# taz.de -- Neue Netflixserie „The Madness“: Hitchcock auf Sparflamme
       
       > In der Serie „The Madness“ wird einem Fernsehjournalisten ein Mord
       > angehängt. Klingt spannend, doch einige Chancen bleiben ungenutzt.
       
 (IMG) Bild: Die erste Serienhauptrolle für Colman Domingo als Muncie Daniels (r.)
       
       Als politischer Kommentator im US-Fernsehen macht man sich schnell Feinde.
       Muncie Daniels, der Protagonist der neuen Netflix-Serie „The Madness“, weiß
       davon ein Lied zu singen. Kaum rückt der Traum einer eigene Sendung auf
       [1][CNN] näher, werden mal wieder Vorwürfe laut.
       
       Er habe der Welt der gemeinnützigen Organisationen und des Aktivismus, aus
       der er ursprünglich kommt, zugunsten kapitalistischer Interessen den Rücken
       gekehrt, zum Beispiel. Oder die Schwarze Community für die eigene Karriere
       verraten.
       
       Doch das ist nichts im Vergleich zu dem, was Muncie (Colman Domingo)
       bevorsteht, als er sich für einige Tage in die Wälder der Pocono Mountains
       unweit von Philadelphia zurückzieht, um an einem neuen Buch zu schreiben.
       
       Der freundliche Herr, der eben noch Hilfe angeboten hatte, liegt plötzlich
       tot und zerstückelt in der Sauna der Nachbarhütte. Den beiden Maskierten,
       die mutmaßlich für die Gräueltat verantwortlich sind, entkommt Muncie nur
       mit Müh und Not. Aber es kommt noch schlimmer.
       
       ## Alle hitzigen Themen untergebracht
       
       Bald stellt sich heraus, dass es sich bei dem Ermordeten um einen online
       einflussreichen Neonazi handelt – und die Tat offenkundig Muncie in die
       Schuhe geschoben werden soll. Für die Polizei ist er jedenfalls schnell der
       Hauptverdächtige, die Gerüchteküche der sozialen Netzwerke brodelt und bei
       CNN will man ohnehin nichts mehr von ihm wissen.
       
       Mit aller Macht und mit Hilfe des in ähnlichen Gefilden ermittelnden
       FBI-Agenten Quinones (John Ortiz) will Muncie auf eigene Faust die
       Wahrheit ans Licht bringen und seinen Namen reinwaschen, auch weil seine
       Noch-Ehefrau Elena (Marsha Stephanie Blake) und die beiden Kinder in Gefahr
       sind. Allerdings wird seine Lage von Tag zu Tag aussichtsloser, nicht erst,
       als auch ein Milliardär (Bradley Whitford) und eine Auftragskillerin
       (Alison Wright) in den Fall verwickelt scheinen.
       
       Auf den ersten Blick erweckt „The Madness“, bestehend aus acht Episoden und
       erdacht vom Theater- und Drehbuchautor Stephen Belber, den Eindruck, dass
       hier die gesellschaftspolitisch ganz heißen Eisen angepackt werden. Es geht
       um [2][Rassismus] und korrupte Cops, um mediale [3][Cancel Culture] und
       [4][Fake News], um rechtsnationale Strömungen und Verschwörungstheorien.
       
       ## Zwischen „Auf der Flucht“ und [5][Hitchcock]
       
       Lange dauert es allerdings nicht, bis man als Zuschauer*in merkt: Die
       Serie hat weder den Mumm noch das Interesse, wirklich etwas zu diesen
       Themen zu sagen, die deswegen bloß zu schmückendem, oft widersprüchlichem
       Beiwerk in einem letztlich eher schlichten Paranoia-Thriller-Plot werden.
       
       In den besten Momenten sieht man darüber gerne hinweg, denn da bietet „The
       Madness“ genug Spannung, um am Ball zu bleiben, irgendwo zwischen „Auf der
       Flucht“ und [6][Hitchcock]. Doch das allein kann die Serie nicht retten,
       die eigentlich nur genug Stoff für einen zweistündigen Spielfilm mitbringt.
       
       Zu viele Logiklöcher finden sich im Plot, zu übertrieben wirkt die
       Dickköpfigkeit des Protagonisten, zu sehr scheinen die Nebenfiguren und
       ihre Konflikte bloß Drehbuchzwecken zu folgen, statt glaubwürdigen
       zwischenmenschlichen Beziehungen zu entsprechen. Und die Art und Weise, wie
       hier Blackness erzählerisch in den Vordergrund gerückt wird, wirkt nicht
       annähernd so authentisch wie aktuell etwa in „Cross“.
       
       Bedauerlich ist das nicht zuletzt für den exzellenten und einnehmend
       charismatischen Hauptdarsteller Colman Domingo. Lange Jahre gehörte er zu
       den bestgehüteten Geheimnissen der US-amerikanischen Schauspielszene, bevor
       er zuletzt mit Rollen in „Fear the Walking Dead“, [7][„Euphoria“] oder der
       Oscar-Nominierung „Rustin“ endlich den Durchbruch schaffte. Für seine erste
       große Serien-Hauptrolle hätte man ihm eine gelungenere Produktion
       gewünscht.
       
       2 Dec 2024
       
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