# taz.de -- Ethnografie des Golden Pudel Clubs: Wummernder Tempel der Aufrichtigkeit
       
       > Die Leute wollen anders sein: Der französische Sozialanthropologe Maxime
       > Le Calvé hat eine Ethnografie des Golden Pudel Clubs in Hamburg verfasst.
       
 (IMG) Bild: Die Pudel-Resilienz ist Legende. Der Club brannte 2016 und wurde danach mühsam wiederaufgebaut. Das Foto entstand 2019
       
       Maxime Le Calvé empfängt mich mit strahlendem Lächeln, ein Baby in einer
       Trage vor dem Bauch schaukelnd. Der promovierte Sozialanthropologe befindet
       sich zu Hause in Berlin, ich sitze im nebelgrauen Hamburg, gar nicht weit
       entfernt vom Golden Pudel Club, den Gegenstand, über den wir gleich
       sprechen werden. Während des Zoomgesprächs hüpft Le Calvé unermüdlich auf
       und ab, um jeweils einen seiner beiden Zwillinge in der Trage bei Laune zu
       halten. Stressen lässt er sich von diesem Multitasking nicht. Eher wirkt es
       so, als könne er sein Glück über all das gar nicht fassen. Man möchte
       sofort eine Club Mate trinken mit ihm am Pudeltresen – es war Le Calvés
       Getränk der Wahl, als er hier seine erste Feldforschung betrieb.
       
       Die Verzauberung wirkt immer noch. Das wird sofort klar, wenn der Franzose
       berichtet über diesen Ort und diese Zeit im Pudel, die er in seiner 2012
       eingereichten Masterarbeit dokumentiert hat. Zwölf Jahre später ist seine
       Studie über den Pudelcub in Hamburg-Sankt Pauli auch in Buchform
       erschienen. Die Gelegenheit habe sich einfach ergeben, erklärt der Autor,
       der an der HU in Berlin am Exzellenzcluster „Matter of Activities“ forscht.
       Und doch hat man das Gefühl, dass es vielleicht noch mehr zu sagen gäbe,
       wenn es sich denn greifen ließe.
       
       Bemerkenswert auch, dass die „Golden Pudel-Ethnographie“ eine sehr gute
       Lektüre-Ergänzung bildet [1][zum nahezu zeitgleich erschienenen „Pudels
       Kern“, Teil zwei der Autobiografie des großen (auch) literarischen
       Hansestadt-Punks Rocko Schamoni.] Zufall? Synchronizität? – Egal.
       
       ## So cool wie die Leute vom Pudel
       
       Wir springen zurück in jene Zeit, in der Le Calvé sich dem
       identitätsstiftenden Moment des Pudels nicht entziehen konnte. „Ich war
       2010 unterwegs auf St. Pauli als junger Mann, der cool sein wollte, so cool
       wie die Leute vom Pudel“, erinnert er sich. „Langsam verstand ich aber,
       dass die nicht so sein wollten wie andere und dass ich also lieber ich
       selbst werden sollte.“ Einen wichtigen Anteil seiner Selbstwerdung hatte
       die Atmosphäre des Pudels, die Le Calvé zum Dreh- und Angelpunkt seiner
       ethnographischen Untersuchung machte. „Die ästhetischen Arbeiter*innen
       des Pudels werden selbst von der Atmosphäre getragen und sind eins mit
       ihr“, schreibt er. Auch Le Calvé tauchte ein in diese Atmosphäre und
       schöpfte das Seine ab.
       
       Leicht gemacht haben die coolen Leute vom Pudel ihm das anfangs nicht. Der
       neugierige Student wurde skeptisch beäugt, etwa von Mitbetreiberin
       Charlotte Knothe: „Warum fragst du die Leute aus?“ Pudelaner:Innen sind
       keine Peoplepleaser. Le Calvé weiß das zu schätzen, denn es ist ein
       wesentlicher Grund dafür, dass die Atmosphäre im Club über all die Jahre
       als fruchtbares Feld von Subkultur weiter wuchern konnte. Nicht ungestört,
       aber strukturell und inhaltlich doch nie beeinträchtigt durch das
       Establishment und den Kommerzdruck, beides wächst rings um den Club weiter.
       „Das pudel-typische Werk muss nicht perfekt sein, um erfolgreich zu sein,
       es sollte sogar unvollkommen sein, um gelungen zu sein“, analysiert Le
       Calvé in seinem Buch.
       
       Ein Zusammenspiel zwischen Atmosphäre, Identität(en) und Werk wird
       modellartig dargestellt, der entsprechende Jargon gehört dazu. Le Calvés
       Arbeit ist aber nicht nur eine wissenschaftliche Untersuchung, sie ist auch
       ein farbenfroher Abriss über die Geschichte des Ladens, der für viele die
       Welt bedeutet. Lebendige Schilderungen pudel-typischer Szenen sowie vom
       Autor retrospektiv angefertigte, colorierte Feldzeichnungen reichern die
       Analyse mit – ja – Atmosphäre an und eröffnen verschiedene Zugänge zum
       Phänomen Pudel. Grafiken von Hausillustrator Alex Solman fügen eine
       zusätzliche künstlerische Dimension hinzu.
       
