# taz.de -- Weihnachten und Einsamkeit: Die neue Volkskrankheit
       
       > Immer mehr Menschen auf der ganzen Welt fühlen sich einsam. Die Politik
       > kann etwas dagegen tun, so wie das schon Großbritannien und Japan machen.
       
 (IMG) Bild: Allein im Schneegestöber: überall auf der Welt wächst die Zahl einsamer Menschen
       
       Es ist Weihnachtszeit, und Familie, Beisammensein, Liebe und Güte spielen –
       regelmäßig einmal im Jahr – eine große Rolle. In ebenso schöner
       Regelmäßigkeit ploppen in den letzten Wochen des Jahres medial Texte über
       Einsamkeit auf. Doch, doch, Familie und Einsamkeit haben durchaus etwas
       miteinander zu tun. Nicht nur, dass man sich auch im Beisein der Familie
       einsam fühlen kann. Nämlich dann, wenn sie dysfunktional ist und die
       Harmonie – wegen des jährlich wiederkehrenden Pflichtgefühls – unecht ist.
       
       Einsam sind insbesondere jene Menschen, die erst gar keine Familie oder
       etwas Ähnliches haben. Waren das hierzulande früher hauptsächlich ältere
       Menschen, trifft das mittlerweile vor allem Alleinerziehende, Frauen,
       Menschen mit wenig Geld und Jüngere. So jedenfalls besagt es das [1][erste
       Einsamkeitsbarometer], das Familienministerin Lisa Paus (Grüne) im Sommer
       herausgegeben hat. Aktuell bekräftigt das eine [2][Studie der Bertelsmann
       Stiftung,] die die gesamte EU unter die Lupe nahm: Die Hälfte der jungen
       Menschen in Europa fühlt sich mehr oder weniger einsam.
       
       Doch keine Studie ohne die – ebenso wiederkehrenden – Forderungen, was
       jetzt endlich mal [3][gegen die Einsamkeit getan werden müsse]: Vernetzen
       in der Nachbarschaft, der Gang zu einem Verein mit Leidensgenoss:innen,
       Nottelefon nutzen, einen Hund kaufen, Sport machen, [4][Musik hören,] mit
       anderen kochen. Es ist nicht falsch, was Politik, Sozialvereine,
       Krankenkassen, Therapeut:innen da vorschlagen, nur: Nutzt das am Ende
       was?
       
       Wer es wirklich ernst meint mit dem Kampf gegen Einsamkeit, belässt es
       nicht bei wohlmeinenden Ratschlägen, erweitert die Befugnisse eines anderen
       Ministeriums oder gründet ein eigenes Ministerium, das sich mit nichts
       anderem beschäftigt als mit dem Gefühl vieler Menschen, von der Welt
       verlassen zu sein. Das haben bisher nur Großbritannien 2018 und Japan 2021
       getan.
       
       Überall auf der Welt wächst die Zahl einsamer Menschen. Vielleicht sollte
       man Einsamkeit als das bezeichnen, was sie ist: eine neue Volkskrankheit.
       Darauf kann die Politik reagieren – mit einer weniger unsozialen Politik.
       
       Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, in Großbritannien
       gibt es ein Einsamkeitsministerium. Das ist nicht korrekt, stattdessen
       wurden die Aufgaben des Ministeriums für Kultur, Digitales, Medien und
       Sport um den Themenkomplex Einsamkeit erweitert.
       
       17 Dec 2024
       
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