# taz.de -- Anarchischer Film aus Hamburg: Eine anarchistische Nummernshow
       
       > Pachet Fulmens Langfilm „Durch die Nacht mit Wanda Wandalis“ ist ein
       > wildes Vergnügen. Auch wenn ihr Dietrich Kuhlbrodt darin fast die Schau
       > stiehlt.
       
 (IMG) Bild: Auch ein Wannenband sorgt im Wanda Wandalis-Film nicht für pure Entspannung
       
       Dies sei ein „Film, in dem nichts passiert“. So spricht Pachet Fulmen in
       ihrem eigenen Film „Durch die Nacht mit Wanda Wandalis und die Krossen
       Kerle“, bei dem sie für Idee, Buch, Regie, Zeichnungen, Animation, Styling
       und einen Teil der Musik verantwortlich ist und natürlich auch noch die
       Titelrolle spielt. „Mein erster Kunstfilm“ nennt sie ihn dann etwas später.
       
       Beide Sätze wurden mal dahingesagt, als gerade eine Kamera lief und ein
       Mikro offen war. Und beim Schnitt blieben sie dann drin – einfach, weil sie
       witzig sind. Und [1][so fröhlich mutwillig] werden in dem Film auch sonst
       Stile und Inhalte zusammengeworfen, Regeln des ordentlichen Filmemachens
       ignoriert und das genutzt, was während den Dreharbeiten halt gefunden
       wurde.
       
       Das gilt auch für den Titel: „Die Krossen Kerle“ ist der Markenname jener
       Kartoffelchip-Sorte, die Dietrich Kuhlbrodt gerne isst. Und weil [2][Pachet
       Fulmen als die Kunstfigur Wanda Wandalis] in ihrem Film eine ganze Reihe
       von sich mehr oder weniger machohaft gebärdenden Männern trifft, passen die
       „Krossen Kerle“ perfekt in den Titel.
       
       Und ja, Dietrich Kuhlbrodt, [3][das Gesamtkunstwerk und Enfant Terrible der
       Hamburger Justiz], dessen Filmporträt „Nonkonform“ gerade in den Kinos
       angelaufen ist, spielt auch mit im dem Film.
       
       ## Ein Akteur aus Schlingensiefs Erbmasse
       
       Er droht in der ersten Viertelstunde des Films Pachet Fulmen tatsächlich
       die Show zu stehlen, weil er eine begnadete Rampensau ist und keine
       Hemmungen hat, vor der Kamera das von Wanda Wandalis verführte Männchen zu
       geben, nach ihren Brüsten zu lechzen und sexuelle Handlungen zu simulieren.
       
       Den Kuhlbrodt hat Pachet Fulmen sozusagen von Christoph Schlingensief
       geerbt, dessen geplant chaotischer Art des Filmemachens sie hier nacheifert
       und in dessen Filmen und Performances Kuhlbrodt immer wieder gerne die Sau
       raushängen ließ.
       
       In „Durch die Nacht mit Wanda Wandalis und die Krossen Kerle“ droht er eine
       Zeitlang die Regisseurin bei ihrem Langfilmdebüt mit seiner Energie und
       Frechheit zu überrennen. Aber spätestens beim Schnitt hat sie wieder das
       Sagen, und so schaut Kuhlbrodt ziemlich bedröppelt in die Kamera, wenn
       Pachet Fulmen ihm mitteilt, gerade würde die letzte Einstellung mit ihm
       gedreht.
       
       Denn der Hauptgang des Films ist der im Titel versprochene Bummel „durch
       die Nacht“, bei dem Wanda Wandalis eine ganze Reihe von Jungs und Männern
       trifft, die ihr vor die Füße fallen. Mal in einer Bomberjacke, mal in
       extrem hochhackigen Schuhen (in denen Pachet Fulmen nach eigenem Bekunden
       ständig umzuknicken drohte) trifft sie Sportwagenfahrer, Esoteriker und
       HipHopper, die in ihren Songs begeistert über sie rappen.
       
       Ein Posaunenspieler spielt an einer nächtlichen Straßenecke solo eine
       Serenade für sie, und eine Gruppe von 14-jährigen TicTokern bringt sie
       dazu, ihre Handys zu begraben, in den nächtlichen Sternenhimmel zu schauen
       und gemeinsam einen Baum zu umarmen.
       
       Ursprünglich (es gibt sogar ein Drehbuch) sollte dies eine Parodie auf die
       vor einigen Jahren populären Fernsehshows sein, in denen Prominente nachts
       durch die Stadt streiften und auf andere Prominente trafen.
       
       Aber zum Glück franste dieses Konzept jetzt an den Rändern heftigst aus,
       und nun ist der Film eine anarchistische Nummernshow geworden, bei der
       ständig Animationen von Fulmens Zeichnungen über das Bild tanzen, mit denen
       mit Fritz-Kola, Always-Binden und eben den Krosse Kerle Kartoffelchips
       (unbezahlt) Product Placement betrieben wird.
       
       Und immer wieder verwandeln sich die Spaziergänge durch das nächtliche
       Hamburg in Musikvideos, von denen eines mit dem Titel „Tiefsee Baby“ bei
       der Vorstellung sogar als Vorfilm gezeigt wird.
       
       Die Multimediakünstlerin Pachet Fulmen hat sich mit ihren Ölbildern,
       Installationen, Performances und Kurzfilmen als ästhetische
       Grenzüberschreiterin einen Namen gemacht. Einer ihrer frühen künstlerischen
       Triumphe bestand darin, dass YouTube jahrelang wegen „Nacktheit“ ihren
       Kanal sperrte.
       
       ## Mit jeder Einstellung ein neuer Haken
       
       Dass sie Humor hat, beweist etwa der Titel ihres Kunstdrucks „Totale
       Fatal-Verführung eines virtuellen Fleischklopses“, der für 149 Euro über
       ihre Homepage zu erwerben ist. Komisch ist auch der neue Film „Wanda
       Wandalis“, in dem sie sich selbst [4][als Superheldin zelebriert], die im
       Sturm solche maskulinen Domänen wie das breitbeinige Sitzen erobert.
       
       Dies ist ein Film, der mit jeder Einstellung einen neuen Haken schlägt und
       bei dem es auch nicht weiter überraschen würde, wenn Wanda Wandalis sich in
       die Lüfte erheben und über das nächtliche Hamburg davonfliegen würde.
       „Vielleicht im nächsten Film.“, sagt Pachet Fulmen dazu.
       
       13 Mar 2025
       
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