# taz.de -- Lage in der Ukraine: Der Zermürbungskrieg
       
       > Kurz vor den US-Wahlen ist die militärische Lage der Ukraine unsicher.
       > Indessen bekommt Russland Unterstützung durch Tausende Soldaten aus
       > Nordkorea.
       
 (IMG) Bild: Wie lange noch und zu welchem Preis? Ein Gebäude in Kyjiw nach einem Drohnenangriff am 25. Oktober 2024
       
       Der Oktober war für die Ukraine ein Monat voller Herausforderungen. Die
       Lage an der Front ist schwierig, die Regierung macht militärische und
       politische Fehler, der tägliche Beschuss und die [1][Aussicht auf
       Stromausfälle im Winter] haben große Auswirkungen auf die Moral. Der Krieg
       dauert nun schon sehr lange und die Erschöpfung fordert ihren Tribut.
       
       Allzu sehr erwarteten manche, Präsident Wolodymyr Selenskyj würde [2][mit
       seinem „Siegesplan“ ein magisches Rezept erfinden], um die
       Kriegsmaschinerie des Kremls ohne große Anstrengungen der Partner zu
       stoppen. Er präsentierte den Plan zuerst in Washington, dann in Europa und
       schließlich im ukrainischen Parlament. Die eher verhaltene Reaktion darauf
       war eine kalte Dusche.
       
       Selenskyjs Plan löste keine große Euphorie aus, da er lediglich die
       Schritte systematisiert, die die Ukraine in den letzten zweieinhalb Jahren
       bereits mehrfach als Weg zum Frieden geäußert hat – Nato-Beitritt,
       Lieferung aller heute notwendigen Waffen und Abschreckungsmittel für die
       Zukunft.
       
       Was wirklich neu war und zum ersten Mal geäußert wurde, waren die
       Bereitschaft des ukrainischen Militärs, nach dem Krieg die US-Truppen in
       Europa zu ersetzen, und die Forderung, die natürlichen Ressourcen der
       Ukraine für eine zukünftige gemeinsame Nutzung zu schützen. Der Schlüssel
       zu diesen Schritten bleibt die formelle Einladung der Ukraine in die Nato,
       um ein klares Signal an Wladimir Putin zu senden.
       
       ## Die US-Wahlen verlangsamen alles
       
       Doch auch wenn diese Schritte aus militärischer Sicht durchaus logisch
       erscheinen, haben die wichtigsten Partner – die USA und Deutschland – keine
       Eile, eine solche politische Entscheidung zu treffen. Alle warten die
       Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahlen ab. Die Unsicherheit über die
       weitere Unterstützung des Landes durch die USA ist in der Ukraine deutlich
       zu spüren. Es ist offensichtlich, dass die Demokratische Partei beschlossen
       hat, im Wahlkampf keine lauten Aussagen zur Ukraine zu machen, und Donald
       Trumps Äußerungen zur Beendigung des Krieges stimmen bisher wenig mit der
       Vision der Ukrainer überein.
       
       Eines ist sicher: Nach den Wahlen könnte sich das Tempo der
       Waffenlieferungen an die Ukraine weiter verlangsamen. So hat US-Präsident
       Joe Biden die Lieferung von JASSM-Langstreckenraketen, die für den
       effektiven Einsatz von F16-Kampfflugzeugen notwendig sind, noch nicht
       genehmigt. Auch hat er die westlichen Waffen nach wie vor nicht für den
       Angriff auf Militärziele auf russischem Territorium zugelassen, von denen
       die ukrainische Seite den Partnern eine Liste vorgelegt hat.
       
