# taz.de -- Aktuelle Entwicklungen im Gazakrieg: Der Albtraum von Rafah geht weiter
       
       > Bei Luftschlägen des israelischen Militärs sterben fast 50 Menschen.
       > Israel gerät international weiter unter Druck, setzt seine Offensive
       > jedoch fort.
       
 (IMG) Bild: Zerbombte Zeltlager in Rafah: Bereits eine Millionen Menschen sind in den vergangenen Wochen aus der Stadt geflohen
       
       Jerusalem und Chan Junis taz | Am späten Sonntagabend, gegen 21 Uhr,
       leuchtet der Himmel über Abed Alla plötzlich rot auf. „Es war, als gäbe es
       ein Erdbeben“, erzählt er am Telefon aus dem Süden Gazas. Nur fünfzig Meter
       sei er von der Explosion entfernt gewesen, die das Flüchtlingslager nahe
       Rafah – in dem auch Alla zuvor Zuflucht gefunden hatte – erschütterte.
       Ausgelöst wird sie von einem Luftschlag des israelischen Militärs. Nach
       deren Angaben gilt er zwei hochrangigen Hamas-Mitgliedern, die sich in dem
       Camp aufhielten.
       
       Nach Angaben der Hilfsorganisation [1][Ärzte ohne Grenzen], die nahe dem
       Angriffsort einen Stabilisierungspunkt zur medizinischen Versorgung
       betreibt, sterben mindestens 28 Menschen, 180 werden teils schwer verletzt.
       Am Dienstag hat der UN-Sicherheitsrat angesichts des Vorfalls eine
       Dringlichkeitssitzung einberufen.
       
       Das auf die Explosion folgende Feuer, erzählt Alla, sei so stark gewesen,
       dass er das Gefühl hatte, sein Gesicht würde brennen. Überall seien
       Schrapnellteile gewesen, Menschen vor seinen Augen verstorben. „Ich konnte
       nicht helfen“, erklärt er, „ich war wie in einem Albtraum gefangen“. Und:
       „Ich danke Gott, dass ich den Tod überlebt habe.“ Bereits kurz nach dem
       Angriff verbreiten sich über die sozialen Netzwerke Bilder und Videos des
       Feuers, von verbrannten Menschen und Blechhütten.
       
       ## Internationale Empörung über Luftangriff
       
       Die Empörung im Netz ist groß. Das hängt auch mit dem Urteil des
       [2][Internationalen Gerichtshof (IGH)] von Freitagabend zusammen, das
       Israel angewiesen hatte, seine Militärkampagne sowie weitere Aktionen in
       Rafah zu stoppen, wenn diese den Palästinenserinnen und Palästinensern
       Lebensbedingungen auferlegten, „die ihre physische Zerstörung ganz oder
       teilweise herbeiführen könnten“.
       
       Dass zwei Tage später Dutzende Menschen – darunter wohl die meisten
       Zivilisten – bei einem Luftangriff getötet werden, erscheint vielen wie
       Hohn. Auch die internationalen Reaktionen fielen entsprechend scharf aus.
       Die USA nannten die Bilder nach dem Angriff „herzzerreißend“ und mahnten:
       Israel habe das Recht, gegen die Hamas vorzugehen, aber müsse auch jede
       mögliche Vorsichtsmaßnahme ergreifen, um Zivilistinnen und Zivilisten zu
       schützen.
       
       Deutlich kritischer äußerte sich der Außenminister Irlands, Micheál Martin.
       Man diskutiere derzeit mit anderen EU-Staaten die Möglichkeit, Israel mit
       Sanktionen zu belegen, sollte es sich weiterhin nicht an das Völkerrecht
       halten. Das Treffen schloss sich an den Luftschlag vom Sonntag an. Auch die
       politische Führung anderer EU-Staaten äußerte sich noch deutlich kritischer
       als bisher.
       
       Frankreichs [3][Präsident Emmanuel Macron] erklärte auf dem Netzwerk X:
       „Diese Operationen müssen aufhören. Es gibt keinen sicheren Ort in Rafah
       für palästinensische Zivilistinnen und Zivilisten“. Er sprach sich außerdem
       für einen sofortigen Waffenstillstand aus. Italiens Verteidigungsminister
       Guido Crosetto erklärte: Das palästinensische Volk werde „ohne Rücksicht“,
       unter Druck gesetzt. Das sei nicht länger zu rechtfertigen.
       
       ## Zurückhaltung in Deutschland
       
       Deutschland äußerte sich zurückhaltender: Regierungssprecher Steffen
       Hebestreit sagt, dass in Zusammenhang mit dem Angriff „ein Fehler passiert“
       sei. Israel habe das Recht sich zu verteidigen, und die Frage, ob es sich
       um ein Kriegsverbrechen handele, müsste Juristen überlassen werden. Man
       dürfe „anhand von Bildern nicht sofort ein Urteil fällen“. Außenministerin
       Annalena Baerbock erklärte etwas deutlicher: Die Entscheidungen des IGH
       seien bindend und müssten befolgt werden. Gerade erlebe man laut Baerbock
       das Gegenteil.
       
       Das israelische Militär setzt derweil seine Offensive auf Rafah fort. Knapp
       eine Million Menschen, die zuvor in der Stadt in Süd-Gaza Zuflucht gesucht
       hatten, sind nach Angaben der Vereinten Nationen bereits in andere Teile
       des Gazastreifens geflohen. Am Dienstag flog das israelische Militär erneut
       Luftangriffe, nach palästinensischen Angaben in der humanitären Zone
       al-Mawasi. Über 20 Menschen sollen dabei getötet worden sein. Die
       israelische Onlinezeitung [4][The Times of Israel] berichtet außerdem: Das
       Militär habe eine zusätzliche Brigade nach Rafah beordert. Laut
       Augenzeugenberichten sollen zudem Panzer des Militärs am Dienstag bis ins
       Zentrum von Rafah vorgerückt sein.
       
       28 May 2024
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Reaktionen-auf-IGH-Entscheid-zu-Gaza/!6010125
 (DIR) [3] https://x.com/EmmanuelMacron/status/1795041573224206368
 (DIR) [4] https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/idf-deploys-additional-brigade-to-rafah-as-troops-find-tunnels-weapons-terror-operatives-in-southern-gaza/
       
       ## AUTOREN
       
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