# taz.de -- Kim Kardashian: Im 32. Semester Kimologie
       
       > Warum ist die Über-Influencerin Kim Kardashian so berühmt? Die Arte-Doku
       > „Kim Kardashian Theory“ fragt nach. Sie fragt auch: Ist das Feminismus?
       
 (IMG) Bild: Das Forschungsobjekt in freier Wildbahn
       
       Die akademische Welt steht der Populärkultur bekanntlich eher skeptisch
       gegenüber. Einige Phänomene sind jedoch so groß, dass selbst
       Wissenschaftler*innen in ihren Elfenbeintürmen sie nicht ignorieren
       können. Erst kürzlich kündigte die Eliteuniversität Harvard an, [1][Taylor
       Swift] in den Lehrplan aufzunehmen. Kim Kardashian war gleich mehrmals
       Gegenstand einer Vortragsreihe. Initiiert wurde das „Kimposium“ von der
       „Kimologin“ Meredith Jones, Professorin für Kulturwissenschaften und Gender
       Studies an der Brunel University London.
       
       Dass Kim und ihre Familie für [2][reichlich Diskussionsstoff] sorgen, ist
       keine Überraschung. Seit 16 Jahren verfolgen Menschen auf der ganzen Welt
       die sorgfältig inszenierten Dramen, Tränen und Intrigen des
       Kardashian-Clans in der Reality-Show „Keeping Up with The Kardashians“. Kim
       allein versammelt mittlerweile rund 365 Millionen Instagram-Follower*innen
       hinter sich. Mehr als die Vereinigten Staaten Einwohner*innen zählen.
       
       Aber warum ist die Influencerin überhaupt so berühmt, wenn sie, so wirkt es
       auf den ersten Blick, doch eigentlich nichts macht?
       
       Fast ein bisschen spät, könnte man sagen, beschäftigt sich nun auch der
       Kultursender Arte mit dieser Frage. Auf Metaebene versucht die
       Dokumentation „Kim Kardashian Theory“ eine Erklärung für Kims Erfolg zu
       finden. Neben der Expertise von Meredith Jones werden eine Reihe weiterer
       lebender und toter Wissenschaftler*innen zu Rate gezogen, einige
       naheliegender als andere. Von Émile Durkheim über Pierre Bourdieu bis
       Judith Butler ist alles dabei.
       
       ## Privatleben als Geschäftsmodell
       
       Anschaulich belegen sie, wie Kim Kardashian zum Katalysator für unsere
       Wünsche, Sehnsüchte und Träume geworden ist, eine „soziale Tatsache“, die
       zahlreiche gesellschaftliche Debatten des 21. Jahrhunderts widerspiegelt.
       Wie keine andere hat sie [3][aus ihrem Privatleben ein Geschäftsmodell
       entwickelt], das nicht nur die Lust am Schauen befriedigt, sondern auch ein
       vermeintliches Versprechen enthält: Jede*r kann heute darauf hoffen,
       berühmt zu werden.
       
       Als Instagram 2010 ins Leben gerufen wurde, nutzten die Menschen die
       Plattform noch, um stark verpixelte Landschaftsbilder zu posten. Heute ist
       das Selfie aus dem sozialen Netzwerk nicht mehr wegzudenken. Den
       Kardashians sei Dank.
       
       Hinter dieser Praxis steckt allerdings mehr als das bloße Bedürfnis,
       bewundert zu werden. Kim verstand es auch, nach der Veröffentlichung ihres
       Sextapes den eigenen Körper zurückzuerobern und die Regeln des Patriarchats
       zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie als „feministische Ikone“ zu bezeichnen,
       wie es Meredith Jones in der Arte-Dokumentation tut, aber greift zu kurz.
       
       Kim Kardashian ist zweifellos eine clevere Geschäftsfrau. Ihr
       Unterwäschelabel Skims soll in diesem Jahr einen Umsatz von rund 750
       Millionen Dollar erwirtschaftet haben. Aber sie ist auch ein Nepo-Baby, das
       dem Startkapital von Staranwalt und Vater Robert Kardashian in die Wiege
       gelegt wurde. Das gibt die 43-Jährige nur ungern zu und spricht in
       Interviews lieber darüber, dass heutzutage niemand mehr arbeiten wolle. Ein
       Schlag ins Gesicht für viele Schwarze, lateinamerikanische (oder auch bloß
       arme) Frauen, deren Kultur sich Kim gerne aneignet, und allenfalls Ausdruck
       eines weißen Girlboss-Feminismus, den man längst hinter sich geglaubt
       hatte.
       
       ## Schönheits-Operationen
       
       Was aber macht es mit einer Generation, die sich Kim Kardashian zum Vorbild
       nimmt, einer weiblichen Person, deren Erfolg in erster Linie von ihrem
       Äußeren abhängt? Mit Frauen, die einem Schönheitsideal nacheifern, das
       selbst auf der Couch aufrechterhalten werden muss, aber ohne Photoshop und
       Implantaten in diversen Körperteilen kaum zu erreichen ist? (Was Kim bis
       heute bestreitet.)
       
       Antwort auf diese Fragen kann auch die Arte-Dokumentation nicht liefern.
       Doch wie sie betont, habe die Internet-Crowd den schönen Schein des
       Influencer-Daseins längst satt und sei weitergezogen.
       
       Kim Kardashian hat sich ohnehin bereits neu erfunden. Derzeit studiert sie
       Jura, um das US-Justizsystem zu reformieren. Ob für die Likes oder nicht,
       man traut es ihr durchaus zu. Der Schritt vom Reality-TV in die Politik ist
       bekanntlich nicht weit. Donald Trump hat es bereits vorgemacht.
       
       10 Jan 2024
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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