       Verspätete Waffenlieferungen, verzögerte Entscheidungsfindung und das
       Fehlen einer westlichen Vision gehören zu den Hauptgründen, warum sich der
       Zermürbungskrieg in die Länge zieht. Die Strategie „Die Ukraine darf nicht
       verlieren und Russland darf nicht gewinnen“ ist weder zielführend noch
       realistisch. Russland, der Iran und Nordkorea, zweifellos mit Billigung
       Chinas, treten als geschlossene Front gegen die Ukraine auf. Die Allianz
       der autoritären Staaten macht sich nicht nur lustig über die westlichen
       Demokratien, sondern zeigt ganz offen ihre Schwäche auf, sich gegen äußere
       und innere Bedrohungen zu verteidigen. Die russische Armee nutzt diese
       Schwäche direkt auf dem Schlachtfeld in der Ukraine aus.
       
       Im Oktober machte die russische Armee die schnellsten Vorstöße seit den
       ersten Kriegswochen und besetzte 470 Quadratkilometer ukrainischen
       Territoriums, darunter die Großstädte Wuhledar, Selidowe, Nowohrodiwka,
       Otcheretyne, Hirnyk, Ukrajnsk und Dutzende weiterer Dörfer. Die russischen
       Truppen haben ihre taktischen Offensiven in vielen Richtungen gleichzeitig
       wieder aufgenommen.
       
       ## Russischer Durchbruch in Pokrowsk
       
       Im Gebiet Charkiw rücken die Russen auf die Stadt Kupjansk vor, die bereits
       2022 einige Monate unter ihrer Kontrolle war. Ihr unmittelbares Ziel ist
       es, das Ufer des Flusses Oskil zu erreichen und dort Fuß zu fassen. Die
       Grenzstadt Wowtschansk im Norden der Region wurde von russischen Bomben
       völlig zerstört, aber die ukrainische Armee konnte die Offensive dort
       stoppen.
       
       Am schwierigsten ist die Lage nach wie vor in der Region Donezk, wo von
       einst 1,9 Millionen Menschen nur noch 340.000 dort leben. Während die
       ukrainische Armee den russischen Vormarsch bei Siwersk auf dem Weg zu den
       Großstädten Slowjansk und Kramatorsk sowie bei Tschasiw Jar stoppen konnte,
       gelang den russischen Streitkräften im weiteren Verlauf ein Durchbruch.
       
       Toretsk ist bereits zur Hälfte unter russischer Kontrolle. Die Eroberung
       der Stadt Wuhledar, einer wichtigen Anhöhe in der Region, sowie der Stadt
       Hirnyk, die ebenfalls auf einer Anhöhe liegt und von den Ukrainern nicht
       nur für den Abschuss von Drohnen, sondern auch für den Funkverkehr genutzt
       wurde, öffnet den Weg nach Kurachowe. Die Einnahme von Kurachowe, um das
       bereits blutige Kämpfe im Gange sind, wird den Verlust der Kontrolle der
       ukrainischen Streitkräfte über den gesamten Süden der Region Donezk und
       ihren Rückzug an die Grenze der Region Dnipro bedeuten.
       
       Der größte Durchbruch gelang den Russen in Richtung der nur etwa zehn
       Kilometer entfernten Stadt Pokrowsk. Die Stadt ist ein wichtiger
       logistischer Knotenpunkt für die ukrainische Armee. Außerdem befindet sich
       in Pokrowsk das einzige Bergwerk der Ukraine, das Kokskohle abbaut, die für
       die Stahlproduktion unerlässlich ist. Die Ukraine müsste ihre
       Stahlproduktion um die Hälfte reduzieren, wenn die Besatzer dieses Bergwerk
       einnehmen. Obwohl sich der direkte russische Vormarsch verlangsamt hat,
       gehen Experten davon aus, dass die Schlacht um Pokrowsk noch vor dem Winter
       beginnen wird.
       
