu einem Wendepunkt im Land und entwickelte sich zum
       wahrscheinlich größten Fundraiser in der ägyptischen Geschichte.
       
       Mit ihrer spontan organisierten Konzerttournee durchs ganze Land sammelte
       Umm Kulthum nicht nur Spenden in Millionenhöhe, sondern auch Kilos von
       Gold. Sie verstand ihre Rolle als „Influencerin“ in einer vulnerablen
       Dekade ihres Landes und trug maßgeblich dazu bei, die hoffnungslose
       Stimmung nach dem Krieg entscheidend zu beeinflussen.
       
       Dass sie ihre zwei Pariser Konzerte wegen der Fundraisingtour verschob und
       auch ihre Gage aus Frankreich spendete, rechnen ihr die Ägypter bis heute
       hoch an. So gilt Umm Kulthum nicht nur als Ausnahmesängerin, sondern auch
       als politisch engagierte Künstlerin. Da überrascht es nicht, dass auch die
       Nächte ihr gehören. Schaltet man in Kairo nach 23 Uhr den Radiosender Al
       Aghani an, hört man nur sie. Bis heute wird dort täglich bis in die
       Morgenstunden ausschließlich Musik von Umm Kulthum gespielt.
       
       13 Mar 2025
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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