# taz.de -- Nach Putins Amtseinführung: Alles bleibt beim Alten
       
       > Die Umbildung des Moskauer Regierung hat nur eins zum Ziel: einen langen
       > Abnutzungskrieg gegen die Ukraine. Und Putins Machterhalt.
       
 (IMG) Bild: Der neue russische Verteidigungsminister Andrei Belousov bei einem Treffen mit Putin am 15.05.2024
       
       Wofür der neue russische Verteidigungsminister sorgen soll? Präsident
       Wladimir Putin formuliert es so: Es solle ein Gleichgewicht zwischen Butter
       und Kanonen her, eine „organische Anpassung dieser Beziehung in die
       Entwicklung unseres Staats“. Als er das sagte, war [1][der Neue, der
       Wirtschaftsmann Andrei Beloussow,] gerade im Amt bestätigt. Er ist die
       herbeigeholte Superwaffe in Putins Maschinerie des Tötens.
       
       Der Spruch von Kanonen und Butter ist [2][Nazisprech, Reichsminister Rudolf
       Hess] schärfte ihn 1936 den Deutschen ein, als es galt, ziviles Leben der
       Aufrüstung unterzuordnen, Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels wollte
       „zur Not auf die Butter verzichten, auf Kanonen aber niemals“. Putin, der
       seinen militärischen Prioritäten mittlerweile alles unterordnet, auch die
       Sozial- und die Bildungspolitik, will beides haben: Andrei Beloussow soll
       für Butter und Kanonen zugleich sorgen.
       
       Das Volk soll von höheren Löhnen und sonstigen sozialen Annehmlichkeiten
       profitieren (davon ausgenommen sind die, die als „ausländische Agenten“,
       „Extremisten“, „Terroristen“ aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind). Es
       soll auch Opfer bringen für den „großen Sieg“, den ihm Putin und seine
       Propagandist*innen jeden Tag aufs Neue verkaufen. Das Volk kauft fast
       schon bereitwillig das höllische Päckchen aus Größe und Einzigartigkeit,
       das sich aus Unsicherheit, Verbitterung und Angst speist.
       
       Damit, dass Putin den belächelten, in der Ukraine [3][nicht bewährten
       Sergei Schoigu] absetzen würde, war zu rechnen. Den Zivilisten Beloussow
       aber, bis vor Kurzem als Vizepremier für Wirtschaftspolitik zuständig,
       hatte niemand im Blick. Unlogisch ist der Schritt nicht. Putin kennt den
       65-jährigen Moskauer seit Jahren als Berater in Wirtschaftsfragen. Noch vor
       nicht allzu langer Zeit war der stets auf Staatsregulierungen ausgerichtete
       Ökonom mit seinen eigenwilligen Ideen nicht sonderlich gefragt. Nun aber
       erscheint er geradezu zeitgemäß, zumal er auch Putins Besessenheit teilt,
       von allerlei Feinden umzingelt zu sein.
       
       ## Befehle erteilt der Kremlherrscher
       
       Der nicht gedient habende [4][Beloussow ist der, der das
       Verteidigungsministerium auf Effizienz trimmen soll], er hat dort keine
       eigenen Leute, die hinter ihm stehen. Damit sind auch für Putin die Risiken
       gering, dass sich ihm jemand in den Weg stellte. Befehle erteilt der
       Kremlherrscher selbst. Zusammen mit dem von seinem Posten des Industrie-
       und Handelsministers auf die Vizepremierstelle gewechselten Denis Manturow
       soll Beloussow die Kriegswirtschaft optimieren.
       
       Putins Personalentscheidungen zur neuen Amtszeit sind nicht sonderlich
       spektakulär. Im Großen und Ganzen soll das beibehalten werden, was es gibt,
       es soll nur produktiver werden. Das macht die wenigen Umbauten allerdings
       nicht unbedeutend. Sie sind vielmehr gefährlich. In erster Linie für die
       Ukraine. Aber auch für den Westen, wo sich viele immer noch im Wunschdenken
       eingerichtet haben, man müsse nur mit Putin reden, schon komme der Frieden
       und es werde wieder alles, wie es einmal war.
       
       Das wird es nicht. Das Regime in Russland richtet sich auf einen [5][langen
       Abnutzungskrieg] ein und tut alles dafür, als Sieger daraus hervorzugehen.
       Es baut das gesamte System um, formt vom Kindergarten an kleine Soldaten.
       Auf Moskauer Spielplätzen sinnieren bereits Sechsjährige darüber, wohin sie
       eine [6][Atombombe werfen könnten].
       
       Im Moskauer Siegespark schießen kleine Jungs mit Plastikwaffen auf
       zerbeulte Beutepanzer aus der Ukraine, während die Eltern ihre „kleinen
       Patrioten“ stolz fotografieren. Der Krieg, mag er in Russland auch nicht
       als solcher bezeichnet werden, ist längst in den Alltag eingebettet. Er ist
       zur Norm geworden und wird die Gesellschaft, selbst nach dem wie auch immer
       gearteten [7][Ende der Kampfhandlungen, noch Jahre beschäftigen].
       
       ## Der moderne Zar bedenkt seine Verbündeten
       
       Der moderne Zar sichert derweil die Macht für sich und seine Umgebung,
       indem er die Clans, die eng mit ihm verbunden sind – manche noch aus der
       Osero-Datschenkooperative bei Sankt Petersburg –, mit wichtigen Posten
       bedenkt und so das Machtgefüge disponiert. Boris Kowaltschuk, Sohn seines
       Kumpanen Juri, ist nun Vorsitzender des Rechnungshofs, Dmitri Patruschew,
       der Sohn des ehemaligen Sicherheitsrat-Sekretärs Nikolai, steigt zum
       Präsidentenberater auf.
       
       Die Rotenbergs, reich und einflussreich, bedenkt Putin, indem er Roman
       Starowoit zum Verkehrsminister gemacht hat, und den Rohstoffhändler Gennadi
       Timtschenko, indem er Sergei Ziwiljow zum Energieminister ernannt hat.
       Michail Mischustin bleibt als Ministerpräsident auch weiterhin der leise,
       effektive Technokrat. Sie alle sind kompetent, und sie sehen sich im Krieg
       gegen den Westen.
       
       18 May 2024
       
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