# taz.de -- Einsichten aus dem Rentnerhaushalt: Ein beständiger Kampf um Ordnung
       
       > In der Lokalzeitung taucht der Bischof auf, im TV trocknet der Amazonas
       > aus. Die Ereignisse in den Nachrichten sind Ordnungsvernichter.
       
 (IMG) Bild: Ordnung ist das halbe Leben
       
       Der [1][Soziologe Niklas Luhmann] hat für seine Systemtheorie
       beeindruckende Analysen der Funktionsweisen des Rechts, der Politik, der
       Wissenschaft, auch der Kunst abgeliefert. Unbegreiflich erschien es mir
       diese Woche, dass Luhmann ein so wichtiges System ausgelassen hat wie den
       Rentnerhaushalt.
       
       Konstruiert um den binären Code Ordnung/Nichtordnung, ist das System
       Rentnerhaushalt in unablässiger Kommunikation darüber, ob der
       Geschirrspüler schon voll ist, wann die Mülltonnen vom Straßenrand geholt
       werden müssen, welche Tablette in der Medikamenten-Wochenbox
       zurückgeblieben ist. Wer Teil eines Rentnerhaushalts wird, kann sich dieser
       Kommunikation nicht entziehen, sondern wird unabhängig vom eigenen Alter
       bzw. trotz Prä-Rentenstatus sofort in die Struktur eingefügt.
       
       Notiz an LeserInnen im Rentenalter: Sollten Sie sich gerade nicht
       angesprochen fühlen, deklarieren Sie Ihren Haushalt gern zum
       Nichtrentnerhaushalt. Die Vokabel dient nur als Verständniskategorie, um
       einen Heimatbesuch zu verarbeiten.
       
       Die lokale Zeitung – hier das Westfälische Volksblatt – stiftet Ordnung.
       Spätestens auf der zweiten Seite tauchen [2][der Bischof oder einer seiner
       Angestellten] auf, um Dinge gutzuheißen, die [3][im Advent] stattfinden.
       Die Einbruchs- und Verkehrsunfallmeldungen sind zwar wiederum tendenziell
       ordnungsfeindlich. Doch weiß das Westfälische Volksblatt diese so geschickt
       zwischen die Apotheken-Notdienste und Müllsorten-Abholzeiten einzubetten,
       dass der Schaden bei der Ordnungssuche überschaubar bleibt.
       
       Das Fernsehen stiftet einerseits Ordnung. Die Nachrichten und die Talkshows
       kommen zu festen Zeiten, mit zuverlässig wiedererkennbaren Leuten. Auch auf
       Anne Will [4][folgt ein vertrautes Gesicht]. Andererseits ist das Fernsehen
       ein schrecklicher Unordnungsstifter. Es ist regelrecht verstörend.
       
       ## Nicht das TV-Programm ist das Problem, sondern der Inhalt
       
       Wenige Tage Fernsehkonsum in einem Rentnerhaushalt machen überdeutlich: Wir
       haben kein Problem mit der Qualität des Programms oder der Nachrichten. Da
       bemühen sich Profis, unter Fernsehbedingungen (gut aussehen, in unter 20
       Sekunden auf den Punkt kommen) komplexe Sachverhalte zu erklären. Wir haben
       auch kein Problem mit Social-Media-Plattformen, die uns alle verwirren und
       aufeinander losgehen lassen.
       
       Nein, das Verstörende sind die komplett unverdaulichen Inhalte selbst. Die
       Reportage [5][aus dem austrocknenden Amazonas-Gebiet] ist kaum zu ertragen,
       ohne loszuheulen. Die Berichte von der Klimakonferenz in Dubai handeln
       davon, dass deren TeilnehmerInnen [6][nichts unternehmen werden], das
       Verbrennen fossiler Ressourcen zu beenden.
       
       Und der arte-[7][Themenabend zu Nordirland] war sicherlich gutgemeint
       platziert. Nordirland, wo 30 Jahre Bürgerkrieg in den 90er Jahren durch
       mutiges, aber auch schmerzhaftes Verhandeln beendet wurden: Das ist doch
       ein Fingerzeig gen Ukraine oder Nahost, dachten die Programm-HerrInnen sich
       bestimmt. Zu lernen war jedoch vor allem, dass es zum Friedensschluss auf
       beiden Seiten Demokratie braucht. Das heißt nichts Gutes für die Ukraine
       oder Nahost. Auch zum Heulen.
       
       Die Ereignisse selbst, von denen die Nachrichten erzählen, sind die
       Ordnungsvernichter. Und bei näherem Besehen erfüllt die Kommunikation im
       Rentnerhaushalt ihren Zweck, nämlich dem entgegenzuwirken. Der
       Rentnerhaushalt ist stationär, mit Fluchten wird hier nicht mehr gerechnet.
       Gleichzeitig bezeugt die Lebenserfahrung, was alles schiefgehen wird, wenn
       es schiefgehen kann. Deshalb muss Ordnung hergestellt werden, wo es noch
       geht.
       
       Mir erschien es plötzlich auch sehr wichtig, die Jalousien pünktlich zum
       Dunkelwerden herunterzulassen.
       
       11 Dec 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Annaeherung-an-Luhmann/!5161401
 (DIR) [2] https://www.westfalen-blatt.de/owl/kreis-paderborn/paderborn/ewige-anbetung-im-erzbistum-paderborn-wird-eroeffnet-2874845
 (DIR) [3] /Digitale-Suechte/!5977212
 (DIR) [4] https://www.ndr.de/der_ndr/presse/mitteilungen/Caren-Miosga-zum-neuen-Talk-in-der-ARD-Politik-besser-verstehen-und-verstaendlich-machen,pressemeldungndr24338.html
 (DIR) [5] /Geologe-ueber-Amazonas-Duerre/!5960544
 (DIR) [6] /Klimaschutz-Index-von-Germanwatch/!5978767
 (DIR) [7] https://www.arte.tv/de/videos/112480-001-A/es-war-einmal-in-nordirland-1-3/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulrike Winkelmann
       
       ## TAGS
       
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