# taz.de -- Wissenschaftler über Weltraumnahrung: „Alles, was krümelt, ist verboten“
       
       > Volker Hessel ist Professor für Nachhaltiges Chemieingenieurswesen. Er
       > verrät, warum Tubenessen im Weltraum bald der Vergangenheit angehören
       > könnte.
       
 (IMG) Bild: Bald gibts Burger für Erdlinge im All
       
       wochentaz: Herr Hessel, stimmt es, dass man auf der Internationalen
       Raumstation ISS keine Chips essen darf?
       
       Volker Hessel: Ja, das stimmt – und auch kein Brot. Alles was in tausend
       Teilen krümelt, ist verboten. Die Teile würden überall herumschweben, und
       man würde sie sehr schlecht aus der ISS rauskriegen.
       
       Seit Kurzem kann man [1][auf der ISS Misopaste] essen, die vor Ort
       fermentiert wurde, und das offenbar zum ersten Mal. Was bedeutet das für
       die Ernährung im All? 
       
       Was da oben auf der ISS am meisten vermisst wird, ist das Essen. Bislang
       ernähren sich die Astronauten meist von thermostabilisierten Pasten oder
       gefriergetrockneten Nahrungsmitteln. Das schmeckt nicht besonders.
       Fermentation ist da ein Schritt in die richtige Richtung.
       
       Die im All produzierte Misopaste soll nussiger und kräftiger schmecken als
       auf der Erde. Woran liegt das? 
       
       Es gibt immer wieder Berichte, dass das Essen dort oben anders schmeckt und
       riecht. Das ist nicht zu 100 Prozent wissenschaftlich bestätigt. Aber im
       Weltall funktioniert vieles anders, die Verdauung zum Beispiel. Die
       Bewegungen des Verdauungstraktes sind durch die fehlende Schwerkraft
       gestört, wodurch die Nahrungsaufnahme reduziert wird. Gleichzeitig dauert
       der Verdauungsprozess länger, der Magen kann wehtun. Außerdem haben
       Astronauten einen erhöhten Nährstoffbedarf. Im All brauchen sie bis zu
       3.700 Kalorien pro Tag, das sind 50 Prozent mehr Kalorien als auf der Erde.
       Medikamente wirken schlechter, und Krankheiten sind zum Teil stärker.
       
       Welche Ideen gibt es noch, um die Ernährung im Weltraum zu verbessern? 
       
       Die Astronauten sollen mehr frische Nahrung mit Geschmack essen können. Das
       Ziel ist daher, ein Gewächshaus auf dem Mond zu bauen, mit dem sie sich
       selbst versorgen können.
       
       Ein Gewächshaus auf dem Mond? Das klingt wirklich nach Science-Fiction. 
       
       Der technische Aufwand ist groß – aber der Wille auch. Die NASA will im
       September 2025 wieder Astronauten zum Mond schicken. 2028 soll dort eine
       Station auf dem Südpol gebaut werden, eine Art erstes Monddorf. Und eine
       Reise zum Mars ist für die Jahre nach 2030 geplant.
       
       Wie kommen die Pflanzen mit der Schwerelosigkeit im All zurecht? 
       
       Pflanzen können sich sehr gut anpassen, sie sind schon viel länger hier als
       wir. Und mit Gewächshäusern im All gibt es seit über 50 Jahren Erfahrung.
       Solange Temperatur, Wasserversorgung und CO2-Gehalt stimmen, wachsen die
       Pflanzen gut. Aber klar, gewisse Dinge funktionieren nicht. Das Besprühen
       von Pflanzen mit Dünger zum Beispiel – in der Schwerelosigkeit fallen
       Tropfen nicht nach unten.
       
       Fliegt die Erde, in der die Pflanzen wachsen, dann nicht auch herum? 
       
       Nein, die Erde im Mini-Gewächshaus auf der ISS ist verpackt und damit
       abgeschlossen. Aber es liegt auch viel Hoffnung auf rein wasserbasierten
       Systemen ohne Erde. Gleichzeitig muss der Wasserbedarf reduziert werden,
       weil Wasser im Weltall noch viel kostbarer ist. Die Pflanzen müssen auch
       mit Stress umgehen können. Wenn das Licht im Gewächshaus auf der ISS zum
       Beispiel mal für zwei Tage ausfällt, dürfen sie nicht gleich absterben.
       
       Die Pflanzen werden also mit künstlichem Licht versorgt? 
       
       Ja, mit LED-Licht, wie auf der Erde in den Gewächshäusern in den
       Niederlanden auch. Man kann das Licht so optimieren, dass es letztendlich
       besser ist als das Sonnenlicht. Sonnenlicht ist eine Mischung aus grünem,
       blauem und rotem Licht. Pflanzen haben aber ein bevorzugtes Licht, das
       lässt sich dann anpassen.
       
