# taz.de -- Roman über das beginnende Alter: Der Viagra-Mann, die Palliativbetreuung und die Sehnsucht
       
       > Die Rushhour des Lebens ist abgehakt – und dann? Die Schriftstellerin
       > Sabine Peters beschreibt in ihrem neuen Roman „Die dritte Hälfte“ des
       > Daseins.
       
 (IMG) Bild: Wenn der Abend hereinbricht: John Constable „Study of Clouds – Evening“, 1822
       
       Sabine Peters hat einen leichten, slapstickartigen Witz, der in Deutschland
       weniger beheimatet ist und eher aus dem Britischen zu stammen scheint.
       [1][Ihre Romane] sind denn auch oft an der Nordsee angesiedelt, da gibt es
       atmosphärisch andere Schwingungen.
       
       In „Die dritte Hälfte“ widmet sie sich einem Sujet, das generell ziemlich
       unterbelichtet ist, weil es normalerweise mit großer Schwere und Tiefe
       daherkommt: dem Alter, oder speziell dem beginnenden Alter.
       
       „Doc“, die Hauptfigur, ist praktischer Arzt und sitzt Tag für Tag in seinem
       Sprechzimmer, wo die gesamten Malaisen der Gegenwart an ihm vorüberziehen
       und vorzugsweise Alte über wirkliche und eingebildete Beschwerden klagen –
       ein Spiegel dessen, das wird allmählich klar, was auch in ihm selber
       vorgeht.
       
       Das Ensemble dieses gleichermaßen witzigen wie weisen Romans tritt bereits
       auf den ersten Seiten vollständig in Erscheinung. Es ist ein Panoptikum, in
       dem die Figuren zunächst skizzenhaft, fast wie in karikierenden Zeichnungen
       vorgeführt werden, eine Draufsicht ohne vordergründige Psychologie.
       
       Binnensicht als Romanelement 
       
       Docs Freund Bruno Brumlik, genannt „der Brummer“, vergleicht einmal Doc und
       sich selbst mit dem Personal in Douglas Adams’ Thriller „Per Anhalter durch
       die Galaxis“ und stellt fest: „Da war fix was in Bewegung, anders als bei
       uns. Bei uns entwickelt sich nicht viel, sieh uns doch an! Wir sitzen hier,
       umschwebt von Denk- und Sprechblasen. Wir sind wie Bilder. Wir sind eine
       stehende Malerei.“ Und genau mit dieser Binnenansicht ihrer Figuren spielt
       die Autorin Sabine Peters unentwegt. Das ist etwas anderes als das übliche
       Plot-Konstruieren.
       
       Freund Brummer ist Kunsthistoriker, seine Scheidung liegt lange zurück, und
       wenn er über seinen Aufsatz über den englischen Maler Constable nachdenkt
       oder in der Hamburger Kunsthalle über ästhetische Wahrnehmungsmuster
       räsoniert, geht das auch den Roman selbst an, in dem er vorkommt.
       
       Docs Frau ist vor einiger Zeit gestorben. Neben ihm wohnt die ebenfalls an
       der Schwelle zum Rentenalter befindliche Mechthild, mit der er alle zwei
       Wochen sonntags einen Film schaut und die mit ihrem Sohn Kilian und dessen
       Freundin Lena auch Elemente der jüngeren Generation mit ins Spiel bringt,
       das führt zu irrlichternden Effekten.
       
       Und auch Christine, der gute Geist der Arztpraxis, die Doc den Rücken
       freihält, ist eine wichtige weibliche Bezugsperson – ohne dass Sexualität
       ein ausgesprochenes Thema wäre. Denn es geht eben um Bilder aus jener erst
       einmal etwas skurril anmutenden, aber durchaus konkret existierenden
       Schattenwelt, in der sich ein beträchtlicher Prozentsatz der Bevölkerung
       tummelt: Da ist das jugendliche Ungestüm längst abgehakt, die Wirbel der
       Rushhour des Lebens zwischen 35 und 55 auch, und allmählich tritt das
       zunächst [2][fast unmerklich nahende Ende ins Blickfeld.]
       
       Füreinander unverzichtbar 
       
       Ein- oder zweimal im Jahr besucht der in Bonn lebende Brummer den Doc in
       Hamburg, und sie variieren dabei das Grundgefühl, dass sie sich eh alles
       schon gesagt haben, was sie zu sagen haben. Gerade deshalb sind sie
       füreinander unverzichtbar.
       
       Im weiteren Verlauf des Textes bekommen sie immer genauere Konturen, und es
       entsteht gegen Ende sogar eine spezielle Dynamik, mit surreal wirkenden
       Aufschwüngen, die hautnah realistisch bleiben. Den Reiz des Romans bilden
       überhaupt die einzelnen, rasant einander ablösenden Szenen, die in ihrer
       absurden Komik, ihrer lustvoll verzerrten Wirklichkeit und ihren scharf
       umrissenen Personenskizzen etwas Bizarres und Märchenhaftes haben, aber
       gleichzeitig eine sehr differenzierte Gesellschaftsstudie bilden. Ihr
       Geheimnis ist, dass sie satirisch und melancholisch zugleich sind.
       
       Da ist der Viagra-Mann, der in die Sprechstunde kommt und sein drohendes
       Erschlaffen mit kruden Auto- und Gaspedal-Vergleichen zu bannen versucht,
       da sind die vertrackten Modalitäten einer Palliativbetreuung, die mit einem
       undurchsichtigen Abrechnungshickhack einhergeht, oder auch der Moment in
       einem wieder auf offener Strecke zum Halt gekommenen ICE, in der der
       Brummer mit einer gleichaltrigen weiblichen Person Kontakt aufzunehmen
       versucht und sich in Insektenmetaphern verliert.
       
       Sehnsuchtsbilder im Schrebergarten, abgelegte Gegenstände im Keller, in
       denen sich die Biografie verdichtet, oder versonnene Dialoge verweisen
       dabei immer auch auf eine Tiefendimension. Die „dritte Hälfte“ des Lebens,
       auf die der Titel Bezug nimmt, ist eine unsichere Größe, sie entzieht sich
       allen Berechnungen. Ein vielschichtiger Roman, der abgründig funkelt.
       
       8 Nov 2024
       
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