# taz.de -- Correctiv-Journalist über den Rechtsruck: „Nicht nur Fake News, sondern auch Fake Politics entlarven“
       
       > Vor einem Jahr erschien die Correctiv-Recherche zum
       > Rechtsextremen-Treffen in Potsdam. Mit-Autor Jean Peters darüber, was
       > sich seither verändert hat.
       
 (IMG) Bild: Verfassungsfeindlicher Begriff wird Wahlkampf-Slogan: Sitzhocker beim Landesparteitag der AfD in Prenzlau Ende November 2024
       
       taz: Herr Peters, warum ist investigativer Journalismus für die Demokratie
       wichtig? 
       
       Jean Peters: Investigativer Journalismus klärt auf. Ohne gute Aufklärung
       kann eine demokratische Gesellschaft sich nicht gut organisieren,
       orientieren und Schlüsse ziehen. Aber es braucht ein Umdenken. Wir haben
       uns zu lange auf [1][Fake News] und das Aufdecken direkter Lügen
       konzentriert und zu wenig auf Fake Politics. Um es zugespitzt zu sagen:
       Donald Trump zählt zu den glaubwürdigsten Politiker*innen unserer
       Zeit. Warum? Wenn [2][Olaf Scholz sagt: „Tax the Rich“], dann glaubt ihm
       kein Mensch. Wenn Donald Trump sagt: „Ich steige aus der Nato aus“, dann
       [3][glauben wir ihm.] Und da müssen wir ran als journalistische Zunft, Fake
       Politics entlarven.
       
       taz: Die Veröffentlichung der [4][Correctiv-Recherche „Geheimplan gegen
       Deutschland“] jährt sich diesen Freitag. Was hat sich seitdem verändert? 
       
       Peters: Unheimlich viel: es haben sich bundesweit Gruppen gebildet, von
       Jurist*innen und von Aktivist*innen. Das gab es alles natürlich schon
       vorher, aber die [5][Bewegung für die Demokratie und gegen
       Rechtsextremismus] wurde auf vielen Ebenen gestärkt.
       
       taz: Gibt es etwas, das Sie gern anders gemacht hätten? 
       
       Peters: Gewünscht hätte ich mir ein viel größeres Team und viel mehr
       Ressourcen, um das alles zu tragen und auszuhalten. Also kurz gesagt: Ich
       hätte nichts grundsätzlich anders gemacht. Aber ich muss schon sagen, es
       ist ganz schön zermürbend, zu Rechtsextremismus zu recherchieren.
       
       taz: Nach der Veröffentlichung haben Sie viele Drohungen und Hasskommentare
       erreicht. 
       
       Peters: Ich glaube, deshalb habe ich den Wunsch, das alles in Zukunft auf
       noch mehr Schultern der Gesellschaft zu verteilen. Je mehr Menschen es
       machen, desto weniger werden Einzelne eingeschüchtert.
       
       taz: Sie wünschen sich mehr investigative Recherche zu diesem Thema? 
       
       Peters: Genau. Jede redaktionelle Entscheidung, die sagt: „Wollen wir
       vielleicht doch noch mal eine große Reportage über das Privatleben eines
       Fußballers machen?“, ist für mich eine Enttäuschung.
       
       taz: Auch wenn es jetzt wieder weniger Demos gegen Rechts gibt: Glauben sie
       die Empörung in den Köpfen ist geblieben? 
       
       Peters: Die psychologischen Prozesse dahinter sind komplex. Aber kurz:
       Große Bewegungen und auch Revolutionen kann man historisch immer nur
       retrospektiv erklären. Es bringt überhaupt nichts, wenn wir sagen: „Guck
       mal, jetzt sind alle nicht mehr so laut.“ Das sind Dynamiken, die wir nicht
       messen können. Es kann sich manchmal so schnell etwas ändern, zum Guten wie
       zum Schlechten. Ich würde allen empfehlen, sich an Optimismus zu halten und
       weiterzumachen. Pessimistisch zu sein heißt für mich faul zu sein.
       
       taz: Vor kurzem gab es eine weitere [6][Investigativ-Recherche zu einem
       Treffen von AfD-Politiker*innen mit Neonazis]. Waren die Reaktionen da
       anders?
       
       Peters: Es gibt viel weniger Reaktionen, das ist der Normalisierungseffekt.
       Das ist aber auch nicht verwunderlich. Ein wichtiges Ergebnis der Recherche
       und auch ein Thema in meinem Vortrag ist das Ringen um den Begriff
       „Remigration“, das bei der AfD gerade stattfindet. Sie versuchen, den
       Begriff zu überfüllen, um ihn damit wieder zu entleeren.
       
       taz: Erklären Sie das bitte genauer.
       
       Peters: Der Begriff Freiheit zum Beispiel kann alles bedeuten und dadurch
       auch wieder nichts. Das meine ich mit Überfüllen und Leeren. Wir haben
       letztes Jahr enttarnt, dass der Begriff der „Remigration“ im Kontext der
       AfD ein völkischer und meiner Meinung nach verfassungsfeindlicher Begriff
       ist. Das wurde auch von Gerichten anerkannt. Für die AfD ist das natürlich
       ein Problem, wenn sie damit plakatiert. Deswegen sind sie gerade dabei zu
       sagen: „Wir meinen doch nur…“. Ziel ist also, den Begriff im Diskurs zu
       halten und gleichzeitig zu sagen: „Wir meinen damit wirklich nur alles
       Legale.“
       
       7 Jan 2025
       
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