# taz.de -- Fall der „SZ“-Vizechefin Föderl-Schmid: Wir sollten mehr Ethik lernen
       
       > Das Drama um die Vizechefin der „Süddeutschen Zeitung“ sollte den Medien
       > ein Lehrstück darüber sein, wie man besser nicht mit Verdächtigungen
       > umgeht.
       
 (IMG) Bild: Wie viel Niedertracht, und wenn sie noch so versteckt ist, steckt in uns?
       
       In dieser Wochenrückblicks-Kolumne sollte es eigentlich unter anderem um
       Plagiate gehen – schmunzelnd, ironisch. Alexandra Föderl-Schmid, der
       stellvertretenden Chefredakteurin der Süddeutschen Zeitung, wird
       vorgeworfen, in ihrer Doktorarbeit geschummelt und für Artikel [1][von
       anderen Texten abgeschrieben zu haben.]
       
       Besonders skandalös sind die Sachen nicht. Als berufsbedingter
       Zeitungsvielleser stoße ich ständig auf Pseudo-Quellenangaben wie „heißt
       es“ oder auf butterweiche Abschwächungen wie „Person XY gilt als …“.
       Übersetzt: Man hat es irgendwo gelesen, macht sich jetzt aber nicht die
       Mühe, das mal selbst zu prüfen. Eine regelrechte Kampagne mit schadenfrohem
       Unterton lief an, vorne dabei natürlich der [2][ruchlose
       Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt], der einen sogenannten Plagiatsjäger
       dafür extra bezahlte. Endlich kann man es einer verhassten linksliberalen
       Elitejournalistin einmal zeigen!
       
       Diesen Donnerstag und Freitag wurde Alexandra Föderl-Schmid vermisst; die
       Polizei suchte am Inn zwischen Bayern und Österreich nach einer Frau wegen
       „Suizidgefahr“. Schließlich wurde die Journalistin unter einer Brücke
       gefunden; „unterkühlt“, aber lebend. Wie kann es sein, dass eine Person
       abtaucht, von der Welt nichts mehr wissen will, weil ihr handwerkliche
       Fehler in ihrem Beruf vorgeworfen wurden? Der zeitliche Zusammenhang mit
       der Kampagne gegen sie ist offensichtlich. Wo liegt die Verantwortung der
       Medien, die darüber, nun ja, berichteten?
       
       Die SZ prüfte die Verbindungsdaten ihrer MitarbeiterInnen, um den
       Whistleblower über die zunächst intern gehaltenen Vorwürfe in ihren Reihen
       ausfindig zu machen – und machte die Sache damit erst recht groß. Die
       Zeitung kündigte eine externe Überprüfung der Vorwürfe an und schrieb:
       „[3][Bis dahin will sie sich aus dem operativen Geschäft zurückziehen.]“
       Will? Nein, ganz sicher wurde sie dazu gezwungen – das übliche verlogene
       Unternehmenskommunikations-Deutsch. Der Druck auf Alexandra Föderl-Schmid
       muss unmenschlich gewesen sein.
       
       ## David Foster Wallaces großartige Rede
       
       Der Schriftsteller David Foster Wallace hielt mal [4][eine großartige Rede
       vor den Absolventen einer Hochschule in Ohio], die als kleines Büchlein
       erschien. Wallace, der unter schweren Depressionen litt und im Jahr 2008
       Suizid beging, konfrontierte die Studenten mit ihren
       „Standardeinstellungen“: ihrer Art, wie sie Menschen beurteilen. Er
       empfahl, auf nervige Mitmenschen oder die, über die man sich leichthin
       lustig machen kann, mal ganz anders zu blicken; etwa die „bräsige Frau“ in
       der Supermarktschlange, die „gerade ihr Kind angeschnauzt hat, mit anderen
       Augen zu sehen – vielleicht ist sie sonst nicht so; vielleicht hat sie
       gerade drei Nächte nicht geschlafen, weil sie ihrem an Knochenkrebs
       sterbenden Mann die Hand gehalten hat; vielleicht hat genau diese Frau auch
       den unterbezahlten Job im Straßenverkehrsamt und hat gestern Ihrem Mann
       geholfen, durch einen kleinen Akt bürokratischer Güte einen albtraumhaften
       Papierkrieg zu beenden“.
       
       Es wäre gut, Alexandra Föderl-Schmid jenseits der
       Standardeinstellungen zu sehen. Was mag sie zu Copy-and-paste bewogen
       haben, sollten die Vorwürfe denn stimmen? Ist der Performancedruck zu groß?
       Und die in dieser Sache federführenden Medien sollten mal eine kleine
       Inspektion bei sich machen, von wegen „Wer ohne Sünde ist, der werfe den
       ersten Stein“.
       
       ## Sind wir immer Vorbild?
       
       Diese und vergangene Woche wurden in den Schulen die Halbjahreszeugnisse
       ausgegeben, und wir Eltern und Erwachsene haben wieder kritisiert oder
       beiläufig gelobt. Du hast eine Zwei in Ethik? Toll! Aber warum nehmen wir
       Erwachsene uns nicht mal die Zeit, den tollen Stoff, den unsere Kinder
       unterrichtet bekommen, selbst zu studieren? Das volle Programm der Ethik:
       Was ist richtig und was ist falsch? Was ist Vernunft, was ist
       verhältnismäßig? Wie gehen wir miteinander um? Sind wir wirklich immer für
       die Kinder ein Vorbild? Wie viel Niedertracht, und wenn sie noch so
       versteckt ist, steckt in uns?
       
       Einer der letzten Sätze der Rede von David Foster Wallace, drei Jahre vor
       seinem Tod, lautete: Es ist unvorstellbar schwer, tagein, tagaus bewusst
       und erwachsen zu leben.
       
       9 Feb 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Aufregung-bei-der-Sueddeutschen-Zeitung/!5987384
 (DIR) [2] /Terror-und-Gewalt-in-den-Medien/!5286581
 (DIR) [3] https://www.sueddeutsche.de/kolumne/in-eigener-sache-stellvertretende-chefredakteurin-zieht-sich-vorerst-aus-tagesgeschaeft-zurueck-1.6344306
 (DIR) [4] https://fs.blog/david-foster-wallace-this-is-water/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gunnar Hinck
       
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