# taz.de -- Umgang mit synthetischen Drogen: Jenseits von Fentanyl
       
       > Neue Opioide erobern den Markt. Die Gefahren müssen analysiert und ernst
       > genommen werden. Kriegsrhetorik allein reicht nicht.
       
 (IMG) Bild: Sie alle sind an einer Überdosis synthetischer Opioide gestorben sind, Washington 2023
       
       Auf dem großen Marktplatz der Drogen bestimmt inzwischen die Chemie das
       Geschehen. Die Gründe dafür sind vielfältig, die Auswirkungen lassen sich
       an der Dynamik des Drogenkonsums ablesen. Die Reduzierung der
       Opiumproduktion in Afghanistan durch die Taliban etwa wird sich sicherlich
       [1][auf den Heroinkonsum in Europa auswirken], die Konsumenten auf neue
       Märkte drängen. Welche neuen Auswirkungen werden die fentanylähnlichen
       synthetischen Drogen haben? Müssen wir mit einer Kette von Todesfällen
       durch Überdosierung rechnen, wie sie bereits in den USA aufgetreten ist?
       
       Todesfälle durch Überdosierung sind nicht immer auf die Verwendung von
       illegal hergestelltem Fentanyl zurückzuführen, sondern auch auf das
       Vorhandensein anderer Substanzen: mit Fentanyl verwandte Wirkstoffe, die
       nicht der internationalen Kontrolle unterliegen und die von Drogenhändlern
       auf den Markt gebracht werden, um neue Formeln zu testen.
       
       Im Jahr 2018 veröffentlichte das [2][UN-International Narcotic Control
       Board (INCB)] – um Regierungen und Einzelpersonen über eine potenzielle
       Bedrohung zu informieren – eine Liste von mit Fentanyl verwandten
       Substanzen, von denen keine legale Verwendung bekannt ist. Im Jahr 2019
       begann das INCB im Rahmen des OPIOIDS-Projekts mit der Überwachung des
       Internets, um das Auftauchen neuer Opioide auf verschiedenen
       Online-Plattformen zu überprüfen. Bisher wurden dabei 55 Opioide
       identifiziert, die nichts mit Fentanyl zu tun haben und deren Potenz und
       Toxizität noch weitgehend unbekannt sind.
       
       Die Wirkung von Fentanyl wird noch verheerender, wenn es mit Xylazin (oft
       als Tranq bezeichnet) gemischt wird, einem nicht-opioiden Beruhigungs-,
       Schmerz- und Muskelrelaxans, das erstmals 2001 in Puerto Rico als
       Zusatzstoff entdeckt wurde. Die Mischungen mindert die Wirksamkeit von
       Gegenmitteln wie Naloxon, die bei Überdosierungen eingesetzt werden. Nach
       Angaben der US-Drug Enforcement Administration (DEA) ist der
       Xylazin-Konsum in den Vereinigten Staaten zwischen 2020 und 2021 um 193
       Prozent gestiegen. Genau wie bei Fentanyl zunächst auf den Heroinmärkten an
       der US-Ostküste, breitete sich dann im Süden aus und fand seinen Weg auf
       die Drogenmärkte im Westen der USA.
       
       ## Gefahr durch synthetische Zusätze in herkömmlichen Drogen
       
       Die Zahlen zum Konsum von Fentanyl und seinen Ablegern unter Jugendlichen
       sind im Vergleich zu dem von Cannabis, Alkohol und Methamphetamin nicht
       hoch. Ein großes globales Problem ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass
       unbekannte Zusatzstoffe wie synthetische Opioide in herkömmlichen Drogen
       enthalten sind. Dies führt zu einer Situation, in der die Institutionen
       Präventions- und Sensibilisierungssysteme schaffen müssten, um die am
       meisten gefährdeten Personen zu schützen. Es gilt, eine Art von Resilienz
       auf der Grundlage von Wissen und Verantwortung gegenüber den oft suggestiv
       angebotenen Substanzen zu festigen.
       
