# taz.de -- Neue Lernkultur in Hamburg: Gymnasium ohne Noten
       
       > Hamburg erlaubt allen Schulen, auf Zensuren zu verzichten. Voraussetzung
       > ist, dass sie einen zweijährigen Schulentwicklungsprozess durchlaufen.
       
 (IMG) Bild: Nicht objektiv – aber immer noch weit verbreitet: das Notenzeugnis
       
       Hamburg taz | Es löste einigen Wirbel aus, als Hamburgs Schulsenatorin
       Ksenija Bekeris (SPD) [1][Anfang Juli im taz-Interview] erklärte: „Wer
       mitmachen möchte, kann mitmachen“ und damit den Schulversuch „Alleskönner“
       meinte, der es einigen Schulen erlaubt, bis Klasse 9 auf Zensuren zu
       verzichten. Denn als vor zwei Jahren der Versuch verstetigt wurde, hatte
       der Senat [2][auf eine Linken-Anfrage] geantwortet, eine Teilnahme weiterer
       Schulen sei nur „im Einzelfall“ möglich.
       
       Schulpolitikerin Sabine Boeddinghaus (Linke) stellte nach dem taz-Interview
       [3][eine neue Anfrage] und erhielt als Antwort nun, dass alle Schulen das
       Alleskönner-Konzept übernehmen können. Sie müssen dafür eine „Ziel- und
       Leistungsvereinbarung“ abschließen, mit der sie festlegen, dass sie in
       einer zweijährigen Schulentwicklung die Voraussetzungen für eine
       „notenfreie Bewertung“ schaffen. Dazu zählen Hospitationen und der
       Austausch mit anderen Alleskönner-Schulen.
       
       An dem 2008 gestarteten Versuch nahmen ursprünglich 40 Schulen teil: 27
       Grundschulen, elf Stadtteilschulen und zwei Bildungszentren. Eine
       [4][Auswertung des Versuchs] im Jahr 2021 ergab, dass sich die dort
       erprobte kompetenzorientierte Lernkultur vor Ort hoher Akzeptanz erfreute.
       Zwar unterschieden sich die fachlichen Kompetenzen der Schüler nicht von
       anderen, wohl aber entwickelten sich „überfachliche Kompetenzen“ günstiger,
       die etwas sperrig „lernmethodische Kompetenzen“ oder „motivationale
       Kompetenzen“ heißen.
       
       Wie ebenfalls aus der Linken-Anfrage hervorgeht, traut sich nun sogar ein
       Gymnasium an den notenfreien Unterricht heran. Schon seit dem vergangenen
       Schuljahr lernt der Jahrgang sieben am Gymnasium Altona mit neuen
       Lernformen analog zum Alleskönner-Versuch. Vor allem für Schüler [5][und
       Eltern] sei dort Leistungsdruck ein „wesentlicher Negativpunkt“ gewesen,
       [6][heißt es auf der Homepage]. Dabei seien laut der Lernforschung die
       Noten und die „einheitlich terminierten Lernerfolgskontrollen“, sprich
       Klausuren, der Dreh- und Angelpunkt.
       
       ## Statt Noten jede Woche ein Gespräch
       
       In allen Fächern, sogar in Sport, gibt es dort nun „kompetenzorientierte
       Rückmeldungen“. Und es gibt in Deutsch, Mathe sowie Englisch Phasen des
       Selbstlernens und Phasen des angeleiteten Lernens. Einmal die Woche setzt
       sich eine Lehrkraft mit jedem Schüler zur Beratung hin. In einem
       „Pilotheft“ werden alle erworbenen Kompetenzen erfasst.
       
       Ebenfalls in jüngerer Zeit kamen weitere Grundschulen und eine
       Stadtteilschule hinzu. „Das weist in die richtige Richtung“, sagt Sabine
       Boeddinghaus. Denn Noten, Angst und Prüfungsstress seien schlechte
       Lehrmeister. Die nun von der Schulbehörde gezeigte „klare Haltung“ begrüße
       sie. Da nun klar sei, dass alle Schulen das Konzept übernehmen können, sei
       „ein Grundstein für eine wirkliche Verbesserung des Bildungssystems
       gelegt“.
       
       Gleich mit einem offenen Brief an die Senatorin reagierte [7][das Bündnis
       „Bildungswende jetzt! Hamburg“]. Noten bedeuteten Willkür und könnten
       „niemals objektiv sein“ heißt es darin. Fast 60 Prozent der Grundschüler
       erlebten eine „hohe bis mittlere Ängstlichkeit“ in den Fächern Deutsch und
       Mathematik. Da sei die Abkehr von diesem Druck „längst überfällig“ und
       positiv für die psychische Gesundheit der Kinder.
       
       Bekeris’ Abschaffung der Notenpflicht bis Klasse 9 sei ein „mutiges
       Zeichen“. Hamburg könne mit diesem innovativen Weg ein „role model für ganz
       Deutschland“ werden, schreibt das Bündnis von Hamburger „Menschen, die was
       mit Bildung zu tun haben“, wie Eltern, Lehrkräfte und Studierende.
       Gleichwohl mahnt ihr Offener Brief weitere Reformen an wie die Abschaffung
       [8][der getrennten Säulen] Stadtteilschule und Gymnasium.
       
       26 Jul 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://ifbq.hamburg.de/monitoring-und-programmevaluation/evaluation/abgeschlossene-evaluationen/alleskoenner/alleskoenner-2016-2021/
 (DIR) [2] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/79689/nachfragen_zum_schulversuch_alles_koenner_drs_22_7917.pdf
 (DIR) [3] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/87944/alles_koenner_koennen_wirklich_alle_schulen_die_wollen_mitmachen.pdf
 (DIR) [4] https://ifbq.hamburg.de/monitoring-und-programmevaluation/evaluation/abgeschlossene-evaluationen/alleskoenner/alleskoenner-2016-2021/
 (DIR) [5] /Hamburgs-Elternkammer-Chefin-zu-Bildung/!6009284
 (DIR) [6] https://www.gymaltona.de/schulentwicklung/
 (DIR) [7] https://www.bildungswende-jetzt.de/bundeslaender/hamburg/
 (DIR) [8] https://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-S%C3%A4ulen-Modell_(Schule)
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kaija Kutter
       
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