       ## Ein zweiter Staat an Russlands Seite
       
       Neben dem seit Langem bekannten Problem des Munitionsmangels hat die
       ukrainische Seite eine Reihe von Fehlern bei der Vorbereitung der
       Verteidigungslinien gemacht, die es den zahlenmäßig deutlich unterlegenen
       Russen ermöglicht haben, die Front zu durchbrechen. Ein weiteres
       gravierendes Problem auf ukrainischer Seite ist die oft unkoordinierte
       Führung der Truppen vor Ort. Hinzu kommt ein drastischer Personalmangel.
       Die Soldaten, erschöpft von zwei Jahren harter Kämpfe, können nicht für
       eine Rotation oder eine kurze Pause und Erholung ausgewechselt werden. Die
       ukrainische Militärführung will nun weitere 160.000 Soldaten mobilisieren,
       um die Einheiten wenigstens zu 85 Prozent zu besetzen.
       
       Vor diesem Hintergrund hat die russische Armee auch eine Offensive in der
       russischen Region Kursk gestartet, wo die Ukraine seit mehr als zwei
       Monaten rund 1.000 Quadratkilometer unter ihrer Kontrolle hält, und unter
       erheblichem Kräfteeinsatz einen Teil des Gebietes zurückerobert. Nach
       offiziellen Angaben sind auf ukrainischer Seite mehr als zehn Brigaden an
       der Operation Kursk beteiligt. Kritiker bezweifeln die Sinnhaftigkeit
       dieser Operation auf russischem Gebiet angesichts der Lage im Donbas.
       Andere verweisen auf die Bedeutung asymmetrischer Aktionen, bei denen die
       Einnahme russischer Gebiete Teil eines größeren militärischen Plans sein
       könnte.
       
       Gleichzeitig meldet der ukrainische Militärgeheimdienst, dass bereits
       [3][mehrere tausend nordkoreanische Soldaten] in der Region Kursk
       eingetroffen seien. Darunter sollen sich auch mehrere hundert Offiziere
       befinden, was darauf hindeuten könnte, dass sie als selbständig operierende
       Einheiten eingesetzt werden sollen – zum Beispiel, um bereits von den
       Russen zurückeroberte Gebiete zu halten und so Tausende russische Soldaten
       für weitere Offensivoperationen freizusetzen. „Das ist de facto bereits die
       Beteiligung eines zweiten Staates am Krieg gegen die Ukraine an der Seite
       Russlands“, sagte kürzlich Selenskyj. Offensichtlich hat Wladimir Putin den
       Moment genutzt, in dem sich die USA auf den Wahlkampf konzentrieren.
       
       Nicht zuletzt setzt die russische Armee ihre täglichen Raketen- und
       Drohnenangriffe auf ukrainische Städte fort. Allein in der vergangenen
       Woche wurden 1.100 gelenkte Luftbomben, mehr als 600 Angriffsdrohnen und
       mehr als 20 Raketen verschiedener Typen auf das Land abgefeuert. Die Städte
       Cherson, Sumy und Charkiw werden mehrmals täglich angegriffen. Im
       Durchschnitt werden in der Ukraine täglich etwa ein Dutzend Menschen durch
       Beschuss getötet und Dutzende verletzt, regelmäßig sind auch Kinder unter
       den Opfern.
       
       Es ist ein Zermürbungskrieg. Eine völlige Erschöpfung der einen oder
       anderen Seite ist jedoch noch nicht abzusehen, sodass trotz der schwierigen
       Lage noch nicht von einer bevorstehenden Niederlage oder einem Ende des
       Krieges gesprochen werden kann. Pawlo Palisa, Kommandeur der 93. Brigade
       der ukrainischen Streitkräfte, die seit drei Jahren im Donbass im Einsatz
       ist und unter anderem um die Stadt Bachmut gekämpft hat, meint: „Frieden
       und Sieg sind sehr unterschiedliche Konzepte. Wenn wir die Hälfte der
       Ukraine verlieren, ist das kein Sieg. Ein solcher Frieden ist nur eine Zeit
       vor dem nächsten Krieg.“
       
       30 Oct 2024
       
       ## LINKS
       
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