       Neben der Prävention sind auch sozialpolitische Maßnahmen erforderlich, die
       denjenigen zugute kommen, die bereits durch den Konsum neuer Drogen
       gefährdet sind. Wir müssen verstehen, warum [3][immer mehr junge Menschen
       das Bedürfnis haben, sich wegzuballern], neue kulturelle Angebote
       entwickeln, eine alternative Lebensweise finden. Dem jüngsten
       UN-Jugendbericht zufolge hat sich in den letzten Jahren ein zweigeteiltes
       Muster des Drogenkonsums unter Jugendlichen herausgebildet: das derjenigen,
       die in schwierigen Verhältnissen leben (auch in Entwicklungsländern), und
       das der „normalen“ Jugendlichen, die im Allgemeinen mehr Möglichkeiten,
       Optionen und Unterstützung haben und den Drogenkonsum als eine Auszeit vom
       normalen Leben betrachten.
       
       Die Grenzen sind mitunter fließend; gemeinsam ist ihnen offensichtlich der
       mit dem Konsum verbundene Schaden. Das Spektrum der von den Jugendlichen
       berichteten Probleme umfasst krisenhafte familiäre Beziehungen, schlechtere
       schulische Leistungen, Unfälle, Gewalt und Krankheiten.
       
       Heute scheint es eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass die
       Drogenbekämpfung von der Prävention und der Behandlung von Menschen, die
       diese Substanzen konsumieren, getrennt werden muss. Jedoch wird der Kampf
       gegen den illegalen Drogenhandel nach wie vor für politische und mediale
       Zwecke instrumentalisiert. Diese Instrumentalisierung hat die Verwendung
       einer suggestiven Sprache gefestigt, von den Strafverfolgungsbehörden
       häufig verwendet, um die auf das Gesamtgeschehen letztlich einflusslosen
       Erfolge von Polizeieinsätzen zu verherrlichen, die auf einzelne Teile des
       illegalen Drogenmarktes abzielen, ohne dessen Komplexität zu untergraben –
       so beim Captagon.
       
       ## Größter Produzent: Syrien, größter Abnehmer: Saudi-Arabien
       
       Captagon – der frühere Handelsname für Fenetyllin – wirkt als
       Psychostimulans, fördert die Konzentration, unterdrückt den Appetit und
       mildert Angstzustände. [4][Syrien gilt als das Land mit der größten
       Produktion]. Heutiges Captagon enthält weniger Fenetyllin als ursprünglich,
       dafür einen Cocktail aus gebräuchlicheren Substanzen; darunter Koffein,
       Amphetamine und Theophyllin. Vorsynthetisierte Verbindungen werden auf dem
       Landweg nach Syrien transportiert, dort eingekapselt und mit einem Halbmond
       markiert.
       
       Die Tabletten gibt es in zwei Farben: gelb für minderwertige Qualität, weiß
       für die höherwertigere, normalerweise für den Export bestimmt. Größte
       Exportmärkte sind insbesondere Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen
       Emirate, wo es als Freizeitdroge gilt und für rund 20 US-Dollar pro
       Tablette verkauft wird. Auf dem syrischen Inlandsmarkt liegt der Preis
       zwischen 50 Cent und einem Dollar.
       
       Im Juli 2020 gaben die italienischen Behörden bekannt, sie hätten 84
       Millionen Captagon-Tabletten in drei Containern an Bord eines Schiffes aus
       Syrien beschlagnahmt. Obwohl es sich bei der Polizeiaktion um eine der
       wichtigsten Beschlagnahmungen synthetischer Drogen handelte, zeigte die Art
       und Weise, wie die Informationen verbreitet wurden einmal mehr: Bei der
       Darstellung des Krieges gegen die Drogen gewinnt allzu oft die Legende die
       Oberhand über die Realität. Denn die italienischen Behörden teilten mit,
       das beschlagnahmte Captagon sei zur Finanzierung des „Islamischen Staats“
       (IS) bestimmt gewesen.
       
