# taz.de -- Isolation auf dem Land: Endzeit in Gummistiefeln
       
       > Die Schönheit des Landlebens nimmt schon ab, wenn man wegen Hochwasser,
       > Bahnstreik und Treckerdemos nicht mehr weg kommt. Eine Kolumne im
       > Lagerkoller.
       
 (IMG) Bild: Auf dem Weg in die Stadt: einfach die Straße runter
       
       Natürlich war es nie der Plan, hier draußen auf dem Land zu versauern. Ein
       bisschen mehr Abgeschiedenheit, ja – vielleicht sogar ein Hauch Isolation –
       Sicherheitsabstand jedenfalls zur Großstadt und ihrem Personal. „Geistige
       Mülltrennung“ [1][hatte ich das mal genannt], in der Hoffnung, den ganzen
       Rotz aus Lohnarbeit und Kulturbetrieb woanders zu verklappen, als wo das
       Leben stattfindet. Ihre erste Delle bekam die Konstruktion recht zügig, als
       unter Corona die Arbeiterei nachrückte: Homeoffice und so weiter … Sie
       kennen das Elend.
       
       Doch auch wer sich daran inzwischen gewöhnt hat, konnte dieser Tage doch
       wieder unerwartet ins Schlingern kommen. Als die Stadt nämlich plötzlich
       sehr viel weiter weg war als üblich, abgedriftet in die Anderswelt. Das mag
       esoterisch klingen, fühlt sich aber auch genau so an. Die Stadt ging fort
       und kam bisher auch nicht wieder zurück.
       
       Die weltlichen Hintergründe des Phänomens sind vielschichtig:
       unterschiedliche Plagen, die wir Teilzeitmystiker:innen aus der Bibel
       auch als „Schalen des Zorns“ kennen und deren erste das niedersächsische
       Hochwasser war. Aber wahrscheinlich müsste man die Geschichte eigentlich
       ganz anders erzählen. Endzeit geht auch ohne Gott.
       
       ## Irgendwo im Nirgendwo
       
       Ich war jedenfalls viel unterwegs zwischen den Jahren und war da schon in
       so eine komische Zeitlosigkeit geraten, bin über sandsackgestützte Deiche
       gewandert, habe am Kaminfeuer über Landkarten gebrütet und meine
       beschwerlichen Reisen (in die Nachbarstadt) geplant, weil Google Maps sich
       hartnäckig weigerte, die Sperrung von Brücken zur Kenntnis zu nehmen, die
       außer mir kaum wer benutzt. Am Ende habe ich’s gelassen und dem
       Einsiedlertum sogar ein bisschen Lebensqualität abgerungen.
       
       Auch den nächsten Stadtbesuch habe ich wegen drohenden Treckervolkssturms
       lieber ausgesetzt und mich stattdessen einfach noch etwas mehr auf den
       anstehenden Konzertbesuch gefreut – als ersten richtigen
       Zivilisationskontakt seit drei Wochen.
       
       Den allerdings hat nun [2][der Bahnstreik] verunmöglicht, der einen hier
       draußen tatsächlich noch etwas härter zu treffen vermag, als man sich das
       in der Stadt vorstellen kann.
       
       Und ich merke: Das Rausziehen aus der Stadt ist als Modell nur so lange
       attraktiv, wie es die Stadt nebenan noch gibt. Jetzt habe ich seit Tagen
       die zauberhafte Band The Ex [3][im Ohr] („I can foresee it’s time to leave
       town“) und fühle mich ein bisschen verraten von der Prophetie („I can
       really foresee that this town will go down / I forsee we’re all going to
       drown“). Weil es am Ende dann ja doch wir hier draußen waren, die
       abgesoffen sind.
       
       ## Krisen sind für alle da
       
       Bevor aber jemand Carepakete schickt: Persönlich komme ich eine Weile auch
       ohne Bimmelbahn zurecht, niemand hat versucht, mich an auf Trecker
       montierten Galgen aufzuknüpfen – ja, selbst das Wasser hat es nicht mal bis
       in meinen Keller geschafft. Und auch wenn es nicht ganz fair ist, hilft
       gegen den Lagerkoller am Ende doch auch, dass das für mich unerreichbare
       Konzert kurzfristig auch für alle anderen abgesagt wurde.
       
       Der Vorverkauf war wohl zu schlecht. Was übrigens auch so eine Plage ist –
       und ein Teufelskreis: Zumindest ich habe zunehmend weniger Lust, den
       Aufrufen von Veranstalter:innen zu folgen, Tickets für kleine Bands zu
       kaufen, wenn sie dann doch ständig ausfallen, was jedes Mal verbranntes
       Geld bedeutet, weil „Servicegebühren“ und so weiter [4][ja oft nicht
       erstattet werden].
       
       Das ist eine andere Geschichte, aber man sieht doch: Es sind multiple
       Krisen, mit denen wir uns herumschlagen, und die gibt es auch in der Stadt.
       
       12 Jan 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Umzug-von-der-Stadt-aufs-Land/!5803934
 (DIR) [2] /Arbeitskampf-der-GDL-bis-Freitagabend/!5984872
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=dzFUjOksyME
 (DIR) [4] https://www.verbraucherzentrale.de/aktuelle-meldungen/vertraege-reklamation/verlegte-veranstaltungen-urteil-und-musterklage-gegen-eventim-46263
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan-Paul Koopmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Kolumne Speckgürtelpunks
 (DIR) Schwerpunkt Bahnstreik
 (DIR) Hochwasser
 (DIR) Landleben
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) GDL
 (DIR) Hochwasser
 (DIR) Stadt-Land-Gefälle
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Gesellschaftliche Mobilität: Es gibt kein Bier auf Hawaii
       
       Glück im Unglück: In der Quarantäne liegen zwar auch bei unserem
       Kolumnisten die Nerven blank, aber so richtig weit weg von zu Hause wollte
       er ja eh nicht.
       
 (DIR) Lust auf Land: Werbung für die Idylle
       
       In Deutschland zieht es die Menschen vermehrt zurück in ländliche Gebiete.
       Initiativen wie „Gelobtes Land“ im Rhein-Hunsrück-Kreis unterstützen sie
       dabei.
       
 (DIR) Lokführerstreik ab Mittwoch: Gericht erlaubt Streik
       
       Die Lokführergewerkschaft GDL ruft von Mittwoch bis Freitag zum Bahnstreik
       auf. Der Bahn gelang es nicht, den Streik juristisch aufzuhalten.
       
 (DIR) Hochwasserlage bleibt angespannt: Wassermassen bereiten weiter Sorgen
       
       Seit Tagen sind Helfer in den Hochwassergebieten im Einsatz. Nun soll es
       erneut Dauerregen geben. Der Krisenschutz könnte besser sein, sagt das DRK.
       
 (DIR) Umzug von der Stadt aufs Land: Geistige Mülltrennung
       
       Was bedeutet es, von der Großstadt aufs Land zu flüchten – ins Nichts
       sozusagen? Über ein Lebensexperiment mit offenem Ausgang.