# taz.de -- Sex-Kolumnen an der Berliner Volksbühne: „Fickt euch!“ als Lifestyle
       
       > Frauen haben patriarchale Zwänge und Ausbeutung satt. Das wird bei einer
       > Lesung von Sex-Kolumnen aus dem „Missy Magazine“ in der Volksbühne
       > deutlich.
       
 (IMG) Bild: Brat ist auch Laura Méritt, die Berlins ältesten Sexshop betreibt (Archivaufnahme aus dem Jahr 1994)
       
       „Fickt Euch! Fickt Euch! Fickt Euch!“ plärren die neon-gelben Plakate an
       der Fassade der Volksbühne. Provokant? Nicht für die Berliner Jugend, die
       am Mittwochabend mit Vokuhila, in Bomberjacke und Adidas-Tracksuits auf den
       Stufen der Volksbühne hocken. Piccolo in der einen, Zigarette in der
       anderen Hand, genießen sie die laue Spätsommernacht, bevor sie in den
       50er-Jahre-Bau treten, wo Dildos in Eiscremeform und must-reads, wie „The
       ultimate guide to anal sex for men“ warten.
       
       „Wir kennen kein Shaming. Keine Tabus!“, ruft Amina Aziz,
       Co-Chefredakteurin des feministischen [1][Missy Magazines] und Moderatorin
       des Abends. Auf der Leinwand hinter ihr haben zwei animierte Personen Sex,
       eine Discokugel taucht den Roten Salon in tanzende Lichter. „Das ist für
       eine Leserschaft, die abseits von Dr. Sommer in der Bravo, Brigitte oder
       Vogue über Sex lesen will“, sagt Aziz. Und die scheint groß zu sein: Der
       Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. 800 Personen warten gierig auf
       die Lesung aus der Sex-Kolumnensammlung „Fickt Euch!“ des Missy Magazines.
       
       „Es geht um Sex mit Behinderung und chronischer Erkrankung, um Schwarze und
       dicke Körper, Sexarbeit, Hämorrhoiden und darüber, bottom zu sein“, kündigt
       Aziz an. Als erste betritt [2][Mithu Sanyal], Autorin und Aktivistin, die
       Bühne mit einem pinken Vulva-Hut, der in Flammen steht. „It’s on fire!“,
       ruft sie begeistert.
       
       Seit der Veröffentlichung ihres Buches „Vulva“ im Jahr 2009 habe sich
       einiges geändert. „Heutzutage fragen nur noch die wenigsten, ob das ein
       Fluss in Russland ist, über den ich schreibe“, bemerkt Sanyal trocken. In
       ihrem Text klärt sie über den Mythos Jungfernhäutchen auf: „Es wird
       dargestellt, als gäbe es eine Plastikplane davor – wie Früchte, die im
       Supermarkt mit einer Plastikfolie umspannt sind, um zu beweisen: Die hat
       noch keiner anderer angefasst“, sagt sie lachend.
       
       ## Warum stigmatisieren?
       
       Mit ihr auf der Bühne sitzt Mean Goddess. Die Domina erzählt: „Mit 7 Jahren
       habe ich angefangen, auf Vox nach 23 Uhr Softporn zu ballern.“ Mit sanfter
       Stimme liest sie, umgeben von elektronischen Kerzen, auf der in Rauch
       gehüllten Bühne: „Dämonen, böse Geister, Okkultes, der Teufel und alles
       Paranormale haben mich schon immer extrem angezogen.“ Warum stigmatisieren?
       „It’s just a fantasy.“ Ihre größte Fantasie: „Als überdimensionaler
       Mean-Goddess-Dämon cis het men verschlingen, wie die lächerlichen Snacks,
       die sie sind.“
       
       Die Vorstellung wird mit tosendem Applaus belohnt – der weiter zunimmt, als
       die Bühne vom Black Sex Workers Collective übernommen wird, einer
       Initiative, die sich für die Gleichberechtigung von Sexarbeiter*innen
       einsetzt. „Wir werden sowieso sexualisiert, warum sollten wir uns nicht
       selbst sexualisieren? Wir beuten die Ausbeutung durch weiße Vorherrschaft
       und cis-heteronormative Strukturen selbst aus“, erklingt eine Stimme,
       während eine Frau in leuchtendem orangem Dessous sich geschmeidig auf der
       Bühne bewegt.
       
       ## Frech, rotzig, chaotisch und ungeniert
       
       Aus den Lautsprechern dröhnt die US-amerikanische Sängerin Billie Eilish:
       „I wanna try it, bite it, lick it, spit it!“ In dem Lied wird sie
       gefeatured von der britischen Sängerin Charli XCX, die nach dem Titel ihres
       Albums „brat“ den „brat summer“ (Gören-Sommer), ausrief: frech, rotzig,
       chaotisch und ungeniert.
       
       Brat ist auch Laura Méritt, die Berlins ältesten Sexshop „Sexclusivitäten“
       in Kreuzberg betreibt. „Sex ist noch immer so normiert. Wir müssen uns
       dekonditionieren und für uns selbst definieren, was uns glücklich macht“,
       sagt die Sexologin und Autorin. In ihrem Text spricht sie über Analduschen
       und sicheren Anal Sex, damit man „unbekümmert rumschlabbern und zur Möse
       wandern kann“. Méritts Fazit: „Am Ende ist eh alles für den Arsch.“
       
       Nachdem [3][Hengameh Yaghoobifarah], langjährige*r Betreuer*in der
       Sexkolumne, abschließend den Text „Fagdyke“ über schwulen Sex als Lesbe,
       vorliest, stürmen die Rapperinnen Bounty und Cocoa auf die Bühne. Mit ihrem
       Track „Macht Platz für die Bitches!“ bringen sie den Saal zum Beben. Es ist
       ein gebührender Abschluss vom „brat summer“. Charli XCX wäre stolz.
       
       28 Sep 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://missy-magazine.de/
 (DIR) [2] /Mithu-Sanyals-neuer-Roman/!6036005
 (DIR) [3] /Nach-den-Landtagswahlen/!6032262
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
       
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