       Es ist nicht verwunderlich, dass es zu einer solchen Verzerrung kommt. Die
       Propaganda des viel gepriesenen „Kriegs gegen die Drogen“ hat dazu geführt,
       dass die tatsächliche strukturelle Dynamik des Drogenhandels und seine
       Auswirkungen auf die internationalen Wirtschafts- und Sozialsysteme
       verschleiert werden.
       
       ## Captagon-Labor von Hisbollah-Mitgliedern
       
       In jüngster Zeit ist der reiche Drogenmarkt beispielsweise zu einer
       Finanzierungsquelle für das Assad-Regime geworden, für den angesichts der
       heimischen Wirtschaftskrise die Drogeneinnahmen ein wichtiges Mittel
       geworden sind, um sich an der Macht zu halten. Das syrische Marktnetz
       stützt sich auf die operative Unterstützung internationaler Verbündeter wie
       der iranischen Islamischen Revolutionsgarde, der Hisbollah und der
       Wagner-Gruppe. Bereits 2012 beschlagnahmten die libanesischen Behörden ein
       von Hisbollah-Mitgliedern betriebenes Captagon-Labor.
       
       Die Ausbreitung dieses Marktes ist das Ergebnis einer komplexen
       soziopolitischen Situation, einer humanitären und institutionellen Krise,
       die zu Armut, Gewalt und Drogenkonsum geführt hat. Es gibt in der Tat
       zahlreiche Belege dafür, dass politische und wirtschaftliche Instabilität,
       bewaffnete Konflikte und die Mobilität der Bevölkerung die Anfälligkeit für
       den Drogenkonsum erhöhen.
       
       Verfolgt man den langen Weg der internationalen Vereinbarungen seit der
       ersten internationalen Konferenz in Shanghai im Jahr 1909 („Internationale
       Opiumkommission“), ist festzustellen, dass sich der Schwerpunkt von der
       Bekämpfung des Drogenhandels und der strafrechtlichen Verantwortung der
       Konsumenten hin zu mehr Sensibilität für persönliche Betreuung und
       öffentliche Gesundheit verlagert hat. Außerhalb des engen Rahmens zwischen
       legalem und illegalem Drogenkonsum hat man sich stärker auf die
       Lebensbedingungen der Drogenkonsumenten konzentriert und einen kulturellen
       Ansatz gewählt, der den Menschen und sein Verhalten in den Mittelpunkt
       stellt.
       
       In einigen Ländern haben neuere Präventionsmaßnahmen den Anwendungsbereich
       zur Schadens- und Risikominderung erweitert und damit den neuen Kontexten
       von Konsum und Abhängigkeit Rechnung getragen. Vor diesem Hintergrund ist
       es leicht zu verstehen, dass das Auftreten einer neuen Notlage wie der
       Verbreitung synthetischer Drogen und der Todesfälle durch Überdosierung von
       synthetischen Opiaten innerhalb dieser Strategie gelöst werden muss. Nicht
       mit der Rhetorik eines Krieges gegen einzelne Teile des Marktes oder
       Produktionssysteme, die nicht immer illegal sind.
       
       Der Konsum noch unbekannter und zunächst harmlos erscheinender Drogen
       stellt oft den ersten Schritt dar in Richtung Sucht und Tod: Eine Falle, in
       die auch viele Menschen geraten, die gar nicht die Absicht haben, Drogen zu
       nehmen. Unter ihnen sind besonders vulnerable Gruppen. Wir müssen die neuen
       Gefahren analysieren und ernst nehmen, wenn wir ihnen ehrlich helfen
       wollen.
       
       4 Oct 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Fentanyl-Konsum-in-Europa/!5955059
 (DIR) [2] https://www.incb.org/
 (DIR) [3] /Neue-Jugenddroge-Benzodiazepine/!5791470
 (DIR) [4] /Drogenkonsum-in-Syrien-und-Libanon/!5838700
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Claudio La Camera
       
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