       Welche Pflanzen kommen im Weltall nicht so gut zurecht? 
       
       Baumartige Pflanzen eher nicht, weil sie die Schwerkraft brauchen. Sie
       wachsen hoch und sind nicht besonders buschig. Kompaktere Pflanzen, die
       sich in alle Richtungen ausbreiten, eignen sich besser.
       
       Zum Beispiel? 
       
       Das fängt an mit Salat, Tomaten, Weizen, Flachs oder Pak Choi. Salat ist
       eine der am schnellsten wachsenden Pflanzen, deshalb eignet er sich gut.
       
       Mit einem [2][Forschungsteam haben Sie zehn Gerichte für die optimale
       Ernährung im Weltraum getestet]. Sechs mit Fleisch und vier vegane
       Gerichte. Welches Essen hat gewonnen? 
       
       Der Space Salat. Er enthält die optimalen Nahrungsmittel für Astronauten
       und besteht aus sieben Zutaten: Süßkartoffeln, Mohn, Sonnenblumenkernen,
       Grünkohl, Gerste, Sojabohnen und Erdnüssen.
       
       Was waren die Anforderungen an diesen Salat? 
       
       Wir haben eine Software entwickelt, die mit Bedingungen arbeitet. Das
       Gericht musste ausreichend Nährstoffe für einen ganzen Tag beinhalten.
       Gleichzeitig sollte es nicht zu viel wiegen, also eine hohe Nährstoffdichte
       haben. Die Astronauten sollten durch das Gericht auch kein Gewicht zulegen.
       Wir haben berechnet, wie groß ein Gewächshaus sein muss, in dem das ganze
       Essen angebaut wird und wie viel Abfall das Gericht produziert. Diese
       Faktoren müssen minimal gehalten werden. Der Space Salat hat dann am besten
       abgeschnitten.
       
       Das klingt nach sehr viel Forschung dafür, dass nur rund 21
       Astronaut:innen pro Jahr ins All fliegen. Lohnt sich das überhaupt? 
       
       Die Erforschung des Weltalls hat der Erde schon unglaublich viel gebracht.
       Wir hätten kein GPS ohne die Weltraumforschung. Niemand würde sagen, dass
       das unwesentlich ist. Und die Weltraumforschung befreit meine Gedanken von
       irdischen Fesseln.
       
       Woran denken sie da zum Beispiel? 
       
       Ich habe ja schon gesagt, dass Salat sehr schnell wächst. Aber der
       Weltrekord wird von Duckweed gehalten, das auf Teichen und langsam
       fließenden Gewässern schwimmt. Mir ist das deutsche Wort entfallen …
       
       Die kleine Wasserlinse meinen Sie, besser bekannt als Entengrütze. 
       
       Die wächst schneller als alles andere und ist unglaublich proteinreich.
       Aber sie sieht nicht schön aus, da müssen wir umdenken. Wenn wir wirklich
       zum Mars fliegen wollen, spielen Pflanzen übrigens auch da eine besondere
       Rolle. Es geht nicht nur darum, dass sich die Astronauten durch die
       frischen Pflanzen besser ernähren, sondern, dass sie von den Pflanzen
       umgeben sind.
       
       Wie meinen Sie das? 
       
       Bisher sind die Astronauten auf der ISS nur etwa 400 Kilometer weit
       entfernt. Meistens sind sie nur für ein paar Monate im All. Eine Reise zum
       Mars dauert fast drei Jahre mit Hin- und Rückweg. Es gibt Erfahrungen durch
       Antarktisexpeditionen, wo die Menschen mehr als ein halbes Jahr isoliert
       waren und dann nicht mehr richtig funktionierten. Sie arbeiten zum Beispiel
       nicht mehr gut im Team. Das müssen wir unbedingt vermeiden auf einer
       Weltraumreise. Pflanzen können sich da positiv auf die Psyche auswirken.
       
       Würden Sie gerne mal ins All fliegen? 
       
       Einige Tage wären sicher wunderbar. Aber ich brauche einen gewissen
       Grundluxus. Ich mache auch keinen Urlaub im Zelt oder auf dem Campingplatz,
       also für länger lieber nicht.
       
       Korrekturhinweis: In einer vorherigen Version haben wir nach der
       Schwerelosigkeit auf dem Mond gefragt. Dort herrscht allerdings nur eine
       verminderte Schwerkraft.
       
       28 Mar 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.researchgate.net/publication/378535260_Food_Fermentation_in_Space_Is_Possible_Distinctive_and_Beneficial
 (DIR) [2] https://pubs.acs.org/doi/10.1021/acsfoodscitech.3c00396
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophie Fichtner
       
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