       ## Geblieben ist die Punk-Haltung
       
       „Zwölf Jahre gehen so schnell vorbei“, seufzt Maxime, der inzwischen den
       Zwilling im Tragegurt gewechselt hat. Manches hat sich seither verändert,
       vieles aber auch nicht. Geblieben etwa ist die von den Pionieren Rocko
       Schamoni („Dorfpunks“) und Schorsch Kamerun (Die Goldenen Zitronen)
       injizierte Punk-Haltung, die in allen Pudelhandlungen und -kreationen
       mitschwingt – als geistiges Fundament, wenn auch die musikalische
       Entwicklung zu großen Teilen ins Elektronische weiterfloss.
       
       Geblieben sind auch Charlotte Knothe, Ralf Köster und Viktor Marek, die
       nach dem Verlust von Norbert Karl, dem 2004 verstorbernen dritten
       Pudelbetreiber, das Ruder übernahmen. Als (be)treibende Kräfte wuppten sie
       den Pudel durch sämtliche Krisen der vergangenen 20 Jahre. Ja, der Pudel
       brannte 2016 ab, wurde danach mühsam wiederaufgebaut und schritt erhobenen
       Hauptes mit neuem Dach weiter. Er schleppte sich durch Coronapandemie und
       Inflation, ächzend wie alle anderen. Die Pudel-Resilienz ist Legende, aber
       solche Überlebenskämpfe kosten auch Kraft. Ja, an manchen Tagen ist der
       Pudel müde, doch er ist golden geblieben und spinnt sein ewig funkelndes
       Netzwerk weiter.
       
       Aktuell konnte Ralf Köster etwa [2][das feministische Hamburger
       HipHop-Kollektiv Bangerfabrique davon überzeugen, als Resident DJs
       einzusteigen,] „weil das der heiße Scheiß ist.“ Einstand wird am 13.
       Februar gefeiert. [3][Geblieben ist auch Ulli Koch, als graue Eminenz und
       Mann für die Sauberkeit am Morgen danach. Seinen Abschied von der
       Pudel-Weltbühne hat der Neffe von Norbert Karl allerdings schon im November
       2024 gefeiert, mit einer letzten Lesung aus seiner Autobiografie „Ulli,
       illegal“ (2020).]
       
       Maxime Le Calvé ist dagegen wieder fortgegangen. Darüber wunderte sich
       Charlotte Knothe lustigerweise am meisten. Trotz anfänglicher Skepsis hat
       auch sie erkannt, wie bestechend schlüssig der junge Wissenschaftler und
       seine Arbeit sich in das Netzwerk Pudel eingewoben haben. Ein weiteres
       Puzzleteilchen, das noch fehlte und also andocken musste, sich dann wieder
       löste und, mit goldener Pudelkraft geladen, weiter düste, um neue, ganz
       eigene Bahnen zu zeichnen.
       
       ## Werden und Vergehen
       
       In Berlin schloss Le Calvé seine Doktorarbeit über den Künstler Jonathan
       Meese ab. Den Schlüssel zu diesem Thema hat er – natürlich – vorher im
       Pudel gefunden. Genau da möchte er auch bald sein Buch vorstellen, dazu
       seine Zeichnungen als großformatige Drucke an die Wände hängen, vielleicht
       ein paar Songs spielen, gerne zusammen mit Viktor Marek. Im Frühling könnte
       er die Zeit dazu finden. Die Arbeit als Vater von dreien und
       Post-Graduate-Forscher an der Humboldt-Universität halten ihn auf Trab.
       
       Zuletzt hat er den Pudel im Sommer 2023 besucht. [4][Patricia Wedler alias
       DJ Patex, eine langjährige Pudelfreundin, war damals nach langer Krankheit
       verstorben. Zu Wedlers Ehren kam die alte Gang auf der Terrasse zusammen,]
       Wedlers Band School of Zuversicht spielte an diesem Tag zum letzten Mal,
       ohne ihr Zentralgestirn Patex. Die feierliche Melancholie jenes Tages fängt
       Maxime im Nachwort seiner Arbeit ein. Eine Schwermut, die dem Anlass
       geschuldet ist, aber auch fühlbar darüber hinausweist.
       
       Der Pudelclub hat über die Jahre viele Sterne aus seiner Mitte aufsteigen
       sehen, einige sind bereits verglüht. Transformation ist nicht nur Werden,
       sondern auch Vergehen. Die Welt um den Pudel herum sieht heute düsterer
       aus, die Zukunft: ungewiss, wie immer. Oder auch schlimmer. Und genau darum
       wird der Pudel als wummernder Tempel der Aufrichtigkeit mehr gebraucht denn
       je. „Ich habe Vertrauen in den Pudel, der Pudel ist stark“, sagt Le Calvé.
       Er muss es wissen, er hat die Zauberkräfte des Pudelclubs schließlich
       wissenschaftlich untersucht.
       
       Mangelnde Tiefe kann man seinen ethnologischen Bohrungen kaum vorwerfen,
       dennoch muss Le Calvé am Ende gestehen, dass auch er das letzte Geheimnis
       des Pudels nicht entschlüsselt hat. Bei allen Erkenntnissen bleibt des
       Pudels Kern auch für ihn im tiefsten Grunde „ein Mysterium, so wie das
       Leben“. Schön zu sehen, wie er sich darüber freut.
       
       7 Feb 2025
       
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