# taz.de -- Ausblick auf ein unruhiges 2025: Berlin und Brandenburg vor der Zerreißprobe
       
       > War die Silvesternacht nur ein Vorgeschmack? Warum es im neuen Jahr in
       > der Region noch enthemmter zugehen könnte und die Politik machtlos
       > scheint.
       
 (IMG) Bild: Jahreslosung 2025?
       
       Die fast schon rituelle Diskussion um ein Berliner Böllerverbot wird in ein
       paar Tagen oder Wochen vorbei sein. Doch die Botschaft, die die
       Silvesternacht für das neue Jahr bereithält, wird die Debatte überdauern.
       Es könnte 2025 noch egoistischer und enthemmter zugehen als in den Jahren
       davor.
       
       Ein Hinweis darauf sind womöglich nicht nur die so genannten Kugelbomben,
       die schwere Verletzungen und Schäden angerichtet haben, sondern auch die
       Müllberge. [1][670 Kubikmeter Abfall musste die Berliner Stadtreinigung in
       den ersten Tagen des Jahres wegräumen], 50 Kubikmeter mehr als vor einem
       Jahr. Es wurden also zum Jahreswechsel nicht nur halbe Bomben gezündet, es
       wurde auch mehr in die Luft gejagt als in den Jahren zuvor.
       
       Was uns das sagen könnte? Dass es vielleicht nicht stimmt, wenn immer
       behauptet wird, es sei nur eine kleine Minderheit, die in der Nacht der
       Nächte über den Strang schlägt. Damit begründet die CDU derzeit ihre
       Ablehnung gegen ein Böllerverbot. Die große Mehrheit sei schließlich
       friedlich, sie dürfte nicht für die Exzesse einiger weniger bestraft
       werden.
       
       Was aber, wenn die Minderheit längst eine Mehrheit ist, zumindest aber den
       Ton angibt? Wenn immer mehr Berlinerinnen und Berliner auf das neue Jahr
       nicht nur anstoßen, sondern das alte abknallen und die Ungewissheit
       wegbomben wollen, weil Taubheit das neue Normal ist? Nicht nur in Neukölln
       und Schöneberg, auch in gediegenen Stadtteilen ist die Silvesternacht in
       Berlin keine Partymeile mehr, sondern ein Kampfzone.
       
       Wenn Norbert Elias Recht hat und der [2][Prozess der Zivilisation] das
       Ergebnis einer Triebsublimierung ist, befinden wir uns derzeit in einem
       Prozess der Entzivilisierung. Nicht nur in der Silvesternacht geht es auf
       Berlins Straßen immer egoistischer und enthemmter zu, sondern auch im
       alltäglichen testosterongetriebenen Wahnsinn. Wo ist nur der neugierige
       Blick auf das Gegenüber geblieben, das selbstlose Lächeln, das Glück der
       Freundlichkeit? Berlin, von dem es immer hieß, es sei die gemütlichste
       unter den Metropolen, ist inzwischen richtig scheiße drauf.
       
       ## Prozess der Entzivilisierung
       
       Und es gibt kaum Hinweise darauf, dass sich das wieder bessern könnte. Im
       Gegenteil. Auch 2025 werden die Preise steigen und mit ihnen der Wutpegel.
       Sollte der Ukraine die Luft ausgehen, was sich fast die Mehrheit der
       Ostdeutschen wünscht, werden weitere hunderttausende Kriegsflüchtlinge in
       die Region kommen. Die Verteilungskämpfe könnten eskalieren, der
       gesellschaftliche Zusammenhalt noch weiter schwinden. Wieviel
       Destabilisierung vertragen Berlin und Brandenburg?
       
       In Letzterem regiert eine Partei, deren Vorsitzende, wie auch die AfD,
       diesen Prozess der Destabilisierung aktiv betreibt. Als es im Bundesrat
       darum ging, die Wahl von Verfassungsrichtern nazifest zu machen, [3][hat
       sich Rot-Lila als einziges Bundesland enthalten]. Aus einem weit
       nichtigeren Anlass hat Ministerpräsident Dietmar Woidke für einen solchen
       Dissens die grüne Gesundheitsministerin entlassen. Nun spielt er mit beim
       Spiel der Destabilisierung. Doch das ist womöglich nur ein Vorgeschmack
       darauf, welche Töne künftig aus dem politischen Brandenburg kommen werden.
       
       In Berlin sieht es – noch – besser aus, auch wenn die Verunsicherung dem
       schwarz-roten Senat anzumerken ist. [4][Von einem friedlichen Silvester
       sprach die Innensenatorin], nur um dann kundzutun, sie werde sich bei der
       Innenministerin persönlich für eine Böllerverbot einsetzen. Anders als in
       Brandenburg ist die Berliner Politik nicht von Populisten erpressbar, es
       regieren zwei Parteien der Mitte, als Alternative stehen mit den Grünen und
       Linken zwei weitere demokratische Parteien bereit. Doch der Einfluss der
       Politik auf die urbanen und ruralen Kampfzonen ist geringer geworden,
       vielleicht sogar zu gering, um die Entzivilisierung noch bremsen zu können.
       Befeuern dagegen kann sie sie allemal.
       
       Düstere Aussichten, fürwahr. Darüber, wie eventuelle Anschläge oder
       Angriffe auf Politiker, Polizei oder Feuerwehr die Enthemmung und
       Entgrenzung vorantreiben könnten, soll an dieser Stelle gar nicht erst
       spekuliert werden. Auch so schon ist zu befürchten, dass sich diejenigen
       aus dem öffentlichen Raum ins Private zurückziehen, die bislang für das
       gesorgt haben, was die Politik in ihren Neujahrsansprachen
       gesellschaftlichen Zusammenhalt nennen.
       
       Berlin und Brandenburg stehen womöglich vor einer Zerreißprobe. Und die
       bevorstehende Bundestagswahl im Februar kommt noch dazu. Sollte es ein
       schmutziger Wahlkampf werden, wird es noch mehr Müll geben. Den
       wegzuräumen, wird nicht einmal die BSR schaffen.
       
       3 Jan 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2025/01/berlin-stadtreinigung-silvester-muell.html
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_den_Proze%C3%9F_der_Zivilisation
 (DIR) [3] https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2024/12/brandenburg-bundesrat-enthaltungen-kritik-spd-bsw.html
 (DIR) [4] /Silvester-in-Berlin/!6056520
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
       
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